Dr. Frigga von Gontard, Ärztin für Kinder und Jugendmedizin und Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, über die psychischen Probleme von Kindern und Jugendlichen und die Auswirkungen von Überbehütung durch die Eltern.
Frau von Gontard, welche Probleme haben Kinder und Jugendliche, die zu Ihnen in Therapie kommen?
Im Vorschulalter sind mehr die Jungen auffällig. Die meisten Jungen sind motorisch aktiver und nicht so angepasst wie die Mädchen. Bei den Jungen tritt auch häufiger ADHS auf. Allgemein gibt es am häufigsten Angststörungen, emotionale Störungen, Trennungsängste, Geschwisterrivalität und soziale Ängste. In der Pubertät werden dann die Mädchen auffälliger. Das zeigt sich oft als Depression, da sind Mädchen vulnerabler. Zu den Ursachen gibt es viele Theorien. Es könnte mit der hormonellen Umstellung zu tun haben, oder auch mit dem Rollenverständnis als Mädchen beziehungsweise Frau. Was ich ganz stark erlebe, ist, wie schwierig das Leben mit Handy ist. Die Kinder und Jugendlichen haben viel weniger echte soziale Kontakte, als zum Beispiel meine Kinder das hatten oder ich das hatte. Bei den Mädchen ist das Vergleichen und Mobben ein großes Problem, schlimmer als bei den Jungen, die sich mehr in Computerspielen verlieren.
Ist das Leben der Kinder und Jugendlichen also durch Internet und soziale Medien stressiger geworden?
Ja, das finde ich schon. Natürlich wurde früher auch gemobbt. Aber es ist schon schwieriger, es jemandem ins Gesicht zu sagen. Was heute geschrieben wird, ist unvorstellbar. Unglaublich, was manche sich trauen, im Internet auszudrücken!
Wie wird Depression behandelt?
Ich habe eine verhaltenstherapeutische und eine tiefenpsychologische Ausbildung. Tiefenpsychologisch schaut man, wo etwas herkommt, wie es sich entwickelt haben könnte. Verhaltenstherapeutisch gibt man den Jugendlichen eher Strategien mit, wie sie damit umgehen können. Das Problem vieler Familien ist, dass sie den Kindern immer weniger Strategien mitgeben. Die Kinder haben dann oft keine Idee und keine Möglichkeit, Dinge positiv zu sehen oder aktiv anzugehen.
Bei jüngeren Kindern arbeite ich unter anderem auch mit der Spiel- beziehungsweise Sandspieltherapie. Bei Letzterer bauen die Kinder mit Figuren Bilder und Szenen in den Sand. Kinder verarbeiten vieles im Spiel und man geht davon aus, dass sie dabei mit ihrem Unbewussten arbeiten und sich weiterentwickeln. Das funktioniert auch bei Erwachsenen. Es gibt wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit dieser Therapie. Die Kinder machen das ganz unterschiedlich. Manchmal ist es leicht, anhand des aufgestellten Bildes etwas abzulesen. Ich hatte zum Beispiel ein Kind mit einer Todeserfahrung, da wurden dann ägyptische Figuren mit Sarkophag aufgestellt. Vor allem am Verlauf der Bilder, also das, was die Kinder in den Sitzungen nacheinander aufbauen, kann man Prozesse erkennen und begleiten. Zum Beispiel gibt es ängstliche Kinder, die dann plötzlich Vulkane und Dinosaurier aufbauen. Oder Kinder, die die Trennung der Eltern voraussehen und Symbole für Mutter und Vater aufstellen und dann eine Trennungslinie in den Sand ziehen.
Haben sich aus Ihrer Sicht Eltern sehr verändert?
Die Kinder sind generell viel unselbstständiger. Die sind manchmal 17 und haben ihr Abitur und sind nicht aufs Leben vorbereitet. Zu Hause ist die Mutter, die alles regelt. In der Kita ist ja immer eine Erzieherin, die schlichtet und regelt. Früher, wenn die Kinder draußen gespielt haben, mussten sie sich irgendwie alleine zurechtfinden. Man musste seine Rolle in der Gruppe finden. Viele können das heute nicht mehr. Das fängt dann oft erst in der ersten Klasse an. Die Kinder sind dann völlig entsetzt, weil 25 Kinder mit einer Lehrerin zusammen sind und die ihnen nicht bei allem helfen kann. Dann müssen die Kinder selbst sehen, wie sie mit anderen Kindern klarkommen. Es gibt Mütter, die fahren immer zu den Pausen an die Schule, gehen zum Schulhof und schauen, was da passiert. Die Kinder werden zu viel an die Hand genommen. Vor den Schulen sind die Straßen verstopft, weil kaum ein Kind mit dem Bus oder mit dem Fahrrad kommt. Selbst noch auf dem Gymnasium werden alle gefahren.
Kann das psychische Erkrankungen fördern?
Generell denke ich, dass das nicht günstig sein kann, dass Kinder so spät erst lernen, für sich selbst einzustehen und Strategien zu entwickeln. Natürlich soll man seine Kinder unterstützen. Aber Schritt für Schritt müssen sie schon selbstständig werden.
Haben die psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen?
Studien zeigen, dass psychische Auffälligkeiten vor Corona nicht so sehr zugenommen haben. Ich glaube, dass die Wahrnehmung und die Bereitschaft, sich in Therapie zu begeben, eher größer geworden ist. Während Corona haben Auffälligkeiten deutlich zugenommen, besonders Ängste und Depressionen. Subjektiv habe ich das so empfunden, dass die meisten Familien den ersten Lockdown noch ganz gut hinbekommen haben. Es wurde eher positiv empfunden, dass die Familie mehr zusammen ist, dass man mehr miteinander machen kann. Im zweiten Lockdown fand ich es dann schwierig. Besonders für die Jugendlichen. Gerade für Jungen, die nur noch am Computer saßen und gespielt haben. Normalerweise gehen Jugendliche gerne raus und wollen auf keinen Fall mit ihren Eltern zu Hause eingesperrt sein. Da haben Ängste und Depressionen zugenommen. Und auch Magersucht. Nach Corona hat es dann wieder abgenommen, aber Ende letzten Jahres haben die Erkrankungszahlen dann stagniert.
Welche Formen von Ängsten zeigen sich bei Kindern und Jugendlichen?
Wenn sie weniger rausgehen und weggehen, verstärken sich bei empfindlichen Kindern und Jugendlichen soziale Ängste. Es gibt auch Kinder, die dann vorm Weltuntergang Angst haben. Soziale Ängste zeigen sich dann zum Beispiel auch so, dass die Kinder und Jugendlichen nicht mehr zur Schule gehen wollen. Trennungsängste haben aber auch oft mit familiären Konflikten zu tun.
Haben Sie aus Ihrer Erfahrung das Gefühl, dass die Jugendlichen heutzutage überforderter sind im Leben, weniger klarkommen?
Ich habe schon das Gefühl, dass viele nach ihrem Schulabschluss noch mehr Unterstützung brauchen. Schon bei den jungen Erwachsenen wird mehr auf die Work-Life-Balance geschaut, das haben wir ihnen ja auch beigebracht. (lacht) Es gibt aber Studien zum Lebensgefühl Jugendlicher, die langfristig optimistisch stimmen. Die jungen Menschen machen sich zwar mehr Sorgen als die Jugendgeneration davor, aber sie sind auch ganz pragmatisch. Es ist jetzt nicht so, dass die den Glauben ans Leben verloren haben und denken, dass wegen der aktuellen politischen Lage die Welt untergeht. Sie machen sich schon Sorgen, dass nochmal Krieg kommen könnte und wie das dann werden könnte. Aber sie sind trotzdem sehr pragmatisch, wenn man die Statistik anschaut: Selbst wenn sie sich Sorgen machen, haben sie keine Angst vorm Leben.
Wie beurteilen Sie es, dass viele Kinder schon früh in Kitas gehen und später nach dem Schulunterricht noch in die Nachmittagsbetreuung?
Mit den Kitas kommt es auf die Stunden an. Wenn es nicht zu lange ist, beeinflusst es die Entwicklung nicht negativ. Aber was ich beobachte, ist, dass die Kinder gestresster sind. Es ist ja sehr laut, sie müssen sich ununterbrochen irgendwie auseinandersetzen. Ich finde, die Kinder sind gestresster als die, die um 12 Uhr aus dem Kindergarten nach Hause kamen. Ich weiß, dass es für arbeitende Mütter nicht anders machbar ist, ich erinnere mich auch noch gut daran, wie schwierig das war. Es hängt natürlich auch mit der Atmosphäre in der Kita und dem Betreuungsschlüssel zusammen. Das Wichtigste ist die Bindung. Wenn das Kind gut an die Mutter gebunden ist und eine Erzieherin hat, an die es auch gut gebunden ist, dann noch eine nette Lehrerin hat, dann kommt das Kind ziemlich gut durch, auch wenn es stressig ist. Aber wenn das mit der Bindung nicht klappt, dann entwickeln diese Kinder sich schlechter.
Was Studien auch belegen, ist leider, dass es oft Kinder betrifft, die aus schlechten sozialen Verhältnissen kommen, die am meisten belastet sind. Wenn es sozial schwierig ist, die Eltern kein Geld haben und/oder beengte Wohnverhältnisse. Das sind leider die Kinder, die die meisten psychischen Auffälligkeiten haben.
Wie erfolgversprechend ist denn eine Therapie?
Bei Erwachsenen kann man häufig nur erreichen, dass sie mit ihren Problemen besser umgehen. Das ist bei Kindern völlig anders. Weil man die Entwicklungsstufen verändern kann, beziehungsweise ihnen hilft, Entwicklungsstufen zu erreichen. Wenn die Eltern in der Therapie gut mitarbeiten, kann sich das ganze Familienklima ändern. Wenn die Eltern es schaffen, Dinge zu Hause zu verändern, dann hilft das allen. Ich kann den Eltern nur sagen: Traut euren Kindern was zu!