Regionalligist VSG Altglienicke hat den bislang besten Schützen in der Nordost-Staffel, ansonsten aber ein Abschlussproblem. Die Verantwortung für Tore soll sich künftig auf mehrere Schultern verteilen.
Jonas Nietfeld ist auch nur ein Mensch – selbst wenn mancher Fan das vielleicht schon anders gesehen haben mag, angesichts seiner anfänglichen Saisonstatistiken. Der Neuzugang des Regionalligisten VSG Altglienicke brachte es jedenfalls auf einen Wert von neun Treffern in den ersten neun Spielen – schon bis dahin aber fielen bei genauerer Analyse zwei weitere, besondere Aspekte auf. Denn einerseits gewann die VSG alle Partien, in denen der 31-Jährige traf – holte andererseits aber auch keinen Dreier, wenn der Angreifer leer ausging. So wurde „Nieter“ ohne Anlaufzeit beim neuen Verein quasi zu einer Art Sieggarant – doch die Serien setzten sich auch nach dem neunten Spieltag fort und nahmen so fast schon bizarre Formen an. Für die VSG aber auch in problematischer Art: Denn seither traf der (immer noch) beste Schütze der Nordost-Staffel in fünf Begegnungen nur einmal. Es war das Tor des Tages zum 1:0-Sieg beim 1. FC Magdeburg II – noch so ein erwähnenswerter Teilaspekt von Nietfelds Statistik, dass er bei den acht Altglienicker Siegen siebenmal für den Führungstreffer verantwortlich zeichnete.
Sieggarant ohne Anlaufzeit
Doch schon im folgenden Heimspiel gegen den Greifswalder FC war wieder zu bemerken, dass dem nach sechs Jahren beim Halleschen FC in die Hauptstadt gewechselten Stürmer ein wenig die Fortune abhandengekommen ist. Ob instinktiv mit einem Absatzkick oder per Kopfball – der (allerdings auch gut aufgelegte) Greifswalder Schlussmann stand jeweils richtig. Und selbst beim Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich war der Keeper schneller, als er am Boden liegend dem einschussbereiten Nietfeld den Ball vor der Nase wegschnappte – der Schiedsrichterassistent hatte aber erkannt, dass die Kugel zuvor bereits hinter der Linie gewesen war. So wurde der Treffer nach einem Freistoß in den Strafraum Sturmpartner Elidon Qenaj gutgeschrieben, weil er nach dem Standard als letzter am Ball war, bevor dieser an den Innenpfosten und von dort offenbar hinter die Linie geprallt war.
Der zuvor vereinslose Qenaj war dabei erst Anfang Oktober nachverpflichtet worden, weil die Verantwortlichen die Koinzidenz zwischen Nietfelds Toren und den damit verbundenen Dreiern erkannt und dabei auch die Kehrseite der Statistik im Auge hatten. „Das haben wir auch schon thematisiert, als wir die Serie hatten mit den Siegen“, gibt Ersan Parlatan unumwunden zu. Denn, so der Trainer der VSG: „Es ist immer wichtig für eine Mannschaft, dass du nicht nur auf einen Spieler schaust, der Tore macht. Da müssen sich die anderen natürlich dahinterreihen und auch Torgefahr ausstrahlen – und das ist uns bis jetzt nicht geglückt.“ Denn kein Stürmer trägt ein Team auf Dauer alleine erfolgreich durch eine Saison – so wurde Qenaj noch als kurzfristige Maßnahme und potenzielle Entlastung für Nietfeld unter Vertrag genommen.
Der 22-jährige Deutsch-Kosovare mit dem Gardemaß von 1,98 Metern war dabei außerhalb des Transferfensters zu haben, weil er nach einer schweren Knieverletzung im Oktober 2022 und dem Auslaufen seines Vertrags beim 1. FC Heidenheim im Sommer 2024 ohne Arbeitgeber geblieben war. Ausgebildet in der Akademie des VfB Stuttgart, gelang Qenaj der Sprung in den Männerbereich beim damaligen Zweitligisten von der Ostalb und brachte es dort auf drei Kurzeinsätze, bevor er sich das erste Mal schwer verletzte. Sein Comeback-Versuch im Sommer 2023 – zuvor hatte der FCH mit ihm um ein weiteres Jahr verlängert – führte dann zu einer erneuten Auszeit, die ihn noch bis vor Kurzem beschäftigte.
Nun also bekommt der hünenhafte Angreifer quasi seine zweite Karrierechance – und wusste auf Anhieb zu überzeugen. Schließlich ist er mit seiner Statur nicht nur ein prädestinierter Strafraumstürmer, sondern auch einer, der vorne Bälle festmachen oder als „Wandspieler“ prallen lassen kann für seine Mitspieler wie Jonas Nietfeld. Der wiederum ist ein Angreifer, der auch mal aus der Tiefe kommt und Spielzüge aus dem offensiven Mittelfeld einleitet. Qenaj wiederum hat mit zwei Treffern in bisher drei Einsätzen auch eine gute Quote vorzuweisen – vor allem sein spätes Ausgleichstor gegen den Halleschen FC mit dem linken Fuß aus 16 Metern in den Winkel verdeutlichte, dass der U21-Nationalspieler des Kosovo neben Körperlichkeit auch eine gute Technik mitbringt.
Punkteschnitt drastisch gesunken
Allerdings haben seine beiden Tore bislang eben nur zu einem Punktgewinn geführt, denn das erwähnte Heimspiel gegen den Greifswalder FC ging noch unglücklich in der Nachspielzeit 1:2 verloren. Und so ist der Punkteschnitt der VSG von 2,3 in den ersten neun Spielen auf 1,0 in den folgenden fünf abgesackt, der Rückstand auf Tabellenführer Lok Leipzig im selben Zeitraum von einem auf elf Zähler angewachsen. Auch wenn der Fokus der Treptower nach dem gewaltigen Umbruch im Sommer für die Spielzeit 2025/26 eher auf dem Zusammenwachsen der Mannschaft liegt, als sich ehrgeizige sportliche Ziele zu setzen, schmerzt die aktuelle Bilanz natürlich gerade angesichts des starken Starts.
Fest steht dabei: Mit dem Abgang von Top-Scorer Tolcay Cigerci (2023/24: 20 Tore, elf Vorlagen) zu Energie Cottbus im vergangenen Jahr ist die Trefferquote der VSG rapide von 2,0 pro Spiel auf 1,2 in der letzten Saison abgesunken – der aktuelle Wert von 1,4 ist kaum besser. Außer Nietfeld und Qenaj hat mit Sydney Sylla (drei Tore) nur noch ein dritter Spieler im Kader mehr als ein Tor erzielt, die restlichen verteilen sich dann nur noch auf vier Fußballer. So hat etwa Johannes Manske bislang nur einmal getroffen – der 25-jährige Angreifer war vergangene Saison mit (auch nur) fünf Erfolgen bester Schütze der Altglienicker. Abwehrspieler Patrick Kapp kam 2024/25 ebenfalls auf diesen Wert, konnte nun aber bislang noch gar nichts für das Torkonto beisteuern – allerdings stellt man auch die drittbeste Defensive der Nordost-Staffel mit einem starken Schnitt von weniger als einem Gegentor pro Spiel. „Aber wir haben Spieler, die gute Leistungen bringen und wollen sie auch noch weiter verbessern“, sagt Parlatan und verspricht voller Zuversicht: „Dazu gehört auch die Torgefährlichkeit – vor allem der Offensivspieler.“