Im Spitzenspiel hat die SV Elversberg vor ausverkaufter Kulisse an der Kaiserlinde ein packendes Duell gegen Hannover 96 geboten. 9.307 Zuschauer erlebten beim 2:2 ein intensives Kräftemessen zweier spielstarker Mannschaften.
Die Elf von Trainer Vincent Wagner hatte sich nach den Niederlagen in Bielefeld und Berlin viel vorgenommen – und sie lieferte. Gleich vier Änderungen nahm der Coach im Vergleich zum Pokal-Aus bei Hertha BSC vor: Felix Keidel, Florian Le Joncour, Lukas Petkov und Luca Schnellbacher rückten in die Startelf, während Maximilian Rohr gelbgesperrt fehlte. Auf der Gegenseite musste Hannovers Coach Christian Titz seine Abwehr umbauen, da Abwehrchef Tomiak gesperrt ausfiel. Allgeier rückte für ihn in die Dreierkette, Nawrocki übernahm die Zentrale, Ghita verteidigte links. Der Rest blieb identisch mit jener Elf, die eine Woche zuvor das Derby in Braunschweig souverän mit 3:0 gewonnen hatte.
Von Beginn an nahm Elversberg das Spiel in die Hand, störte früh und präsentierte sich ballsicher. Die ersten Akzente setzte jedoch Hannover: Nach einer Viertelstunde prüfte Aseko Nkili mit einem harmlosen Schuss die Wachsamkeit von Nicolas Kristof, ehe Benjamin Källmann kurz darauf den Innenpfosten traf – Glück für die SVE, die im Gegenzug eiskalt zuschlug. Nach einer präzisen Flanke von Jan Gyamerah köpfte Lukas Petkov den Ball über Keeper Nahuel Noll hinweg ins Netz. Es war Petkovs erstes Saisontor, und es verlieh der Elf spürbaren Rückenwind.
Hannovers Ärger über den Elfmeter
Der 24-Jährige hatte kurz darauf sogar das 2:0 auf dem Fuß, als er sich zentral durchsetzte und wuchtig abschloss – Noll lenkte den flatternden Ball mit der Faust über die Latte. Doch in der Schlussphase der ersten Halbzeit kippte das Spiel. Erst blockten Keidel und Pinckert zweimal gegen Oudenne, dann scheiterte der Hannoveraner aus kurzer Distanz gleich doppelt. Schließlich war es passiert: Nach einer Flanke an den langen Pfosten köpfte Källmann Richtung Tor, Kristof parierte, doch der Ball sprang von Le Joncours Rücken unglücklich über die Linie – ein klassisches Eigentor zum 1:1-Pausenstand.
Nach Wiederbeginn kam Elversberg schwungvoller aus der Kabine. Der eingewechselte Younes Ebnoutalib bediente Petkov, dessen Schuss aus spitzem Winkel knapp über die Latte ging. Wenig später rettete erneut das Aluminium für die Hausherren, als ein Freistoß von Enzo Leopold an die Latte krachte. Es blieb ein Duell auf hohem technischem Niveau, in dem sich beide Teams neu-tralisierten, ehe die Schlussphase wieder Dramatik versprach.
Dann entschied Schiedsrichter Timo Gerach nach einem leichten Rempler von Jannik Rochelt an Frederik Schmahl überraschend auf Elfmeter. Der Kontakt war minimal, der Gegenspieler machte noch zwei Schritte weiter – doch der Pfiff blieb bestehen, der VAR griff nicht ein. Hannovers Geschäftsführer Marcus Mann tobte: „Der Elfmeter ist ein Skandal! Ich weiß nicht, ob der VAR im Keller zwischendurch eingeschlafen ist.“ Und auch Christian Titz zeigte sich fassungslos: „Man darf auch mal ehrlich sein: Das ist einfach kein Elfmeter. Die Szene hat das Spiel heute gegen uns entschieden.“
Der Schiedsrichter selbst verteidigte seine Entscheidung später im Interview: „Ich kann nachvollziehen, dass diskutiert wird. Ich stand drei, vier Meter hintendran, sehe auch, dass der Spieler nicht gleich runtergeht. Für mich war das Reingehen des Hannoveraners von hinten einfach ein Foulspiel.“ Der Gefoulte trat selbst an, scheiterte jedoch – zumindest zunächst. Petkovs Strafstoß wehrte Noll glänzend ab, doch Bambasé Conté reagierte blitzschnell und versenkte den Nachschuss aus spitzem Winkel zum 2:1. Der Jubel an der Kaiserlinde war ohrenbetäubend, die Hoffnung auf den nächsten Heimsieg greifbar. Doch die Freude hielt nicht lange: Nur wenige Minuten später köpfte Virgil Ghita nach einem Freistoß von Leopold zum 2:2 ein – wieder nach einem Standard.
Elversberg wollte sich damit nicht zufriedengeben. Petkov versuchte es mit einem Distanzschuss, Ebnoutalib scheiterte in der Nachspielzeit aus kurzer Distanz – Noll parierte jeweils stark. Nach 90 Minuten stand ein 2:2, das beiden Seiten das Gefühl gab, mehr verdient zu haben – und den neutralen Zuschauer mit einem der besten Zweitligaspiele der bisherigen Saison zurückließ.
Auch Lukas Petkov war nach Abpfiff begeistert: „Das war fußballerisch von beiden Mannschaften das beste Zweitligaspiel, an dem ich je beteiligt war.“ Ein Lob, das Gewicht hat – schließlich hat der Offensivspieler inzwischen 85 Einsätze in der 2. Liga absolviert. Trainer Vincent Wagner stimmte zu: „Es war ein Spiel auf sehr hohem Niveau. Es hat sehr viel Spaß gemacht von außen. Noch mehr Spaß gemacht hätte es natürlich, wenn wir gewonnen hätten.“
Wagner lobt Charakter der Mannschaft
Trotz der starken Vorstellung überwog bei ihm nach dem Abpfiff der Ärger über die Gegentore: „Bei den Standards haben wir ein bisschen Lehrgeld bezahlt, gerade beim 2:2. Das müssen wir zügig besser machen, denn das wird in dieser Liga sofort bestraft.“ Und doch wollte Wagner die Gesamtleistung nicht kleinreden: „Wir haben eine unfassbar tolle Mannschaft, die geilen Fußball spielt und einen brutalen Charakter hat. Das ist für mich das Wichtigste.“ Auf die Frage, ob Elversberg nun ein Top-Team sei, reagierte Wagner mit Selbstironie und Klartext: „Wenn wir ein Topteam wären, dann gewinnen wir hier ganz souverän 2:0. Hallo? Wir spielen nicht Micky-Maus-Ananas-Liga! Sondern 2. Bundesliga.“ Seine Mannschaft habe noch „Lernfelder“, wie er es nannte. „Wir verbessern uns. Aber wir haben eben noch Dinge, die wir in den letzten drei Spielen aufgezeigt bekommen haben.“ Die Niederlage in Bielefeld und das Pokal-Aus in Berlin seien schmerzhaft gewesen, aber lehrreich. „Da haben wir jugendlich Lehrgeld bezahlt“, sagte Wagner.
Dass der Trainer nach dem Spiel betonte, seine Mannschaft brauche noch 17 Punkte zum Klassenerhalt, war wohl mehr Ausdruck sportlicher Demut als ernsthafte Kalkulation. Denn in Wahrheit bestätigte dieses 2:2, dass Elversberg längst zu den gefestigten Kräften dieser Liga gehört. Als die Mannschaft nach dem Abpfiff vor der Kurve stand, sangen die Fans noch lange. Sie feierten ein Team, das gegen Hannover 96 nicht nur mitgehalten, sondern über weite Strecken dominiert hatte. Und sie feierten einen Trainer, der den Blick auf das große Ganze nicht verliert – auch dann nicht, wenn es kurz vor Schluss noch einmal wehtut.
Am Samstag, 8. November, steht die nächste Aufgabe bevor: Dann reist die Wagner-Elf nach Gelsenkirchen und trifft um 13 Uhr in der Veltins-Arena auf den FC Schalke 04 – den aktuellen Tabellenführer. Ein weiteres Spitzenspiel wartet. Und wer die Elversberger Entwicklung in diesen Wochen verfolgt, weiß: Auch dort werden sie wieder alles geben.