Mit seinem Gold-Triple bei den Olympischen Spielen 1952 hat der vor 25 Jahren verstorbene Emil Zátopek eine Bestmarke für die Ewigkeit aufgestellt. Er siegte über 5.000 und 10.000 Meter sowie über die Marathonstrecke.
In dunkelbraunen Nazi-Zeiten wurde im Frühjahr 1941 die Leitung der weltberühmten Batá-Schuhwerke im südmährischen Städtchen Zlín angewiesen, einen Crosslauf auszurichten. Auch dieser florierende Industriebetrieb war längst unter deutsche Oberhoheit des sogenannten Reichsprotektorats Böhmen und Mähren gestellt und zur Produktion von Wehrmacht-Stiefeln umfunktioniert worden. Die deutschen Besatzer wollten bei dem angesetzten Wettbewerb ihre sportliche Überlegenheit über die ansässige Bevölkerung dokumentieren. Da sich die Begeisterung zur Teilnahme an dem Lauf mit einer Streckenlänge von 1.400 Metern bei den Mitarbeitern des Werks in Grenzen hielt, musste die Betriebsspitze ihre Arbeiter dazu zwingen. Nur durch den Nachweis gesundheitlicher Beschwerden konnten sich wehrfähige tschechische Männer von der Teilnahme befreien lassen.
Ein damals 18-jähriger Werksangehöriger, der nach einer Ausbildung zum Schuhmacher die betriebseigene höhere Gewerbeschule besuchte, um einen chemischen Abschluss zu machen, wollte sich genau dieses Schlupflochs bedienen. In seinem bisherigen Leben hatte der dürre, 1,74 Meter große Schlaks noch nie Sport getrieben. Da er aber mit den vorgetäuschten Knieschmerzen nicht durchgekommen war, musste Emil Zátopek schließlich doch an den Start gehen. Statt nur lustlos mitzulaufen, legte er sich voll ins Zeug und belegte zur Überraschung seiner Betriebsleitung – und zum Ärger der deutschen Besatzer – in seinem ersten Wettkampf den zweiten Platz, wofür er einen Füllfederhalter als Prämie bekam.
Natürlich konnte damals niemand erahnen, dass besagter Crosslauf gewissermaßen die unfreiwillige Geburtsstunde eines Jahrhunderttalents war. Schon gar nicht, dass die Redaktion des weltweit populärsten Laufmagazins „Runner’s World“ ihn im Jahr 2013 sogar „zum größten Läufer aller Zeiten“ küren würde – noch vor dem legendären finnischen Nationalhelden Paavo Nurmi, der in den Jahren zwischen 1920 und 1928 mit neun Gold- und drei Silbermedaillen der erfolgreichste männliche Olympia-Athlet des 20. Jahrhunderts war.
Zátopek gewann 261 von 334 Rennen
Der direkte Vergleich zwischen diesen beiden Lauf-Titanen ist schwierig, wenngleich die Zahl der offiziell aufgestellten Weltrekorde mit 18 : 13 für Zátopek spricht. Aber auch charakterlich und in ihrem Laufstil waren die beiden Über-Läufer des 20. Jahrhunderts grundverschieden. Hier der introvertierte Schweiger Paavo Nurmi mit seiner ästhetischen Eleganz. Dort der fröhlich-weltoffene Emil Zátopek mit unorthodoxem Laufstil, der mit wackelndem Kopf, rudernden Armen, hochgezogenen Schultern, stampfendem Schritt, heraushängender Zunge, gequält-martialischen Gesichtszügen und pfeifend-zischenden Atemgeräuschen jeglicher läuferischen Aerodynamik Hohn gesprochen hatte. All das hatte ihm außerhalb seiner Heimat den Spitznamen „tschechische Lokomotive“ eingebracht. Sein Laufen wirkte wie ein ewiger Kampf auf der Bahn, wie Schwerstarbeit oder stetige Überwindung eigener körperlicher Grenzen. Von ihm stammt auch das berühmte Zitat „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“.
Während seiner Langlaufkarriere in den Jahren 1942 bis 1957 konnte er von 334 Rennen stolze 261 siegreich für sich gestalten. Bei 141 Starts auf der 5.000-Meter-Strecke gelangen ihm dabei 120 Siege. Noch erfolgreicher war er in seiner Paradedisziplin, den 10.000 Metern, mit 54 Siegen bei 62 Starts. Wie groß seine Dominanz auf den 10.000 Metern war, zeigt sich darin, dass er von Mai 1948 bis Juni 1954 in keinem einzigen der 38 Rennen von einem Gegner geschlagen werden konnte. Dies schloss den Gewinn der ersten olympischen Goldmedaille für die junge ČSSR bei den Olympischen Spielen von London 1948 über seine Paradestrecke mit ein. Über die 5.000 Meter musste er sich hingegen nach einem dramatischen Zielfinish mit der Silbermedaille begnügen, weil der Belgier Gaston Reiff zwei Zehntelsekunden schneller gewesen war.
Seinen Status als tschechoslowakischer Nationalheld konnte er bei den Olympischen Spielen in Helsinki 1952 weiter festigen. Dort gelang ihm Historisches, was nicht einmal der große Paavo Nurmi geschafft hatte: Innerhalb von acht Tagen sicherte er sich die Goldmedaille in den drei wichtigsten Langlauf-Wettbewerben mit jeweils neuer olympischer Rekordzeit. Wobei er über die 10.000 Meter seiner Favoritenrolle gerecht wurde, während er sich auf den 5.000 Metern erst dank einer phänomenalen Schlussrunde in 57,2 Sekunden noch vom vierten auf den ersten Platz katapultierte.
Für seine Teilnahme am Marathonlauf hatte er sich ganz spontan erst kurz vor Meldeschluss entschieden. Ein heikles Unterfangen, da er noch nie zuvor in einem offiziellen Rennen über diese Distanz angetreten gewesen war. Mangels jeglicher Erfahrung über diese Streckenlänge orientierte er sich anfangs am britischen Weltrekordinhaber Jim Peters, ließ diesen dann ab dem 15. Kilometer einfach stehen und lief unter Ovationen von 70.000 Zuschauern ins Stadion zum Olympiasieg ein. Die britische „Times“ feierte ihn daraufhin als „größten Langstreckenläufer aller Zeiten“. Von seinen insgesamt 18 Weltrekorden wurden einige in heute nicht mehr gängigen Disziplinen über Strecken wie 20.000 oder 30.000 Meter erzielt. Den Weltrekord über 5.000 Meter knackte er nur ein einziges Mal, den über 10.000 Meter dafür gleich fünfmal. Wobei er seine bemerkenswertesten Bestmarken innerhalb von 48 Stunden aufgestellt hatte. Am 30. Mai 1954 konnte er in Paris als erster Sportler die 5.000 Meter unter vier Minuten bewältigen, am 1. Juni 1954 gelang ihm in Brüssel als erstem Läufer über 10.000 Meter das Unterbieten der magischen 29-Minuten-Grenze.
Rekorde purzelten gleich serienweise
Emil Ferdinand Zátopek wurde am 19. September 1922 in der nordmährischen Gemeinde Kopřivnice geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines Schreiners auf. Auf Wunsch der Eltern sollte der sprachbegabte Filius eigentlich ein Lehramtsstudium aufnehmen, aber da die Familie die dafür geforderten Gebühren nicht aufbringen konnte, ging er zu den Batá-Schuhwerken. Dort wurde ihm nach seinem Crosslauf und abgeschlossenem Chemiestudium die Möglichkeit zu intensivem Training im hauseigenen Sportclub eingeräumt. Anfangs nahm ihn ein schon bekannter Läufer namens Jan Haluza unter seine Fittiche und machte ihn mit dem damals noch ziemlich ungewöhnlichen Intervalltraining bekannt, das Zátopek später mit ständig gesteigerten Einheiten auf eigene Faust perfektionierte. Eigenem Bekunden nach hatte er sein Trainingsprogramm ganz bewusst so knallhart konzipiert, damit für ihn der eigentliche Wettkampf dann so etwas wie Erholung gewesen sei.
Nach dem Krieg ermöglichte ihm der Eintritt ins Militär die volle Konzentration auf seine sportliche Laufbahn. Er ließ nationale Rekorde in Serie purzeln und sorgte bei den Europameisterschaften in Oslo 1946 mit dem fünften Platz über die 5.000 Meter erstmals international für Aufsehen. Nach seinem ersten Olympia-Gold 1948 heiratete er die Speerwerferin Dana Ingrová, die am exakt gleichen Tag wie Zátopek das Licht der Welt erblickt hatte und die bei den Olympischen Spielen in Helsinki 1952 ebenfalls die Goldmedaille in ihrer Sportart erringen konnte. Bei den Europameisterschaften 1950 und 1954 erweiterte Zátopek seine Medaillensammlung um dreimal Gold und einmal Bronze. Bei den Olympischen Spielen in Melbourne 1956 versuchte der durch eine gerade erst auskurierte Leistenverletzung gehandicapte Athlet lediglich, seinen Marathon-Titel zu verteidigen, musste sich aber letztlich mit einem für ihn enttäuschenden sechsten Platz begnügen.
Ministeriumsposten musste er aufgeben
Mit dem privilegierten Dasein, das sich das Ehepaar Zátopek in Prag nach dem sportlichen Karriereende aufgebaut hatte, wobei er eine ruhige Kugel im Verteidigungsministerium schieben konnte, war es mit Emils Engagement rund um den Prager Frühling 1968 vorbei. Als Mitunterzeichner des „Manifests der 2.000 Worte“ und als einer der leicht identifizierbaren Protestredner auf dem Wenzelsplatz im Angesicht der russischen Panzer fiel Zátopek nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungnade, wurde öffentlich diskreditiert und seiner Dienststellung enthoben. Es folgten harte Jahre bei einem auf Bohrungen von Brunnen und die Suche nach Bodenschätzen spezialisierten Unternehmen. Mit Entschuldigungen für sein politisches Fehlverhalten verbundene Gnadengesuche führten schließlich 1974 zu einer bescheidenen Anstellung als Archivar im Prager Sport-Dokumentationszentrum bis zu seinem Renteneintritt im Jahr 1982. Im Zuge der sogenannten Samtenen Revolution wurde Zátopek am 11. März 1990 offiziell rehabilitiert und 1997 in Tschechien zum „Athleten des Jahrhunderts“ gekürt. Sein Gesundheitszustand hatte sich seit 1996 infolge mehrerer Schlaganfälle stetig verschlechtert. Am 21. November 2000 starb der inzwischen 78-Jährige im Prager Zentralen Militärkrankenhaus an den Folgen eines neuerlichen Schlaganfalls.