Die jüngsten Manipulationsskandale in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA und im türkischen Profifußball haben einmal mehr die Problematik von Sportwetten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Klar dürfte sein: Es geht um mehr als nur ein spannendes und zugleich betrugsanfälliges Freizeitvergnügen, um sehr viel mehr.
Schiedsrichter am Pranger, Profis unter Verdacht oder gar schon in Haft und sogar Pressekonferenzen des FBI: Die Wettskandale in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga und im türkischen Fußball haben zuletzt viel Wirbel verursacht und für noch mehr Empörung gesorgt. So sehr die Fälle des US-Basketballers Terry Rozier in der NBA sowie in der Türkei von mehreren Hundert Schiedsrichtern und offenbar Tausenden Fußballern einmal mehr nur einen Blick auf Gier und charakterliche Verkommenheit im Profisport eröffnen, so sehr aber taugen die Affären als alarmierender Hinweis auf die Entwicklung der Sportwetten-Thematik zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem und zu einer (hausgemachten) Gefahr für die Integrität des Sports gleichermaßen.
Gefahr für die Integrität des Sports
In allen konkreten Fällen ist das Grundmuster seit jeher das Gleiche: Ein Spieler oder mehrere Spieler oder auch Schiedsrichter – man denke nur an den Skandal vor 20 Jahren um den deutschen Referee Robert Hoyzer – nutzen auf dem Spielfeld ihre Möglichkeiten zur unerlaubten Beeinflussung des Geschehens zugunsten eines vor Spielbeginn abgesprochenen Ergebnisses oder Ereignisses, oder anders ausgedrückt: zum Wettbetrug.
Siehe Rozier: Der Aufbauspieler soll im Frühjahr 2023 während seines Engagements bei den Charlotte Hornets interessierten Kreisen aus dem Umfeld der vielköpfigen und internationalen Wettmafia angeboten haben, sich in einem für sein Team unbedeutenden Spiel frühzeitig wegen einer vorgetäuschten Verletzung auswechseln zu lassen. Diese Insiderinformation eröffnete seinen kriminellen Partnern die Möglichkeit zur Platzierung von vermeintlich geschickt gestückelten Wetten in Höhe von insgesamt rund 250.000 Dollar, dass Roziers Punkteausbeute in der fraglichen Begegnung unter seinem persönlichen Durchschnittswert von 21,5 Zählern bleiben würde. Als der damals 29-Jährige tatsächlich bereits im ersten Viertel wegen angeblicher Schmerzen im Fuß vom Parkett ging, standen für Rozier gerade einmal fünf Punkte in der Statistik. Entsprechend kassierten seine Hintermänner nach der Schlusssirene einen Gesamtgewinn von mehr als einer halben Million Euro. Experten gehen von einer Dunkelziffer mit mehreren Tausend ähnlichen Fällen aus, denn selbst mit Wetten auf die kleinsten und unwichtigsten Statistiken lassen sich im grundsätzlich unvorhersehbaren Sport große Mengen Geld machen.
Eine Strafe von bis zu 20 Jahren Haft
So auch bei Rozier: Bei dem mutmaßlichen Betrüger klingelte offenbar gut eine Woche später als Lohn für seine Schauspieleinlage zwar die Kasse – doch zweieinhalb Jahre später auch die US-Bundespolizei FBI: Der tief gestürzte Star bekam Handschellen angelegt, musste sich einer erkennungsdienstlichen Behandlung unterziehen und wurde erst nach einem halben Tag in Haft gegen eine Kaution von sechs Millionen Dollar wieder auf freien Fuß gesetzt. Kooperiert Rozier in dem Verfahren wegen Betrugs, Geldwäsche und einer kriminellen Verschwörung nicht und legt kein Geständnis ab, droht eine Strafe von bis zu 20 Jahren Gefängnis.
Rozier ist offensichtlich über seine eigene Gier gestolpert, aber – ohne falsche Nachsicht – auch ein Opfer des Systems. Denn der Sport hat durch seine Verbrüderung mit der Wettbranche, der nicht nur auf der anderen Seite massive finanzielle Interessen zugrunde lagen, Geister gerufen, die das moralisierte Business nicht mehr loswird. In den USA war gerade die NBA an der Spitze der großen Profiligen vor sieben Jahren die treibende Kraft bei der Legalisierung von Sportwetten. Heute ist das Geschäft mit der Wettlust ein zentraler Pfeiler der gesamten Unternehmensstrategie.
In Europa gibt besonders der Fußball kaum ein besseres Bild ab. Die gesamte Branche hängt förmlich am Tropf der Wettanbieter. Ohne Geld von Sponsoren aus der Wettszene kommt kaum noch ein Verein über die Runden. Zugleich tragen die Wettanbieter in ganz erheblichem Maße durch die Buchung von überbordender und schriller Werbung mit prominenten Testimonials zur Refinanzierung von milliardenschweren Fernsehrechten bei – und könnten nicht zuletzt dadurch in Zukunft zu einem, wenn nicht sogar zu dem entscheidenden Faktor für das Sportgeschehen avancieren.
Vor diesen Hintergründen könnten die Fragezeichen hinter der Glaubwürdigkeit des Sports zunehmend wachsen. Jeder Skandal, jede noch so kleine Manipulation schürt die Zweifel am Geschehen auf dem Platz, in der Halle, auf der Bahn und untergräbt die nicht von ungefähr so oft beschworene Integrität des Sports immer mehr.
Diese Gefahr für ihr Geschäft durch schlimmstenfalls sogar systematische Manipulationen haben sogar die Wettanbieter selbst erkannt. Aus ureigenem Interesse haben die Unternehmen für viel Geld ein Frühwarnsystem gegen Wettbetrug durch computergesteuerte Kontrollprogramme entwickelt, die das Wettgeschehen mitunter auch grenzüberschreitend überwachen und bei auffälligen Einsätzen Alarm schlagen.
Immer tiefer in den Abgrund
Für den Sport ist seine inzwischen fast schon als Symbiose zu bezeichnende Partnerschaft mit der Wettindustrie allerdings nicht nur aus strafrechtlicher, sondern auch aus ethischer Sicht ein existenzgefährdendes Problem. Denn ungeachtet seiner Einnahmen bildet Sport in seinen unterschiedlichsten Facetten – tatsächlich bis hinunter in die Niederungen von eigens inszenierten Amateurwettkämpfen – das Fundament für ein Geschäftsmodell, das durch die Ausbeutung spielsüchtiger, mithin kranker Menschen Profite in Milliardenhöhe erzielt.
Zur Verbreitung der Spielsucht in Bezug auf Sportwetten liegen weder für Deutschland noch international gesicherte Angaben vor. Deutsche Forscher befürchten allerdings hierzulande eine Dunkelziffer von betroffenen Personen, die geradezu rund um die Uhr durch die längst explosionsartig angestiegene Zahl von Angeboten für Live-Wetten auf das nächste Tor, den nächsten Punkt, das nächste Foul, den nächsten Eckball oder Einwurf unwiderstehlich getriggert und damit weiter in den Abgrund gezogen werden.
So sehr sich zwar Fans ohne Suchtgefahr beim Spiel mit dem Sport im Griff haben, so sehr verlieren krankhafte Spieler außer viel Geld auch immer mehr die Kontrolle über sich selbst und letztlich auch ihr ganzes Leben. Eine US-Studie erbrachte das Ergebnis, dass die Glücksspielbranche rund 90 Prozent ihrer Umsätze mit nur fünf Prozent ihrer Kundschaft generiert – jene also, die bei allem Willen nicht mehr aufhören können zu spielen, wobei Sportwetten nach Einschätzung von Experten besonders hohes Suchtpotenzial besitzen.
Die deutsche Fußballprofi-Gewerkschaft VDV will anders als viele Verbände und Vereine nicht mehr die Augen vor der Verantwortung des Sports verschließen. „Es kann nicht sein“, teilte die Organisation erst kürzlich mit, „dass der Deutsche Fußball-Bund in seiner Satzung die ‚Unterstützung einer wirksamen Suchtprävention‘ als Ziel ausgibt und gleichzeitig in exorbitantem Maß Werbeflächen für Sportwettenanbieter verkauft. Der DFB schadet damit dem gesellschaftlichen Ansehen des Fußballs und bereichert sich auf Kosten glücksspielsüchtiger Menschen und derer Familien.“
Allerdings ist der DFB, der als Reaktion auf die Vorwürfe seine Sportwettenwerbung als Beitrag zur Schwarzmarkt-Bekämpfung und zum Schutz des Spiels und der Spieler beschrieb, nicht alleiniger Nutznießer der Werbemillionen aus der Sportwettenbranche. Viele Vereine können die Gehälter von VDV-Mitgliedern erst durch diese Einnahmen zahlen, auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) zählt einen Wettanbieter zu ihren Sponsoren.