Der Münchner Bürgerentscheid in der Olympia-Frage fiel eindeutig positiv aus. Das gibt aber nicht nur der bayerischen Landeshauptstadt neue Hoffnung auf den Zuschlag. Auch die anderen deutschen Bewerber wollen davon profitieren.
Markus Söder zeigt sich in den sozialen Medien gern als Foodblogger. Egal ob beim Verzehren eines Schnitzels, eines Burgers oder von Frankfurter Würsteln – die Kamera ist eigentlich immer dabei und hält voll drauf. Bilder davon postet der CSU-Politiker dann bei Instagram, X oder Facebook und versieht diese mit dem Hashtag #söderisst. Doch bei jenem Post am 26. Oktober ging es nicht um seine kulinarische Vorlieben, sondern um eine sportgesellschaftliche Grundsatzentscheidung. Deswegen appellierte Bayerns Ministerpräsident auch nicht zum Kauf von Fleisch oder Wurst, sondern zum Kreuz beim „Ja“ beim Bürgerentscheid in der kniffligen Olympia-Frage. „Das ist eine große Chance – für München, für Bayern, für ganz Deutschland“, schrieb Söder: „Darum: Ja zu Olympia!“ Und die Münchner haben „ja“ gesagt – und das laut und deutlich. Das klare Votum von 66,4 Prozent, die sich für das Olympia-Projekt in der bayerischen Landeshauptstadt aussprachen, sowie die Rekord-Beteiligung sprechen eine deutliche Sprache. Da sei ein „starkes Signal“ aus München entsandt worden, meinte auch die neue Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlin. Die CDU-Politikerin versprach mit Blick auf die weiteren Bewerber Hamburg, Berlin und Rhein-Ruhr-Region: „Wir nehmen den Schwung jetzt mit in die anderen Bewerberregionen.“
Wenn es nach Söder geht, braucht es das gar nicht. Durch das klare Bürger-Votum sei Olympia in München bereits „in höchstem Maße demokratisch legitimiert“, meinte der 58-Jährige. „Wir liegen bei den Sportstätten mit weitem Abstand vorne unter allen anderen deutschen Bewerbern. Wir können es. Wir wollen es. Wir sind auch das stärkste wirtschaftliche Land und das sicherste Land“, äußerte Söder sichtlich euphorisiert vom „historischen Bürgerentscheid“, wie er es nannte: „Jetzt fluten wir den DOSB mit unseren Argumenten.“
Dazu zählt auch, dass in der Olympiastadt von 1972 angeblich kaum neue Sportstätten gebaut werden müssten. Das könnte bei einer finalen Bewerbung bei vielen Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ein gewichtiges Argument sein. Schließlich will der Ringe-Orden weg vom Gigantismus – zumindest will er den öffentlich Schein dafür wahren. Söder – gewohnt selbstbewusst und forsch – scheute in der Stunde des Triumphs den Vergleich mit starken internationalen Konkurrenten wie Saudi-Arabien, Katar, Indien und Madrid nicht. Weltweit läge München als Sportstadt „unter den ersten Zehn“, tönte Söder. Für ihn besteht also gar kein Zweifel, dass Deutschland mit München in die offizielle Bewerbung für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 gehen sollte. „Ich glaube, das wird auch Eindruck hinterlassen beim DOSB“, sagte Bayerns Ministerpräsident angesichts des Votings. Doch der Deutsche Olympische Sportbund hielt sich bei aller Freude über das Bekenntnis der Münchner Bevölkerung für Olympia in der Kandidaten-Frage bewusst zurück.
Wettbewerb der vier Kandidaten - Foto: picture alliance / dpa
Die Münchner und Münchnerinnen hätten auch in einer wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch herausfordernden Zeit wie dieser erkannt, „dass Olympische und Paralympische Spiele ein Katalysator für viele längst geplante Projekte in ihrer Stadt sein können“, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert. Einen Freifahrtschein für München im Bewerber-Prozess gibt es trotzdem nicht. Weikert betonte: „Ich bin überzeugt, dass dieses Ergebnis auch positive Impulse für die noch anstehenden Abstimmungen in den weiteren Bewerberregionen setzen wird.“ Hamburg und die Region Rhein-Ruhr sowie Kiel als potenzieller Austragungsort für Segelwettbewerbe haben ihre Bürgerentscheide für das Frühjahr 2026 angesetzt. In Berlin soll es nach den schmerzvollen Erfahrungen der Vergangenheit kein entsprechendes Referendum geben.
Eigentliche Kür erst im Herbst 2026
Bei der DOSB-Mitgliederversammlung am 6. Dezember in Frankfurt am Main will der Dachverband weitere Schritte festlegen. Die eigentliche Kür der offiziellen deutschen Bewerberstadt ist erst für den Herbst 2026 geplant. Doch aus dem Münchner Raum wurden bereits Stimmen laut, die mehr oder weniger direkt fordern, diesen Prozess nun abzukürzen. „Der deutsche Sport ist gut beraten, dieses heiße Eisen jetzt weiter zu schmieden“, sagte Jörg Ammon als Präsident des Bayerischen Landessport-Verbands. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter meinte mit Blick auf die innerdeutsche Konkurrenz-Situation, der DOSB müsse sich nun die Frage stellen, „ob man das wirklich ein Jahr macht oder nicht macht“.
Doch vom DOSB gab es diesbezüglich eine klare Absage. „Wenn ich sehe, wie die vier Bewerber im Rahmen des Wettbewerbes seit Mai ihre Angebote an die Sportlerinnen und Sportler weiter verbessert haben, dann kann man sehen: Im Wettbewerb wird das wieder an Energie frei, was dieses Land wahrscheinlich so dringend benötigt“, sagte der DOSB-Vorstandschef Otto Fricke. Eine Vorentscheidung für München bezüglich der Nominierung in einem Jahr kann Fricke auch nicht erkennen: „Ich sehe das ganz sportlich. Der Erste von Vieren hat die Qualifikation geschafft.“ Noch könne man nicht abschließend beurteilen, welche Bewerbung „nach all den Kriterien, die dann notwendig sind, um dann auch auf internationaler Ebene zu überzeugen“, am besten sei. Ähnlich sieht es Michael Mronz, der als deutsches IOC-Mitglied eine Stimme bei der Olympia-Gastgeber-Wahl hätte: „Wie im Sport gilt auch hier: Wettbewerb beflügelt, und Wettbewerb führt zu den besten Ergebnissen.“
Die Berliner Olympia-Macher glauben ohnehin, dass nur eine Bewerbung der Hauptstadt mit ihrer internationalen Strahlkraft eine Chance hätte. „Wir haben ein gutes Konzept, wir sind die deutsche Hauptstadt, wir sind die internationale Metropole“, sagte Kaweh Niroomand. Der Geschäftsführer von Volleyball-Rekordmeister BR Volleys ist Berlins Olympia-Beauftragter, er verweist neben der Anziehungskraft auch auf das Verkehrsnetz, die städtische Infrastruktur und die Erfahrungen mit Großevents, die seiner Meinung nach für Berlin sprechen. Und der Münchner Bürgerentscheid? „Das nehmen wir als Rückenwind.“ Natürlich weiß auch Niroomand, dass eine solche Befragung in Berlin ein anderes Ergebnis liefern würde. Deshalb wird hier auch „nur“ ein Bürgerbeteiligungsverfahren durchgeführt, bei dem die Macher mit Berlinern in den Dialog treten und Meinungen sowie Stimmungen in das Projekt einfließen lassen wollen.
Gelder für die Sportinfrastuktur
Die „NOlympia“-Bewegung ist hier nach wie vor groß, die Skepsis wegen der zu erwartenden Kosten ebenfalls. Deshalb haben einige Politiker der Grünen und Linken die Münchner Bürgerbefragung auch als Anlass genommen, einen endgültigen Stopp der Berliner Olympia-Pläne zu fordern. „Sie können jetzt die Reißleine in diesem absurden innerdeutschen Wettkampf ziehen, die Bewerbung zurückziehen und die Steuermillionen nachhaltig in unsere Sportinfrastruktur investieren“, sagte der Sprecher für Sport der Linke-Fraktion, Kristian Ronneburg. Angesprochen wurde der schwarz-rote Senat. Klara Schedlich von der Grünen-Fraktion sagte als Sprecherin für Sportpolitik: „Mit der Münchner Bürgerbeteiligung im Rücken wird Berlin endgültig abgehängt.“ Deswegen sei es besser, die sechs Millionen Euro, die Berlin bis 2027 für seine Olympia-Bewerbung einzusetzen plant, besser in die Sanierung von Sportstätten zu stecken. Niroomand kann bei diesen Argumenten nur den Kopf schütteln. Eine Berliner Olympiabewerbung würde natürlich auch und in erheblichem Maße der Sportinfrastruktur zugutekommen, erklärt er: „Also Olympia ist eine Chance für Berlin und nicht eine Alternative zur Lösung bestehender Probleme.“
In Hamburg sieht man in den Spielen ebenfalls eine Riesenchance, die auch von der Bevölkerung erkannt werde. „Es gibt in Deutschland eine positive Haltung zu Olympischen und Paralympischen Spielen“, sagte Steffen Rülke. Der Leiter der Hamburger Bewerbung sieht in der Münchner Bürgerbefragung ebenfalls „Rückenwind“ für das eigene Projekt. Über das werden die Hamburger am 31. Mai 2026 entscheiden. 2015 fiel das Votum für die Spiele 2024, die letztlich in Paris stattfanden, knapp negativ aus. Von München gehe daher ein „Zeichen des Aufbruchs und der Zuversicht“ aus, meinte Rülke. Um für mehr Zustimmung unter den Hamburgern zu sorgen, werden ab November einige Beteiligungsveranstaltungen in den sieben Bezirken der Stadt abgehalten. Dort können die Menschen Vorschläge, Anregungen und Wünsche anbringen, aber auch kritische Fragen stellen. Auch ein digitales Beteiligungsformat ist geplant. „Ich habe den Eindruck, dass diese Stadt schon heute Lust hat auf die Olympischen und die Paralympischen Spiele, und wir gehen mit ganz viel Zuversicht und Optimismus in die kommenden Wochen“, sagte Rülke.
Ähnlich äußern sich die Verantwortlichen der Bewerbungs-Initiative der Region Rhein-Ruhr, die allerdings nur Außenseiterchancen im innerdeutschen Wettbewerb hat. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst sah in dem Münchner „Ja“ zu Olympia ebenfalls „ein klares Bekenntnis“ für die Austragung des sportlichen Großevents im Allgemeinen. Der CDU-Politiker freue sich „auf einen fairen Wettbewerb um die beste Bewerbung“. Die Region Rhein-Ruhr werde neben der seiner Infrastruktur auch mit einer hohen Zustimmung innerhalb der Bevölkerung punkten, meinte Wüst: „Im nächsten Jahr kann entschieden werden.“
Eine von den Münchner Machern erhoffte Abkürzung des Auswahlprozesses wird es also nicht geben. Doch egal ob es München, Berlin, Hamburg oder Rhein-Ruhr wird, und egal ob sich der Kandidat dann für 2036, 2040 oder 2044 bewirbt: Die internationale Konkurrenz wird groß sein. Die genaue Vergabe ist noch offen, aktuell befasst sich eine IOC-Arbeitsgruppe mit den konkreten Details des Auswahlprozesses.