Europa befindet sich mitten in einer historischen Militarisierung. Nach Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine rüstet die EU massiv auf. Ein Überblick.
Vor einigen Wochen wurde es in den idyllischen Hamburger Elbvororten ernst. In einer alten Kaserne des schläfrigen Stadtteils Iserbrook schlug die Bundeswehr ihr Hauptquartier für das Manöver „Red Storm Bravo“ auf – eine großangelegte Übung zum Testen der städtischen Widerstandskraft im Krisenfall. Fünf Tage lang probte man das Zusammenspiel von Militär, Behörden und Zivilorganisationen – Soldaten, Polizei, Hilfswerke und Unternehmen wie Airbus und Hafenbetriebe.
Für die Hamburger boten sich ungewohnte Bilder: Militärkonvois auf Nebenstraßen, Hubschrauber mit schwer bewaffneten Soldaten, Sperrungen und Nachtübungen. Es war ein Szenario, das viele bisher nur aus den Nachrichten kannten – Krieg in Europa. Hamburg will kriegstüchtig werden, und das nicht ohne Grund: Die Freie und Hansestadt mit ihren Dutzenden Schiffsliegeplätzen wäre im Ernstfall das logistische Drehkreuz, über das Truppen und Gerät in Richtung Osten transportiert würden.
Das Manöver ist ein Mosaikstein einer in Europa seit Jahrzehnten nicht mehr gekannten Mobilisierung. Der Kontinent erlebt sicherheitspolitisch seine kritischste Phase seit dem Ende des Kalten Krieges.
Der russische Angriff auf die Ukraine hat ein Tabu gebrochen – und einen Prozess ausgelöst, den viele für undenkbar hielten: die Rückkehr Europas zur strategischen Selbstbehauptung. Doch der Weg dorthin ist steinig. Alte Reflexe treffen auf neue Realitäten.
Strategische Selbstbehauptung
Maßstab aller Verteidigungsanstrengungen bleibt Russland – kein anderes Land bedroht Europas Sicherheit derzeit direkter. Zwar bewerten Beobachter die russischen Verluste als „enorm“, doch Moskaus Strategie zielt längst über das Schlachtfeld hinaus: auf Erschöpfung, Spaltung und Einschüchterung. Der Kreml will, dass Europa zweifelt – oder verzweifelt.
Die Antwort der EU-Staaten ist beachtlich: Zwischen 2021 und 2025 stiegen die Verteidigungsausgaben um mehr als 30 Prozent. Gemeinsame Munitionsbestellungen, Rüstungskooperationen und Ausbildungseinheiten wurden beschlossen. Dennoch bleibt die Realität ernüchternd: Viele Armeen sind überaltert, logistisch überfordert und weiter auf amerikanische Kapazitäten angewiesen.
Mit Finnland und Schweden gehören nun zwei vormals blockfreie Staaten zur Nato. Zusammen mit Norwegen komplettieren sie eine neue Verteidigungsarchitektur. Die Ostsee – einst ein „Friedensmeer“ – ist heute, wie der schwedische Analyst Jonas Olsson im Magazin „Breaking Defense“ schreibt, „ein See voller Nato-U-Boote“.
Schwedens Rolle ist die eines Frontstaates geworden. Die Marine kooperiert eng mit anderen Ostseeanrainern, amerikanische und britische Einheiten schützen Pipelines und Datenkabel. Die nordöstliche Flanke Europas ist heute geschlossen – von Dänemark bis zum Polarkreis. Für Moskau bedeutet das einen massiven Verlust an Bewegungsfreiheit.
Auch die Arktis rückt sicherheitspolitisch näher. Die Region ist rohstoffreich und militärisch sensibel: Russlands Nordflotte, Nuklearbasen auf der Kola-Halbinsel und neue Schifffahrtsrouten durch tauendes Eis machen sie zum geopolitischen Brennpunkt.
Bemerkenswert ist in dieser nördlichen Architektur die Rolle Islands. Trotz fehlender Streitkräfte unterstützt das 400.000-Einwohner-Land die
Ukraine mit Ausbildung, Minenräumung, humanitärer Hilfe und Feldlazaretten. Als Mitglied der „Nordisch-Baltischen Acht“ (NB8) sieht sich die Insel verantwortlich für die „Sicherung von Frieden und Stabilität im Nordatlantik und in der Arktis.“ Der schwedische Russlandexperte Stefan Hedlund fasst zusammen: „Island bleibt kühl und strategisch stark.“
Finnland wiederum hat historisch reagiert. Das Land gibt über drei Prozent seines BIP für Verteidigung aus, verfügt über eine umfassende Wehrpflicht und hochmoderne Luftabwehrsysteme. Mit 1.340 Kilometern Landgrenze zu Russland weiß Finnland, was Abschreckung bedeutet, und gilt heute als Musterfall glaubwürdiger Verteidigungsfähigkeit im europäischen Norden. Das eng verbundene Baltikum zieht mit. Estland, Lettland und Litauen investieren Rekordsummen – Litauen will bis 2026 fünf bis sechs Prozent des BIP erreichen. Polen, das geostrategische Bindeglied zur Nato-Westfront, liegt bereits auf diesem Niveau.
Die Sorge ist konkret: ein Szenario wie 2014 auf der Krim, diesmal an den Grenzflüssen Narva oder Düna. In diesen Regionen leben viele ethnische Russen – potenzielle Hebel für hybride Operationen.
Gemeinsam sichern Skandinavien, das Baltikum, Polen und Deutschland heute die Ostsee – ein Gebiet, das nach den Sabotagen an den Nord-Stream-Pipelines unter ständiger Alarmbereitschaft steht. U-Boote, Unterwasserdrohnen, Kabelverbindungen: alles potenzielle Ziele.
Europa Teil eines globalen Sturms
Auch das Schwarze Meer – das „Hausmeer“ der Ukraine – bleibt ein Krisenherd. Rumänien hat aufgerüstet, neue Nato-Basen eröffnet und seine Marine modernisiert. Doch die Region bleibt instabil: zu nah der russische Einfluss, zu groß die Gefahr asymmetrischer Angriffe. Analysten fordern, Europa müsse hier strategisch stärker werden – insbesondere bei U-Boot- und Drohnenabwehr.
Die Ukraine ist in diesem Gefüge längst nicht mehr nur Opfer, sondern Motor europäischer Verteidigungspolitik. Ohne Russlands Aggression hätte es diesen sicherheitspolitischen Aufbruch nie gegeben. Die EU-Mission „EUMAM UA“ bildet Zehntausende ukrainische Soldaten aus, gemeinsame Munitions- und Drohnenproduktionen laufen an – „aber zu langsam, um die Front dauerhaft zu stabilisieren“, urteilen Experten.
Während der Norden rüstet, bleibt Spanien als Wächter des Mittelmeerzugangs zum Atlantik zögerlich. Madrid erreicht erst seit Kurzem das Nato-Ziel von zwei Prozent, gemeinsame Beschaffungen stoßen auf Skepsis. Premier Pe-dro Gonzalez betont: „Die Bedrohungen für Südeuropa sind andere als in Osteuropa.“ Historische Distanz und innenpolitische Zurückhaltung bremsen den sicherheitspolitischen Schulterschluss an der Südflanke.
Europas strukturelle Schwäche liegt jedoch weniger in politischen Differenzen als in industrieller Zersplitterung. Über 20 nationale Rüstungshersteller konkurrieren um Aufträge, jedes Land pflegt eigene Standards und Exportregeln. Die EU will das mit dem Programm „Readiness 2030“ ändern – bis zu 800 Milliarden Euro sollen in Forschung, Produktion und gemeinsame Lager fließen. Doch ohne politische Einigkeit bleibt das ein frommer Wunsch.
Ein Schlüsselstaat bleibt Großbritannien. Trotz Brexit ist das nukleare Königreich zentraler Bestandteil der europäischen Verteidigung. Von Schottland bis Norwegen arbeiten Marineverbände eng zusammen, britische Drohnenaufklärung und französische Satellitendaten sichern Öl- und Gaspipelines – ohne London wäre Europas Nordflanke verwundbarer.
Während Russland im Fokus steht, verändern andere Akteure das Machtgefüge. China baut seine Präsenz im Mittelmeer und in Afrika aus und arbeitet mit Partnern wie dem Iran zusammen. Dessen Stellvertreter im Jemen – die vom Iran gestützten Huthi-Milizen –
bedrohen die Schifffahrt im Roten Meer, einer zentralen Handelsroute Europas. Damit rückt die geopolitische Peripherie gefährlich nah an den europäischen Alltag heran.
Europa ist kein Friedenskontinent mehr, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Der Kontinent ist Teil eines globalen geopolitischen Sturms. Frieden ist keine Selbstverständlichkeit mehr – die von Verteidigungsminister Boris Pistorius postulierte „Kriegstüchtigkeit“ ist zur neuen Normalität geworden. „Wir sind nicht mehr ganz im Frieden und noch nicht ganz im Krieg,“ sagt Bundeskanzler Friedrich Merz. Doch die Aussicht auf den Ernstfall sorgt für Unbehagen – auch in Hamburg, wo das Manöver „Red Storm Bravo“ vor wenigen Wochen den Ausnahmezustand probte. An der Elbe blieb am Ende eine Frage hängen: Was ist teurer – Untätigkeit oder die Sicherung von Unabhängigkeit?