Gerade mal 30 Stunden bleiben Raimund Pretzel bis zu seinem Abschied von Teddy und Paris. Zwei Wochen ist er in die Welt der Bohème an der Seine eingetaucht, von ihr ebenso fasziniert wie von der quirligen Wiener Studentin, die in Berlin seine Geliebte war und nun in Frankreich lebt.
Aber viele Stunden des Alleinseins sind den beiden nicht vergönnt. Meist ist Teddy auch von Franz, Horrwitz, Andrews und anderen Verehrern umringt oder damit beschäftigt, in der Metropole mit kleinen Aufträgen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Und wenn die beiden dann doch mal allein sind, führen sie immer wieder belanglose Streitgespräche. Ob sie es noch schaffen, sich vor Raimunds Abfahrt die Venus von Milo im Louvre anzusehen? Ob sie noch auf den Eiffelturm fahren und schließlich versöhnt auseinandergehen? Die Zeit drängt, mal vergeht sie mehr, mal weniger schnell, aber immer steht sie im Zeichen des über allem schwebenden, unvermeidlichen Abschieds.
Sebastian Haffners Jugendroman, 1932 verfasst, erst posthum veröffentlicht und jetzt neu aufgelegt, kommt mit minimaler Handlung aus. Stattdessen besteht er aus unzähligen, oft frotzeligen Dialogen, mit denen sich die Protagonisten in Szene setzen. Zugleich entwirft das Buch ein atmosphärisches Porträt vom Paris um 1931, auch wenn sich ein Großteil der Handlung im Hotel abspielt.
Die Leichtigkeit des bisweilen melancholisch eingefärbten Tons kontrastiert mit den bedrückenden Ereignissen jener Zeit in Berlin, wo Raimund Pretzel als angehender Jurist lebt. Nicht nur für den Ich-Erzähler stellen die zwei Wochen in Paris eine wohltuende Auszeit dar. Auch für Haffner selbst – dessen eigentlicher Name übrigens Raimund Pretzel war, bevor sich der Journalist und Historiker in England aus politischen Gründen das Pseudonym zulegte – dürfte Paris eine Art Gegenmodell zum damaligen Berlin gewesen sein, das unter einem bösen Stern stand. So liest sich der „Abschied“ im Nachhinein auch als einer von einem besseren Deutschland.