Eine Saison in der Kunstturn-Bundesliga umfasst sieben Wettkampftage und das DTL-Finale. Zwei Wettkampftage vor Schluss steht fest: Die TG Saar wird nicht absteigen – und vielleicht sogar noch Dritter.
Wer hätte das gedacht? Die Turner der TG Saar waren mit großen Sorgen in die Bundesligasaison gestartet. Großes Verletzungspech und andere Probleme ließen den Kader schrumpfen. Der Deutsche Kunstturn-Mannschaftsmeister von 2020 und Vorjahres-Dritte musste unter anderem auf seine Toptalente Daniel Mousichidis (nach Ellenbogen-OP), Maxim Kovalenko (nach Fuß-OP) und Moritz Steinmetz (nach Schulter-OP) und Altmeister Waldemar Eichorn (Knieverletzung) verzichten. Auch Mehrkampf-Star Oleg Verniaiev und weitere Athleten fielen aus unterschiedlichen Gründen, teils wegen terminlicher Überschneidungen, aus. „Unsere Priorität liegt ganz klar darauf, die Klasse zu halten“, stapelte der TG-Vorsitzende Thorsten Michels daher tief. Seit 2013 verpassten die Saarländer nur einmal den Einzug in das DTL-Finale mit den vier Liga-Besten. Inzwischen ist klar: Die Saarländer haben es selbst in der Hand, diese Serie auch 2025 fortzusetzen. Am kommenden Wochenende dürfte beim bisher noch ungeschlagenen Klassenprimus KTV Straubenhardt für die TG Saar nur wenig zu holen sein. Gewinnt Eintracht Frankfurt gegen den noch sieglosen Aufsteiger MTV Ludwigsburg, kommt es eine Woche später in der Kreissporthalle zum entscheidenden Duell mit Frankfurt. Der Sieger zieht in das kleine Finale um Platz drei der deutschen Meisterschaft ein. Wegen des besseren Gerätepunkteverhältnisses könnte der TG gegen Frankfurt sogar ein Unentschieden reichen, um im abschließenden DTL-Finale am 29. November im Heidelberger SNP Dome dabei zu sein. Dort wartet sehr wahrscheinlich der SC Cottbus.
Mit einer Rumpftruppe bestritten die Saarländer im April ihren ersten Heimkampf der neuen Saison. Erwartungsgemäß stand am Ende gegen Meisterkandidat TV Wetzgau eine Niederlage – doch mit 28:43 fiel diese weniger deutlich aus als befürchtet. Dabei setzte die TG nur fünf Turner ein, während Wetzgau mit neun aus dem Vollen schöpfen konnte. Zu Recht wurden Felix Remuta, Gabriel Eichhorn, Luca Ehrmantraut, Florian Lindner und Matteo Levantesi, der sogar zum Topscorer der Partie avancierte, von begeisterten TG-Fans in der Kreissporthalle mit stehenden Ovationen gefeiert. Das aus der Zweiten Mannschaft hochgezogene 18-jährige Talent Marius Püschel wurde nicht eingesetzt. Einziger Wermutstropfen an diesem Tag: Das obligatorische Shirt für den besten Topscorer blieb Levantesi vorerst verwehrt. Die unter den Bundesligaturnern sehr begehrte Textilie verharrte zu dieser Zeit beim US-amerikanischen Zoll. Doch schon bald sorgte Levantesi für die nächste Hiobsbotschaft.
Am Samstag vor Pfingsten machte die TG zwar mit dem 52:24-Erfolg gegen Aufsteiger MTV Ludwigsburg einen großen Schritt in Richtung Klassenverbleib und feierte die Rückkehr von Daniel Mousichidis, Maxim Kovalenko, Moritz Steinmetz, Oleg Verniaiev und Waldemar Eichorn. Doch Levantesi verletzte sich bei der letzten Übung des Wettkampfs schwer. Der 28-jährige italienische Nationalturner versuchte sich – ohne Not – an einem Doppelsalto rückwärts mit Dreifachschraube beim Abgang am Reck und riss sich dabei das Kreuzband. Nicht nur das: In der Folge mussten Mousichidis (erneut Ellenbogen), Kovalenko (Schulter) und Verniaiev (Handgelenk) erneut verletzungsbedingt passen. Die Verantwortlichen entschieden sich dazu, den früheren Zweitmannschafts-Turner Mykola Syniukhin in den Kader aufzunehmen und später den israelischen Mehrkämpfer Ilia Liubimov nachzuverpflichten. Mit Erfolg: Siege beim TuS Vinnhorst (34:28) und gegen den SC Cottbus (44:32) sicherten nicht nur den Klassenverbleib, sondern stießen zwei Wettkampftage vor Schluss die Tür zum kleinen Finale plötzlich weit auf.
„Eine noch stärkere Mannschaft“
Der TG-Vorsitzende Thorsten Michels zeigte sich nach dem Heimsieg gegen Cottbus am vergangenen Samstag wenig überrascht: „Sicher kann man sich nie sein“, sagte er nach dem Wettkampf, „aber nach der taktischen Auswertung war mir klar: Wenn wir gut durchkommen und möglichst wenige Fehler machen, können wir am Ende als Sieger von der Matte gehen.“
Mitentscheidend war auch Michels Personal-Taktik: An nahezu jedem Gerät konnte die wegen des Verletzungspechs personell dezimierte TG das Beste aus ihren Möglichkeiten herausholen.
„Wir sind wie so eine kleine Familie. Es geht ja nicht nur um das Sportliche, sondern auch darum, es zusammen zu schaffen“, schwärmt Talent Gabriel Eichhorn, der gegen Cottbus mit 16 Punkten erstmals Topscorer wurde. Gerade in der schwierigen und vom Verletzungspech geprägten Saison sei es „extrem wichtig, dass die Leute, die im Moment noch zur Verfügung stehen, auch wirklich dabei sind und so gut turnen wie heute. Optimal wäre es natürlich, wenn diejenigen, die jetzt noch fehlen, zurückkommen. Dann haben wir eine noch stärkere Mannschaft“, weiß Eichhorn und ist sicher: „Wenn wir Cottbus schlagen können, dann sollten wir das auch gegen Frankfurt schaffen.“
Gabriel Eichhorn hat sich zu einem echten Stabilitätsfaktor entwickelt. In diese Rolle hat sich auch Neuzugang Ilia Liubimov schnell eingefunden. Der Israeli mit russischen Wurzeln ist ein technisch versierter Turner, der an fünf von sechs Geräten eingesetzt wird. Besondere Stärken zeigt Liubimov demnach an seinen Lieblingsgeräten Pauschenpferd und Reck – an den Ringen ist die TG mit dem armenischen Weltklasse-Athleten Artur Avetisyan auf der „Ausländer-Position“ bereits bestens aufgestellt. In Vinnhorst steuerte Liubimov fünf Punkte bei, gegen Cottbus waren es bereits zwölf. „Mein Ziel ist es, gut aufzutreten und der Mannschaft möglichst viele Punkte zu bringen“, sagt er und gibt sich angesichts der Qualität seiner verbliebenen Teamkollegen optimistisch: „Wir haben eine tolle Mannschaft und gute Jungs mit einem hohen sportlichen Niveau“, findet der 24-Jährige. Ganz allgemein betreibe er Leistungssport, „um mein Land bei internationalen Wettkämpfen zu vertreten. Das ist meine Mission“, betont Liubimov.
Zu seiner Mission gehört auch, in der Bundesliga zu starten. „Ich wollte etwas Neues ausprobieren, und ein Freund aus Deutschland und mein Trainer haben mir geholfen, den Kontakt zur TG Saar herzustellen“, erklärt Liubimov und lobt seinen aktuellen Trainingsort, den Sportcampus Saar, in höchsten Tönen: „Hier gibt es hervorragende Bedingungen, mir gefällt es sehr. Ich bin den Menschen dankbar, die mich hier umgeben. Ich spüre ihre Unterstützung.“ Zu diesen Menschen gehört auch Waldemar Eichorn. Seit seiner Rückkehr Mitte des Jahres ist er wieder ein wichtiger Teil des Bundesligakaders geworden – mit inzwischen 39 Jahren. Darüber hinaus ist er als Trainer und Talentschmied des STB für seine jungen Mannschaftskameraden verantwortlich. Mit seiner Erfahrung holt er nicht nur als Aktiver wichtige Punkte, sondern führt die Mannschaftskameraden zusammen mit Thorsten Michels und Teambetreuer Eugen Spiridonov durch die Wettkämpfe. Möglicherweise auch in diesem Jahr wieder bis ins kleine Finale. Wer hätte das noch gedacht?