Überforderung auf allen Seiten. Eltern sind dauergestresst, Kinder und Jugendliche scheitern am Alltag. Doch ist unser Leben tatsächlich so viel herausfordernder geworden – oder empfinden wir es nur so?
Ach, ihr macht euch ja selbst so viel Stress“, „früher haben wir auch nicht so einen Aufwand betrieben“ – solche Kommentare hört man oft, wenn moderne Eltern von ihren Sorgen erzählen. Die ältere Generation weiß meist Rat – ungefragt. „Die Kinder haben doch früher auch geschlafen, ohne den ganzen Tag herumgetragen zu werden.“ Ja, das hat funktioniert – durch Schlaftrainings, die heute als ungesund gelten. Babys hören irgendwann auf zu weinen, nicht weil sie zufrieden sind, sondern weil sie resignieren. „Ist doch gar nicht schlimm“, sagte man früher, wenn ein Kind weinend auf einen zulief; oder „alles gut“. Heute wissen wir: In diesen Momenten ist nicht alles gut. Kinder dürfen ihre Gefühle, ihren Schmerz und ihre Wut zeigen. Wir bemühen uns, sie bindungs- und bedürfnisorientiert zu erziehen. Sie sollen lernen, mit Emotionen umzugehen, anstatt sie zu unterdrücken. Das klingt zweifellos besser als „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Stell dich nicht so an“. Doch obwohl wir um viele Fehler früherer Erziehung wissen und alles besser machen wollen, wächst eine Generation von Kindern und Jugendlichen heran, die mehr Therapiebedarf hat als jede zuvor. Zwar sind wir heute aufmerksamer und sensibler für psychische Belastungen – dennoch ist nicht zu übersehen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche, obwohl sie so behütet aufwachsen, von Ängsten geplagt sind. Woran liegt das?
Aufmerksamer und angreifbarer
Studien zeigen: Kinder brauchen trotz aller Freiheiten feste Regeln, Normen und Werte. Sie geben Halt, schaffen Orientierung und ermöglichen erst das Gefühl von Sicherheit. Nur wer sich sicher fühlt, kann sich ausprobieren und frei entwickeln. Doch nicht jede Entscheidung kann einem Kind überlassen werden – Eltern müssen Grenzen setzen. Wie weit kann man gehen, ohne den Alltag in ständigen Kompromissen aufzulösen?
Wir wollten es wissen – und haben mit der Kinder- und Jugendtherapeutin Dr. Frigga von Gontard gesprochen, die seit Jahrzehnten Familien begleitet. Sie erklärt, weshalb der Therapiebedarf heute so hoch ist und welche Ursachen sie sieht. Auch Sozialforscher Kilian Hampel zeigt in seiner Arbeit, wie sich die Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen in den vergangenen 30 Jahren verändert haben und welche Auswirkungen das auf ihr Leben hat. Zudem werfen wir einen Blick auf eine Studie von 2024, die untersucht, wie sich die Erziehungsstile und Rollenbilder der Eltern verändert haben – und warum das oft zu Überforderung und Erschöpfung führt.
Dass jede Generation ihr ganz eigenes Päckchen trägt, zeigt schließlich ein Blick zurück auf jene, die noch Krieg und Nachkriegszeit bewältigen mussten – und deren Erfahrungen bis heute nachwirken.