Natürlich können die meisten Mitglieder der inzwischen ehrwürdig ergrauten Babyboomer-Generation die diversen Probleme der heutigen Jugend in einer digitalisierten und politisch-wirtschaftlich aus den Fugen geratenen Welt nachvollziehen. Denn auch sie selbst mussten in ihren frühen Jahren große Herausforderungen meistern.
Dass man uns einmal in Soziologie und Demografie der Gesellschaftsgruppe der Babyboomer zuordnen würde (mit den Geburtsjahrgängen 1946 bis 1964), war für uns in den ersten Jahren nach dem Krieg natürlich nicht absehbar gewesen. Genauso wenig, dass der Großteil unserer Eltern mal in der Forschung als sogenannte skeptische Generation oder als 45er bezeichnet werden sollten (Jahrgänge 1918 bis Anfang der 1930er-Jahre), die in Kindheit und Jugend noch vom Nationalsozialismus geprägt worden waren, über den sie, einem Tabu gleich, eisern geschwiegen hatten. Dass der Lebensstandard in den ersten Jahren nach dem Krieg aus heutiger Sicht arg bescheiden war, wurde allgemein als unabänderliches Faktum akzeptiert. Zumal es nach Behebung der schlimmsten Schäden, dem Wiederaufbau der Wohngebäude und der Wiederverfügbarkeit von Lebensmitteln und anderen wichtigen Alltagsdingen stetig aufwärts ging. Eine positive gesellschaftliche Entwicklung, die in der Bundesrepublik durch das Wirtschaftswunder mit seinem rasant steigenden Bedarf an Arbeitskräften weiter befeuert wurde. Auch wenn in den meisten Haushalten das Geld nicht gerade übersprudelte, konnte man sich vorsichtig einiges an Neuem leisten, wobei die Anschaffung eines kleinen Autos oder ein Camping-Urlaub in südlichen Gefilden ganz oben in der Prioritätenliste standen.
Kaum Unterhaltung für junge Menschen
Der Urlaub brachte zumindest etwas Abwechslung in den ziemlich drögen Alltag der Kinder und Jugendlichen der damaligen Zeit. Die mussten im Kindergarten, zu Hause und in der Schule größtenteils einen ziemlich streng-autoritären Erziehungsstil über sich ergehen lassen. Aber in ihrer Freizeit wurden sie sich selbst überlassen. Ein elterliches Kutschieren zum Fußballplatz oder zu vergleichbar spannenden Aktivitäten kam selbstverständlich niemals infrage. Auch zur Schule oder zum Gymnasium ging es immer per pedes oder per Fahrrad; das Nutzen von Bus oder Bahn war nur bei weit entfernten Zielen üblich. Das Unterhaltungsangebot war ohnehin mehr als überschaubar. Sich aus purer Langeweile einfach vor die Glotze zu setzen, war schon deshalb keine Option, weil sich viele Familien kein TV-Gerät leisten konnten oder wollten, da die ARD zunächst nur stundenweise ein Programm mit Schwerpunkt auf Bildungsinhalten ausstrahlte, worauf man speziell als Heranwachsender keine besondere Lust verspürte. Erst mit dem Start des ZDF 1963 und den bald folgenden Dritten Programmen wurde es interessanter, weil nun auch Unterhaltung geboten wurde.
Das Radiohören konnte sich auch lange nicht als alternative jugendliche Freizeitbeschäftigung durchsetzen, weil die öffentlich-rechtlichen Sender der ARD nur ein strikt konservatives Programm ausstrahlten, bei dem die neue Popmusik nahezu komplett außen vor gelassen wurde. Die Rettung kam von Radio Luxemburg, wo man die neuesten Hits aus Großbritannien oder den USA hören konnte. Später sollte unter Jugendlichen Frank Laufenberg bei SWF3 Kultstatus genießen. Dabei kam häufig der klobige Kassettenrekorder zum Mitschneiden der Songs zum Einsatz, denn das war bedeutend billiger als der Kauf einer Single oder einer schier unbezahlbaren Langspielplatte. Das technische Equipment war mit Plattenspieler und Kassettenrekorder für viele Jahre komplett ausgeschöpft. Zeiten ändern sich manchmal drastisch! Handys, Smartphones oder gar das Internet standen damals noch nicht einmal in den Sternen.
Gegen einen Kick digitaler Inspiration hätte wohl niemand etwas einzuwenden gehabt, aber stattdessen musste man sich in Sachen Nervenkitzel mit Büchern begnügen. Am Gymnasium, wo man sich ohne nennenswerte elterliche Unterstützung durchbeißen musste (Lehrer galten schließlich noch als unanfechtbare Autoritätspersonen), war das zumindest im Hauptfach Deutsch ganz hilfreich.
Kleine Aufstände im Elternhaus
Während die sogenannten Halbstarken in Adaption ihrer Leinwandvorbilder James Dean oder Marlon Brando mit ihrem von Haartolle, Jeans und Lederjacken geprägten Look noch nicht zum jugendlichen Revoluzzer-Mainstream werden konnten, sah das bei den britischen Bands mit den Beatles an der Spitze und befeuert durch das auflagenstarke Magazin „Bravo“ schon ganz anders aus. Denn plötzlich wollten die meisten jungen Männer ihre Haare lang tragen. Was häufig zu ernsthaften Auseinandersetzungen im heimischen Elternhaus führte. Ähnlich erging es jungen Damen bei hitzigen heimischen Diskussionen um den Minirock. Es brauchte schon eine gehörige Menge an Kraftanstrengung, um nicht nur modische Neuerungen, sondern auch gesellschaftlich-politische Wandlungen im Zuge der Hippie-, Love-and-Peace- oder 68er-Bewegung gegen den elterlichen Konservatismus durchzusetzen.
Was derweil der internationale Promi-Jet-Set rund um Brigitte Bardot und Gunter Sachs in St. Tropez, Marbella, Ibiza oder dem neuen Feier-Eiland Sylt so trieb, interessierte eigentlich nur am Rande. Neidisch war man eigentlich nur auf die durch Paparazzi-Fotos dokumentierten wilden Partynächte. Denn die eigenen Möglichkeiten in Sachen Ausgehen waren doch mehr als beschränkt. Die Discowelle etwa nahm eigentlich erst in den 1970er-Jahren so richtig Fahrt auf – vorher waren lokale Dorf- oder Stadtfeste neben privaten Feten in den elterlichen Kellerbars die Highlights des Jahres.
Und auch wenn die Aktivisten der Generation Z häufig den Eindruck erwecken möchten, dass sie sich als erste Generation ernsthaft Gedanken über die den Planeten bedrohenden Kriege, Klimaveränderungen oder Wirtschaftskatastrophen machen, so hatten sich doch schon vor ihnen viele Angehörige der Babyboomer-Generation mit diesen grundlegenden Problemen beschäftigt. Statt aber dabei in Ängsten oder Depressionen zu versinken, engagierten sich viele ab Mitte der 1970er-Jahre in der Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung (man hatte schließlich „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome gelesen, war durch die Ölpreiskrise 1973 geschockt worden und kämpfte gegen das Atommüll-Endlager Gorleben!), machten sich für die Rechte von Frauen im Sinne der Gleichberechtigung stark oder unterstützten den fortschrittlichen politischen Kurs eines Willy Brandt, was der vor allem an Universitäten stark vertretenen Außerparlamentarischen Opposition die Basis entzog.
Beim Eintritt ins Berufsleben war seinerzeit bei den Babyboomern der Glaube an eine dauerhafte Befestigung des Wohlstands – wofür man bereitwillig eine (bis 1984 gängige) Wochenarbeitszeit von 40 Stunden in Kauf nehmen wollte – und an die schiere Unwahrscheinlichkeit eines künftigen Krieges in Europa vorherrschend.