Drei Fragen
„Jenseits der 75 steigt die Unfallgefahr“
Eine regelmäßige Überprüfung der Fahrtauglichkeit ab einem bestimmten Alter würde für die Sicherheit im Straßenverkehr nicht viel bringen, so der Leiter der Unfallforschung der Björn-Steiger-Stiftung Siegfried Brockmann.
Herr Brockmann, ist es wirklich so, dass ältere Autofahrer eine größere Gefahr im Straßenverkehr darstellen?
Das zeigt leider unsere jüngste Studie, in der wir kilometerbezogen sehen, dass jenseits der 75 die Gefahr dafür, dass ein Senior einen Unfall verursacht, deutlich steigt. Bisher galt, dass die sogenannten kognitiven Defizite für die höheren Zahlen sorgen. Dass die älteren Fahrer komplexe Situationen nicht mehr so schnell erfassen können. Das ist auch nicht falsch. Wir sehen jetzt in der Studie, dass zu den kognitiven Defiziten noch die medizinischen Probleme kommen. Das fängt an mit Schwindel, ihnen wird schwarz vor Augen, Krämpfe, Unterzuckerung bis hin zu den schwersten Problemen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt.
Ist also dann doch eine regelmäßige Überprüfung der Fahrtüchtigkeit für ältere Autofahrer nötig?
Das würde kaum Sinn machen, weil man solche gesundheitlichen Ereignisse nicht vorhersehen kann. Ich habe mich mit vielen Medizinern beraten über genau diese Frage. Sie sagten mir alle, selbst wenn schwere Vorerkrankungen erkannt sind, ist es faktisch nicht vorhersagbar, wann es zu Problemen kommen könnte. Es gibt keinen Senior, der nicht in hausärztlicher Behandlung ist, doch auch die Hausärzte können ein akutes Ereignis nicht vorhersagen. Dazu kommt noch das Problem Herzinfarkt oder Schlaganfall, auch das kann man nicht vorhersagen, das ist medizinisch unmöglich.
Was könnte die Fahrsicherheit gerade bei älteren Verkehrsteilnehmern verbessern?
Da sind die Familienmitglieder gefragt, auf kognitive Defizite hinzuweisen. Bei medizinischen Problemen sollten Hausärzte intensiver auf mögliche Einschränkungen hinweisen. Die Hausärzte sind da tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt. Zukünftig hoffe ich auf die Technik. Da gibt es Uhren, die sekundengenau Herz-Kreislauf-Funktionen abrufen. Denkbar: Wird eine vitale Auffälligkeit festgestellt, könnte zum Beispiel der Motor automatisch abgeschaltet werden. Moderne Autos bekommen viele Daten vom Fahrer über die Kamerabeobachtung, Vitalparameter werden über das Lenkrad abgefragt – hält das Fahrzeug die Spur? So könnte zukünftig eine kritische Situation schneller erkannt werden. Interview: Sven Bargel
Es hakt im Straßenbau
Die deutsche Bauwirtschaft wartet mit Ungeduld auf die angekündigte Infrastruktur-Offensive auch für den Straßenbau des Bundes. „Unsere Zahlen können eine Auftragsvermehrung nicht bestätigen“, bilanziert der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB), Tim-Oliver Müller, das erste halbe Regierungsjahr der Koalition. Gerade die Aufhebung des verhängten Ausschreibungsstopps bei der bundeseigenen Autobahn GmbH wäre ein wichtiges Zeichen gewesen. Der Markt zeigt jedoch „das Gegenteil“, so Müller mit Verweis auf aktuelle HDB-Daten. Danach ist allein der Umsatz im Straßenbau von Januar bis August real um 4,2 Prozent auf 10,2 Milliarden Euro gesunken. Beim Auftragseingang ging es bei Betrieben mit mindestens 20 Beschäftigten gegenüber 2024 sogar um 9,2 Prozent runter. Nun wächst die Unruhe bei den Straßenbauern: Sollte in diesem Jahr „keine Bewegung mehr entstehen, wäre das inakzeptabel und angesichts steigender Insolvenzzahlen geradezu zynisch“, so HDB-Hauptgeschäftsführer Müller.
Weihnachtsgans wird wohl nicht teurer
Martins- und Weihnachtsgans werden trotz Vogelgrippe-Ausbruch vermutlich nicht teurer, auch wird es keine Engpässe bei der Versorgung geben, so eine erste Analyse des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Hintergrund ist die ausgebrochene Vogelgrippe in diesem Herbst, verursacht vor allem durch infizierte Zugvögel, die auf ihrem Weg Richtung Süden ihren Zwischenstopp in Deutschland eingelegt haben. Bundesweit mussten bisher mehr als 100.000 Gänse, Enten und Hühner in den Geflügelbetrieben vorsorglich gekeult werden. Automatisch gab es im Handel Befürchtungen wegen der Versorgung mit Eiern und Geflügelfleisch. Bei den Eiern könnte es tatsächlich zu Engpässen kommen, sie werden teurer. Beim Fleisch sind leichte Preissteigerungen möglich, aber vor allem bei Gänsen und Enten wird es keine Engpässe geben, weil diese zu 90 Prozent nicht aus Deutschland kommen. Eine Ausnahme könnten da frische deutsche Gänse sein.
Autobauer gewinnen Marktanteile
Deutsche Autokonzerne haben sich im laufenden Jahr europaweit erstaunlich gut am Markt behauptet. Von Januar bis September steigerten die deutschen Unternehmen laut europäischem Autobranchenverband ACEA ihren Absatz im EU-Raum um 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein deutlich besseres Ergebnis als auf dem Gesamtmarkt, der für die Autobauer gerade mal mit einem Plus von 0,9 Prozent zu Buche schlägt. Damit kamen die deutschen Hersteller bis zum dritten Quartal auf einen Marktanteil von 39,5 Prozent nach 38,2 Prozent im Vorjahr. „Überdurchschnittlich stark“ waren dabei BMW und VW, so die Experten. Mercedes tritt auch 2025 auf der Stelle. Den größten Rückschlag auf dem EU-Automarkt musste Tesla hinnehmen, dessen Absatz brach seit Januar um 39 Prozent ein. Allerdings bleibt der Gesamtmarkt im Krisenmodus, so die Auto-Analysten.
Pixelpower hilft nicht beim Fernsehgenuss
Tausende Euro kann heute ein Fernsehgerät mit 8K-Technologie kosten. Hightech mit über 33 Millionen Pixeln auf dem Bildschirm, der höchste Standard, den die Multimediabranche derzeit zu bieten hat. Nun belegt eine Studie der britischen Universität Cambridge, dass das menschliche Auge die scharfen Bilder mitunter gar nicht verarbeiten kann. Dies hat nicht nur technische, sondern auch räumliche Gründe. In einem herkömmlichen Wohnzimmer mit einem Abstand vom Bildschirm zum Zuschauer von etwa 2,5 Metern mit einer Bildschirmdiagonale von durchschnittlich 112 Zentimetern bieten weder 4K- noch 8K-Geräte mehr Sehgenuss gegenüber den wesentlich günstigeren und weiter verbreiteten Quad-HD-Fernsehgeräten mit nur rund dreieinhalb Millionen Pixeln, so die britischen Wissenschaftler.
Chipmangel
Langfristige Strategie nötig
Der Chipmangel in Europa wird die Industrie noch eine ganze Weile beschäftigen – trotz der Einigung der USA mit China, die höchstens etwas Zeit erkauft hat. Der Präsident des deutschen Digitalverbandes Bitkom, Ralf Wintergerst, warnt angesichts der Lieferengpässe bei Halbleitern vor überzogenen Erwartungen. „Kurzfristig“ lasse sich an den jüngsten Engpässen „kaum etwas ändern“, so Wintergerst. Die Lieferketten sind global und die Kapazitäten „langfristig ausgebucht“. Schnelle Anpassungen sind „schlicht kaum möglich“. Selbst wenn Unternehmen neue Lieferanten fänden, dauere es, bis die Verträge verhandelt, Bauteile getestet und freigegeben sind, so die ernüchternde Bilanz von Bitkom-Präsident Wintergerst. Um langfristig den Chip-Bedarf der deutschen Wirtschaft zu sichern, fordert er nun die Bundesregierung zu einem „Risiko-Monitoring-System“ auf, um mögliche Abhängigkeiten und Engpässe „frühzeitig sichtbar“ zu machen. Außerdem müsse der Bund neue Technologie-Partnerschaften ausbauen, etwa mit Japan oder Südkorea.
Neue Polit-Generation
In den Niederlanden hat die sozialliberale Partei D 66 mit großem Stimmenzuwachs die Wahlen knapp vor der PVV des Rechtspopulisten Geert Wilders gewonnen, die deutliche Verluste hinnehmen musste. Wahlsieger ist damit der 38-jährige D 66-Chef Rob Jetten. Der muss nun den Versuch unternehmen, in dem stark zersplitterten Parteienspektrum eine Koalition hinzukriegen. Ein Partner dabei könnte der mit 39 Jahren fast gleich alte Jesse Klaver werden. Er ist der neue Chef des rot-grünen Listenbündnisses. Er folgt auf Frans Timmermans. Der frühere EU-Vize-Kommissionspräsident war nach enttäuschendem Ergebnis für Rot-Grün zurückgetreten. Die beiden U-40-Politiker stehen für eine neue Polit-Generation. Ob es auch für einen neuen Politikanfang reicht, wird sich zeigen. Regierungsbildungen in den Niederlanden sind kompliziert und dauern in der Regel ziemlich lange. Und Geert Wilders wird kaum Ruhe geben, zumal das Ergebnis der Wahl denkbar knapp ausgefallen ist.
Klage über Grenzkontrollen
Kontrollen an der deutsch-luxemburgischen Grenze belasten die Wirtschaft und sollten abgeschafft werden. Das zumindest sagen knapp zwei Drittel der Unternehmen im Bereich der IHK Trier. Demnach sind 45 Prozent für eine sofortige Abschaffung der Kontrollen, weitere 18 Prozent zumindest dafür, dass es keine Verlängerung über März 2026 hinaus geben sollte. Von den rund 60 befragten Unternehmen sagen 14 Prozent, dass sie starke, und 29 Prozent, dass sie mittlere Umsatzrückgänge zu verzeichnen haben. „Die Grenzkontrollen führen zu Verzögerungen im Berufs- und Lieferverkehr, schrecken Kundinnen und Kunden aus Luxemburg ab und beeinträchtigen das Vertrauen, das in 40 Jahren Schengen mühsam aufgebaut wurde“, teilte die Hauptgeschäftsführerin der IHK Trier, Jennifer Schöpf-Holweck, mit. Die Umfrage fand im Oktober statt. Sie ist zwar nicht im strengen Sinn repräsentativ, spiegelt aber ein grundsätzliches Stimmungsbild wider.
Mehr Geld
Das Saarland und die saarländischen Kommunen können mit höheren Steuereinnahmen rechnen als zunächst prognostiziert. „Die Steuerschätzung zeigt in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld erste Zeichen der Erholung“, stellt Finanzstaatssekretär Wolfgang Förster fest. Die Steuerschätzer gehen davon aus, dass das Land in diesem und im kommenden Jahr mit 110 Millionen Euro Mehreinnahmen rechnen kann. Für 2027 wären es demnach noch 95 Millionen mehr. Die Gelder würden „dazu beitragen, die in der mittelfristigen Finanzplanung ausgewiesenen Handlungsbedarfe zu bewältigen“ – heißt wohl, dass mögliche Haushaltslücken geschlossen werden können. Auch die Kommunen können mit zusätzlichem Geld rechnen. Neben ihren originären eigenen Einnahmen dürften im kommenden Jahr rund 50 Millionen dazukommen.
Konkurrenz für Anwälte durch KI
In Deutschland werden immer mehr automatisierte Rechtsdienstleistungen in Anspruch genommen. Bundesweit sind bereits rund 300 Unternehmen in diesem Bereich aktiv, so der Legal-Tech-Verband in seinem aktuellen Marktmonitor für dieses Jahr. Etwa ein Drittel der KI-generierten Rechtsberatung fällt dabei auf Verbraucheranfragen. Anbieter wie Flightright oder Conny übernehmen dabei automatisiert Klagen gegen Fluglinien, Versicherungen oder Vermieter. Der Vorteil gegenüber dem Besuch bei einem Anwalt in den meisten Fällen: Die Nutzer zahlen erst, wenn das eingeforderte Geld auch erstattet worden ist, so der Verbraucherzentrale-Bundesverband. Er warnt jedoch: Kunden sollten auf die Reputation des Anbieters achten und sich Nutzerbewertungen genau anschauen. Job-Angst müssen Juristen trotzdem nicht haben, reine Rechtsdienstleistungen sind in der Regel zugelassenen Rechtsanwälten vorbehalten. Einige Legal-Tech-Firmen nutzen aber Ausnahmen, etwa als Inkassodienstleister.
Industriestrompreis
In Verhandlungen
Geht es nach Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), führt Deutschland 2026 einen Industriestrompreis ein. Dies hat die Ministerin kürzlich bekanntgegeben. Unternehmen in Deutschland klagen seit Langem über im internationalen Vergleich hohe Strompreise. Reiche sagte, man sei bei Verhandlungen mit der EU-Kommission in den letzten Zügen. Diese muss zustimmen, weil es sich um eine Beihilfe handelt. Man habe mit der EU-Kommission vereinbart, dass Nachweise der Unternehmen, im Gegenzug für einen Industriestrompreis mehr in Effizienz zu investieren, so „bürokratiearm“ wie möglich sein sollten. Brüssel hatte im Juni generell grünes Licht für einen Industriestrompreis gegeben. Wie genau der Industriestrompreis aussehen soll, ist noch unklar. In einem früheren Papier des Ministeriums war von fünf Cent pro Kilowattstunde die Rede. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft liegt der durchschnittliche Strompreis bei Neuabschlüssen für kleine und mittlere Industriebetriebe derzeit bei bis zu 18 Cent pro Kilowattstunde.
ÖPNV
Ticketpreise steigen
Fahrgäste müssen für Fahrten in Bussen und Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) im kommenden Jahr vielerorts drauflegen. Zum einen wird das Deutschlandticket, ein bundesweit gültiges Monatsabo für den ÖPNV, dann 63 Euro pro Monat kosten statt wie bisher 58 Euro. Zum anderen erhöhen viele Verbünde auch die Preise für Einzel-, Mehrfahrten- und Zeitkarten. Im bundesweit größten Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) etwa steigen die Preise ab Januar im Schnitt um sechs Prozent. Eine Einzelfahrt im Berliner Stadtgebiet (Tarifgebiet AB) kostet dann erstmals vier Euro, 20 Cent mehr als bisher. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) in Nordrhein-Westfalen hat eine Ticketpreiserhöhung von durchschnittlich knapp fünf Prozent ab dem kommenden Jahr beschlossen. Ähnlich hoch (plus 5,1 Prozent) fällt die Steigerung im Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen aus.
Wiegand will‘s wissen
Blickpunkt Europa
Erst das Gas, dann das Vertrauen – und jetzt die Rohstoffe. Europa erlebt eine geopolitische Lehrstunde in drei Akten, schmerzhaft und selbstverschuldet.
Der erste Schock kam mit Putins Panzern: Wir waren abhängig von russischer Energie und glaubten trotzdem an den Mythos vom „Wandel durch Handel“. Der zweite Schock folgte mit dem Rückzug Amerikas: Washington denkt wieder in Kategorien von Macht, Märkten und Muskeln, nicht in romantischen Vorstellungen transatlantischer Loyalität. Und der dritte Schock trifft uns dieser Tage – härter, weil er leiser ist.
China verweigert Europa den Zugang zu Gallium, Graphit und Seltenen Erden, den Metallen, ohne die keine Chips, keine Batterien, keine Panzer entstehen. Peking spielt Schach, Brüssel spielt Bürokratie. Während China Lieferketten baut, schreibt Europa Strategiepapiere und verteilt Absichtserklärungen. Wir nennen das „strategische Autonomie“ – und sitzen weiter brav am Katzentisch der Weltpolitik.
Unser Kontinent, der sich einst mit moralischer Überlegenheit schmückte, steht plötzlich nackt da: ohne Energieunabhängigkeit, ohne technologische Souveränität, ohne geopolitisches Rückgrat. Europas Industriepolitik bleibt ein Konjunktiv. Doch wer wirklich unabhängig sein will, muss fördern, bauen, investieren, nicht bloß regulieren. Dafür braucht es Mut, Tempo und Realitätssinn.
Der Wohlstand von morgen hängt nicht mehr von Werten, sondern von Werkzeugen ab. Drei Schocks hätten reichen müssen. Der vierte wäre einer zu viel. Denn diesmal könnte er zeigen, dass Europa die Welt nicht mehr versteht – und die Welt Europa endgültig nicht mehr braucht.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.