Was selbst Spitzenteams wie Paris Saint-Germain nicht gelungen ist, schafft Union Berlin. Das 2:2 gegen den FC Bayern gibt viel Rückenwind – auch wie das Pokal-Duell mit den Münchnern im Dezember.
Der 1. FC Union Berlin wird 60 Jahre alt, und pünktlich zum Jubiläum dürfen die Fans den Manager spielen. „Unzählige Spieler haben in sechs Jahrzehnten das Union-Trikot getragen, viele von ihnen haben tiefe Spuren hinterlassen, nicht wenige wurden zu Legenden“, schrieb der Fußball-Bundesligist auf seiner Internetseite: „Doch wie würde eine Union-Elf aussehen, wenn sie alle zur gleichen Zeit im besten Fußballeralter gewesen wären?“ Die registrierten Union-Mitglieder können online ihre Lieblings-Elf seit der Vereinsgründung am 20. Januar 1966 zusammenstellen. Bei der Jubiläumswahl zum Clubgeburtstag sind für die elf Positionen im 4-4-2-System plus Torwart jeweils jene fünf Spieler nominiert, die die meisten Pflichtspieleinsätze für die Eisernen aufweisen können. Auch aus der aktuellen Bundesligamannschaft können sich drei Akteure Hoffnungen machen, von den Fans in die Legende-Auswahl gewählt zu werden.
Über 360 Einsätze für die Eisernen
Torwart Frederik Rönnow überzeuge „mit starken Paraden und Reflexen, Spielintelligenz und Ruhe im Strafraum“, warb Union in einem kurzen Porträt über den dänischen Schlussmann, der „ein entscheidender Faktor für Unions stabile Defensive der vergangenen Jahre“ sei. Mit drei Auszeichnungen zum „Unioner des Jahres“ habe sich Rönnow zudem „bereits jetzt in den Geschichtsbüchern“ des Clubs verewigt. Auch Kapitän Christopher Trimmel ist nominiert – und dürfte genau wie Rönnow gute Chancen auf eine erfolgreiche Wahl haben. Der Österreicher sei „eine der wichtigsten Identifikationsfiguren für den Verein – auf und neben dem Platz“, schrieb Union: „Er ist bis zum heutigen Tag Unions Rekordspieler mit über 360 Pflichtspieleinsätzen, führt die Vorlagen-Liste mit 68 Assists an und ist somit mehr als verdient doppelter ‚Unioner des Jahres‘ geworden.“ Dritter im Bunde ist Rani Khedira. Der Vizekapitän des aktuellen Kaders sei nach seinem Wechsel 2021 „schnell zu einem zentralen und wichtigen Bestandteil des Mittelfelds“ geworden und stehe „für Stabilität, Spielintelligenz und Teamgeist“.
Am vergangenen Wochenende hatten alle drei Routiniers ihren Anteil an einem Coup, der für manche gar eine kleine Sensation ist. Die Eisernen trotzten dem großen FC Bayern ein 2:2 ab und sorgten dafür, dass das Münchener Starensemble im 17. Pflichtspiel der Saison erstmals nicht als Sieger den Platz verließ. Rönnow strahlte auch in größter Hektik Ruhe aus und parierte einige Bälle. Khedira verrichtete als Mittelsmann zwischen Abwehr und Angriff Schwerstarbeit. Trimmel war gesperrt und durfte auf dem Rasen nicht mitwirken. Doch als Motivator innerhalb der Kabine dürfte auch der 38 Jahre alte Österreicher seinen kleinen Anteil an dem Prestige-Punkt gehabt haben, mit dem im Vorfeld kaum jemand gerechnet hatte. Khedira dagegen schon, der Mittelfeld-Antreiber hatte vor dem Anpfiff die Marschroute für die Riesenüberraschung ausgegeben: „Wir sind stabil, wir können über 120 Minuten Vollgas geben. Jetzt müssen wir im letzten Drittel gefährlicher und konsequenter werden.“
Diese Forderung setzte das Team beeindruckend um. Für den Punktgewinn musste Union natürlich konsequent verteidigen und defensiv auch mächtig leiden. Doch die offensiven Nadelstiche, die die Berliner setzten, verfehlten ihre Wirkung nicht. Noch wichtiger waren an diesem denkwürdigen Nachmittag aber die Standard-Situationen. Auch ohne Trimmel, Unions König bei ruhenden Bällen, kreierte die Heimmannschaft bei Ecken und Freistößen gefährliche Situationen, die auch die beste Abwehr der Bundesliga in die Bredouille brachte. Der bei Standards extrem gefährliche Innenverteidiger Danilho Doekhi erzielte so zwei Tore und ließ Union lange Zeit sogar auf einen Prestigesieg gegen die Bayern hoffen. Doch Stürmerstar Harry Kane rettete dem haushohen Favoriten, der wenige Tage zuvor dem Champions-League-Gewinner Paris Saint-Germain eine Lehrstunde in der Königsklasse erteilt hatte, in der Nachspielzeit noch ein Remis.
„Standardsituationen sind eine große Stärke von Union“, sagte Bayern-Trainer Vincent Kompany, für den sich das Unentschieden sogar etwas abgezeichnet hatte: „Ich habe meine Spieler und die Presse drei Tage vorbereitet auf genau dieses Spiel. Ich bin der Einzige, der das geglaubt hat, glaube ich. Ich war überhaupt nicht überrascht.“ Sein Berliner Trainerkollege Steffen Baumgart konnte das Remis nach einer emotionalen Achterbahnfahrt schwerlich einordnen. Er sei „ein bisschen verärgert, aber auch ein bisschen glücklich“, äußerte der Coach hinterher. Vor dem Anpfiff hätte er ein 2:2 gegen den Rekordmeister und souveränen Tabellenführer als „Teilerfolg“ gewertet, „wenn wir den Spielverlauf sehen, dann glaube ich, dass wir uns zumindest im Moment ärgern können“. Die Fans dürften sich aber ausnahmslos als Sieger fühlen. „Es war ein richtig geiles Bundesligaspiel von zwei Mannschaften, die gewinnen wollten“, meinte Baumgart.
Gegner auf Augenhöhe
Spaß gemacht hat es natürlich auch Doekhi. „Zwei Tore gegen Bayern zu machen, ist schon krass. Auf eins habe ich gehofft, aber natürlich nicht auf zwei“, sagte der Niederländer. Mit nun fünf Pflichtspieltreffern ist er der teamintern beste Torschütze, was zwar für ihn spricht, aber auch ein gewaltiger Denkzettel für die offensiv ausgerichteten Kollegen ist. „Als Innenverteidiger möchte man immer drei, vier, fünf Tore in einer Saison machen, vielleicht muss ich mein Ziel noch mal anpassen“, scherzte Doekhi. Chancen, sein Tor-Konto weiter aufzufüllen, hat er nach der Länderspielpause zuerst im Auswärtsspiel bei Aufsteiger FC St. Pauli (23. November) und dann zu Hause in der Alten Försterei gegen Tabellen-Schlusslicht 1. FC Heidenheim. „Das sind Gegner, die mit uns auf Augenhöhe sind und denen wir ebenfalls mit der Energie von heute begegnen müssen“, meinte Doekhi.
Danach kommen die Bayern im Pokal erneut in die Alte Försterei – und dann wohl zusätzlich mit Revanchegelüsten. Geht es nach der Stimmung in der Hauptstadt, sind die Eisernen aber im Pokal-Achtelfinale am 3. Dezember gegen den Rekordgewinner nicht chancenlos. „Endlich wieder auf Augenhöhe mit den Besten“, titelte die „Berliner Zeitung“ nach dem Remis in der Liga. Doch Sport-Geschäftsführer Horst Heldt ist bemüht, die Euphorie ein wenig zu dämpfen. „Das ist natürlich ein richtig schweres Los, da brauchen wir gar nicht drum herumreden“, sagte er: „Aber immerhin spielen wir zu Hause, und das ist ein kleiner Vorteil. Am Ende gilt im Pokal sowieso: Wenn du ins Finale willst, musst du jeden schlagen.“ Schon im vergangenen März hatte Union beim 1:1 ein Unentschieden gegen die Bayern geholt und gezeigt, dass das Team mit seiner Art des Fußballs für die Münchener unangenehm ist. „Unser Ziel muss sein, dass die einzelnen Spieler ihre individuellen Stärken nicht zur Show bringen können“, so Abwehrchef Leopold Querfeld, der zudem „die ein oder andere Ticketanfrage von Familien und Freunden“ managen muss. Nach dem 2:2 in der Liga dürfte der Andrang auf die begrenzten Karten nochmals zunehmen. Und Rönnow, Khedira und Trimmel dürften bei der Wahl in die Legenden-Elf weitere Pluspunkte gesammelt haben.