Luciano Spalletti soll Juventus Turin zurück in die Spur bringen. Doch die Krise des italienischen Rekordmeisters ist längst größer als jede Trainerfrage – sie ist das Ergebnis von Übermut, Missmanagement und dem Verlust einer einst stolzen Kultur.
Übermut und Missmanagement haben den italienischen Kult-Club Juventus Turin in eine Lage geführt, die früher unvorstellbar schien. Ein Verein, der sich einst über seine Stabilität definierte, taumelt nun von Entlassung zu Entlassung, von Umbruch zu Umbruch, als habe er vergessen, was ihn einmal ausgezeichnet hat. Die Demission von Coach Igor Tudor ist nur der jüngste Ausdruck dieser Entwicklung – und vielleicht der schmerzhafteste.
Tudor, früher Abwehrchef und Identifikationsfigur, hatte den Verein immer als Heimat beschrieben. Als er im Frühjahr in Turin vorgestellt wurde, sprach er mit leuchtenden Augen von Marcello Lippi, jenem Trainer, der Juventus in den Neunzigern geprägt und den Verein zu einem Synonym für Kontinuität gemacht hatte. „Wenn ich an Juventus denke“, sagte Tudor, „dann denke ich an Lippi.“ Es war ein Satz voller Sehnsucht, ein Bekenntnis zu einer Zeit, in der in Turin Prinzipien galten – und kein Prinzip Hoffnung.
Ende Oktober endete dieses kurze Kapitel. Nach sieben Monaten zog der Club die Reißleine, nüchtern und schmucklos. Es war die dritte Trainerentlassung in eineinhalb Jahren – ein Bruch mit der eigenen Geschichte, in der über ein Jahrhundert hinweg gerade einmal zehn Trainer entlassen worden waren. Tudor war einst gekommen, um eine missratene Saison zu retten. Nun steht Juventus dort, wo es nie stehen wollte: hinter den eigenen Erwartungen, ohne klare Richtung, ohne erkennbare Idee.
Warnendes Beispiel
Die Gründe dafür reichen weit über die Kabine hinaus. Juventus Turin ist zu einem warnenden Beispiel geworden für die Gefahren von Größenwahn in einem Fußball, der sich längst in den Mechanismen der Finanzmärkte verloren hat. Seit der Verpflichtung von Cristiano Ronaldo 2018 hat der Club fast eine Milliarde Euro verbrannt – 999 Millionen, um genau zu sein. Der portugiesische Superstar, der den Verein einst in die Champions-League-Elite führen sollte, ist inzwischen „ex-registrierter Spieler“ in den Büchern. Doch selbst aus der Distanz fordert er weiter Geld: Zehn Millionen Euro will er noch, weil er sich in der Pandemiezeit um seinen Lohn betrogen sieht.
Die Ära Ronaldo markierte den Beginn des Abstiegs – nicht sportlich, zunächst, sondern kulturell. Mit ihm verließ Giuseppe Marotta den Verein, der erfolgreichste Manager der jüngeren Clubgeschichte. Er war es, der Juventus mit Systemdenken und Augenmaß zu sieben Meisterschaften in Folge geführt hatte. Als er im Sommer 2018 ging, übernahm er bei Inter Mailand den Wiederaufbau, während in Turin die Idee über den Markt siegte. Marotta misstraute der Vision, um Ronaldo herum die Welt zu erobern. Er sollte recht behalten.
In den Jahren danach folgte eine Kette von Fehlentscheidungen, sportlich wie moralisch. Die Bilanzfälschungsaffäre von 2022 war nur der sichtbarste Teil eines tiefen strukturellen Zerfalls. Der gesamte Vorstand trat zurück, Andrea Agnelli verschwand, sein Cousin John Elkann übernahm – der mächtige Erbe des Fiat-Imperiums, der nun auch im Fußball den Konzerngeist durchzusetzen versucht. Doch in den Fluren des „Allianz Stadiums“ herrscht seitdem mehr Stille als Aufbruch.
Es ist ein paradoxes Schauspiel: Noch immer fließt Geld, viel Geld. Doch was in den vergangenen Jahren fehlte, war Richtung. Juventus investierte blind, als könne man Identität kaufen. 216 Millionen Euro flossen allein im Sommer 2024 in Transfers, die einem neuen Zeitalter unter Thiago Motta dienen sollten. Motta kam als Hoffnungsträger, als Symbol für Erneuerung – und scheiterte schon im März an seinem eigenen Systemdenken. Ihm folgte Tudor, mit dem Versprechen, wieder Einfachheit und Leidenschaft zurückzubringen. Auch das verpuffte.
Dass die Entlassungen selbst zum Problem geworden sind, zeigen die Bilanzen. Nach Berechnungen des Portals „Calcio e Finanza“
muss Juventus mehr als 30 Millionen Euro aufbringen, um die Verträge der entlassenen Trainer und ihrer Stäbe zu bedienen. Für Motta wurden Rückstellungen von 16,3 Millionen Euro gebildet, Tudors Gehalt soll bei rund 5,5 Millionen Euro liegen. Bis 2027 würden also weitere zehn Millionen fällig – vorausgesetzt, man einigt sich nicht auf Abfindungen. Ein Verein, der Schulden abbauen will, bezahlt nun den Preis einer Unruhe, die er selbst geschaffen hat.
Die Fehler sind auch personeller Natur. Junge Spieler, die als überflüssig galten, blühen andernorts auf. Dean Huijsen spielt längst bei Real Madrid, Matías Soulé glänzt in Rom, Moise Kean trifft in Florenz. Juventus hatte sie alle – und ließ sie ziehen. Dafür kamen Namen, nicht Ideen: kostspielige, kurz gedachte Transfers, mit denen man den nächsten Titel erzwingen wollte. Sie zeugen von einem Club, der seine Geduld verloren hat.
Chiellini soll übernehmen
John Elkann scheint nun bereit, erneut eine Kapitalerhöhung zu genehmigen. Der Franzose Damien Comolli führt offiziell die Geschäfte, doch im Hintergrund bereitet sich ein anderer auf größere Aufgaben vor: Giorgio Chiellini, der frühere Kapitän, studiert seit Jahren Management und gilt als künftiger Architekt eines neuen Juventus. Vielleicht wird er es sein, der den Club wieder zu dem macht, was er einmal war – eine Idee, die größer war als ihre Protagonisten.
Doch selbst wenn sich in den Gängen des Vereinszentrums in Continassa allmählich wieder Geschäftigkeit regt, bleibt das Gefühl, dass Juventus noch immer mehr sucht, als es findet. Es fehlt weniger an Ressourcen als an Überzeugung. Was früher als eiserne Selbstverständlichkeit galt – das Bewusstsein, Teil eines übergeordneten Plans zu sein –, ist einer nervösen Unruhe gewichen. Spieler, Trainer, Funktionäre kommen und gehen, keiner prägt ein Bild, das bleibt. Die Slogans an den Wänden sprechen noch von „fino alla fine“, bis zum Ende, doch in Wahrheit ist diese Zeit der Endlosigkeit längst vorbei. In Turin spürt man, dass etwas zerbrochen ist: die Beziehung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen der stolzen Erzählung von einst und der Realität eines Vereins, der seine Maßstäbe verloren hat.
Das Vertrauen ist geschwunden
Vorerst aber liegt die Verantwortung bei Luciano Spalletti. Der 66-Jährige, bis Sommer noch Nationaltrainer Italiens, hat in Neapel gezeigt, was möglich ist, wenn Leidenschaft und Struktur zusammenfinden. Mit Napoli gewann er 2023 den Scudetto, indem er das Spiel entstaubte und seine Mannschaft lehrte, wieder an Schönheit zu glauben. Nun übernimmt er in Turin – vorerst bis Saisonende, mit automatischer Verlängerung, sollte der Club die Champions League erreichen.
Spalletti verdient drei Millionen Euro plus Prämien, doch wichtiger als das Gehalt ist das Symbol: Mit ihm holt Juventus einen Mann, der dem Chaos mit Intellekt begegnen kann. Einen, der versteht, dass Ordnung im Fußball nicht durch Geld, sondern durch Haltung entsteht. „Er ist der Beste“, sagte einst Marcello Lippi über ihn, „eine Person mit viel Fähigkeit und einer großen Fußballkultur.“
Vielleicht wird genau das in Turin gebraucht – Kultur. Nicht im musealen Sinn, sondern als Gegenentwurf zu jener Hybris, die den Club so lange getrieben hat. Spalletti ist kein Mann der Illusionen; er weiß, dass die Alte Dame alt geworden ist, müde, misstrauisch gegenüber sich selbst. Doch er bringt eine Sprache zurück, die in Turin fast vergessen schien: die des Maßes, der Arbeit, der Selbstachtung.
Ob das reicht, um Juventus zu heilen, ist offen. Die Wunden sind tief, das Vertrauen geschwunden, die Mechanismen verrostet. Aber vielleicht liegt gerade darin eine Chance. In der Bereitschaft, sich wieder auf das zu besinnen, was Marcello Lippi einst über diesen Verein sagte: dass er immer dann am stärksten war, wenn er nicht versuchte, jemand anderes zu sein.
Und so könnte Spalletti am Ende weniger der große Heilsbringer werden, sondern derjenige, der die Erinnerung bewahrt – an ein Juventus, das noch wusste, was es wollte. Ein Verein, der nicht nach Superstars suchte, sondern nach Sinn. Vielleicht ist das der Anfang einer Rückkehr. Vielleicht auch nur das Ende einer Illusion.