Katharina Greve zeichnet komische Kunst mit feministischem Blick. Ihr neues Werk „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“ ist von dem Comic-Klassiker „Vater und Sohn“, den Erich Ohser in den 1930ern zeichnete, inspiriert.
Klassische Stoffe weiblich und modern zu interpretieren, ist für die Comiczeichnerin Katharina Greve nichts Neues. Schon vor zehn Jahren hat sie für Saint-Exupérys kleinen Prinzen eine missmutige Cousine namens Petronia erfunden.
In ihrem neuesten Werk „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“ hat Greve jetzt auf einen Klassiker aus ihrer Kindheit einen feministischen Blick geworfen. Herausgekommen ist eine Hommage an „Vater und Sohn“, die Comicreihe von Erich Ohser, besser bekannt unter seinem Pseudonym E. O. Plauen.
Ohser wurde von den Nationalsozialisten wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt und beging im Gefängnis Suizid. Seine Vater-und-Sohn-Geschichten waren auf den ersten Blick unpolitisch. Trotzdem hat er darin eine Pädagogik praktiziert, die liebevoll war und ohne militärischen Drill und so den Nazis gegen den Strich gehen musste.
Greve hat bei ihren Recherchen zu Ohser entdeckt, dass es wichtig war, die politisch harmlos daherkommenden Vater-und-Sohn-Geschichten im Kontext der ganzen Zeitungsseite zu betrachten. Der zeitgenössische Leser konnte in diesem Gesamtzusammenhang oft eine Metaebene erkennen, auf der Ohsers Geschichten zuweilen auch als systemkritischer politischer Kommentar verstanden werden konnten. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass Ohser auch Nazipropaganda zeichnete, für Goebbels’ Presse-Prestigeprojekt „Das Reich“, in dem er die Alliierten verunglimpfte.
Greves allererste Geschichte in der Comicreihe ist direkt angelehnt an Ohsers Zeichnung „Das fesselnde Buch“: „Ich wollte ein Vater-und-Sohn-Zitat in der Sammlung haben. Die Geschichte mit dem Buch schafft mit der Abbildung einer Buchseite eine Metaebene und erzählt außerdem, dass auch Mutter und Tochter Fans von Ohsers ‚Vater und Sohn‘ sind.“
Systemkritische Kommentare
Obwohl Greve von Ohser inspiriert wurde, sieht sie ihre Figuren „als eigenständige Charaktere mit ihren eigenen Geschichten, die sich nicht als ständiges Zitat verstanden wissen möchten“. In Greves Mutter-Tochter-Geschichten geht es um Themen der Jetzt-Zeit: um Empowerment im Kampf der Geschlechter oder um einen Inlineskating-Unfall – Alltagsszenen, die jeder kennt.
Katharina Greve hat sich entschieden, 33 Zeichnungen vorab als Webcomic im Internet zu veröffentlichen. Mitte Oktober kam das Buch als Hardcover heraus. Dass die Alltagsabenteuer von Mutter und Tochter ohne Worte auskommen, macht die Storys für Comicfans aus aller Welt zugänglich: „Dass meine Webseite von Menschen aus Taiwan, Nepal, Kenia oder Kolumbien besucht wird, macht mir große Freude und ist ein Supergefühl.“ Und dass die kostenlose Vorveröffentlichung dem Buchverkauf schadet, glaubt Greve nicht. Sie sieht das eher als Werbung. Und: „Comicfans wollen das Buch in der Hand halten. Zudem hat das Hardcover auch neun Geschichten mehr, also 42.“
Auch wer kein Comicexperte ist, kann bei Ohsers Arbeiten erkennen, dass er mit einer Feder zeichnete. Mit klassischem offenem Strich. Greve hört oft, dass sich Ohsers und ihr Zeichenstil ähneln. Sie sieht sich eher als Vertreterin der franko-belgischen Stilrichtung „Ligne claire“, wie man sie aus „Tim und Struppi“ kennt: eine durchgezogene Linie, die keine Strichelung braucht, und so „ordentlich“ daherkommt.
In Deutschland müssen Comics und Graphic Novels immer noch für ihren Ruf als ernstzunehmende Kunstform kämpfen. Laut Greve liegt das auch daran, dass man erst lernen muss, wie man im Comicbuch gleichzeitig Bild und Wort liest. All das falle bei „Mutter und Tochter“ weg. „Man kann ‚Mutter und Tochter‘ einfach durchblättern, ohne sich entscheiden zu müssen, ob man liest oder guckt.“ Greve wünscht sich, dass sie sich mit ihrem Comicbuch ein neues Publikum erschließt. Was wäre dazu besser geeignet als „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“, die es wie das Vorbild „Vater und Sohn“ schaffen, auch die vertracktesten Lebenssituationen mit Witz, Freude und einer Portion Anarchie zu meistern?