Die Skispringer starten in die Olympia-Saison – für Stefan Horngacher wird sie die letzte als Bundestrainer sein. Die Nachfolgesuche ist im Gange, der deutsche Topspringer will aber vor allem auf sich schauen.
Stefan Horngacher ist eigentlich nicht der Typ, der gern das Rampenlicht sucht. Die Medientermine bringt der Bundestrainer der Skispringer in der Regel routiniert hinter sich, ohne dabei zu viel von sich und der Detailarbeit mit seinen Schützlingen zu verraten. Doch ausgerechnet bei der öffentlichen Einkleidung des Deutschen Skiverbands (DSV) Ende Oktober in Nürnberg nutzte Horngacher die Bühne für ein Statement in eigener Sache – und überraschte damit die Szene. „Ich möchte noch etwas loswerden, was mir persönlich wichtig ist.“ Mit diesen Worten begann der 56-Jährige seinen Monolog, der in einem überraschenden Rücktritt zum Ende der Olympiasaison 2025/26 mündete: „Das wird meine letzte Saison als Bundestrainer.“ Und sie endet an einem für ihn sehr speziellen Ort.
Sein erstes wichtiges Springen als aktiver Athlet absolvierte er 1991 in Predazzo, wo im Februar die olympischen Skisprung-Wettbewerbe stattfinden werden. Im Val di Fiemme gewann er WM-Gold mit dem Nationalteam Österreichs. „Für mich schließt sich ein Kreis“, sagte Horngacher. Das ist aber nur eine Begründung für den Rückzug. Er wolle auch „einen Schritt zurück“ gehen und „vielleicht noch mal was anderes machen“, sagte er: „Ich bin jetzt zehn Jahre als Cheftrainer unterwegs. Sieben Jahre in Deutschland, davor drei Jahre in Polen. Das zehrt an den Kräften.“
Kein Druck von der sportlichen Führung
Es wäre keine große Überraschung, wenn die Kritik der vergangenen Monate auch an seinen Kräften gezehrt und ihren Anteil an der Entscheidung hätten. Nach der aus deutscher Sicht eher enttäuschenden Weltmeisterschaft im vergangenen März in Trondheim war auch die Arbeit von Horngacher hinterfragt worden. Auch die erneute Pleite bei der vergangenen Vierschanzentournee schlägt negativ auf die Bilanz von Horngachers Arbeit ein. Dabei hatte der Nachfolger von Landsmann Werner Schuster nach seinem Amtsantritt 2019 zunächst große Erfolge. Auf insgesamt acht WM-Medaillen sowie jeweils Olympia-Bronze 2022 für das Team und Karl Geiger kann Horngacher verweisen.
Von der sportlichen Führung scheint es keinen Druck zu einem Rückzug gegeben zu haben. Jedenfalls äußerte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel sein Bedauern über Horngachers Entscheidung. „Ich muss das erst einmal etwas sacken lassen. Das kam auch für mich etwas überraschend“, sagte er bei der Verkündung durch den Bundestrainer selbst. Er habe noch vor dem Start in die Olympiasaison reinen Tisch machen wollen, „damit es währenddessen keine kritischen Fragen gibt“, erklärte Horngacher, „so ist es auch für die Sportler leichter“.
Philipp Raimund, der vor dem Auftaktspringen im norwegischen Lillehammer (21. bis 23. November) zum deutschen Weltcup-Kader gehört, gab zu, „kurz geschockt“ gewesen zu sein. „Damit hat man nicht wirklich groß gerechnet“, sagte der 25-Jährige. „Der Zeitpunkt der Ankündigung ist jetzt vielleicht nicht der allerüblichste“, meinte Ex-Springer Severin Freund, „aber man darf nicht vergessen: Der Stefan hat jetzt viele Jahre als Trainer in Deutschland gearbeitet und hat viele Erfolge gehabt. Aber auch ein paar Jahre, die gar nicht so einfach waren und viel Energie gekostet haben.“ Die Corona-Krise mit den erschwerten Bedingungen für Training und Wettkämpfe fiel in Horngachers Zeit, aber auch einige sportliche Höhen und Tiefen. „Irgendwann ist dann auch mal das gegeben, was man dem Team geben kann“, meinte Freund, „und dann auch der Zeitpunkt da, wo man sagen muss: Okay, dann macht man auch den Platz frei für jemanden Neues.“ Auch Raimund sieht in dem Fakt, dass „frischer Wind“ hereinkomme, etwas Positives: „Aber es wird trotzdem eine Umstellung sein.“
Martin Schmitt als beliebteste Lösung
Wer auf Horngacher folgt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. „Es gibt Optionen aus dem System heraus“, berichtete DSV-Sportdirektor Hüttel. Klar sei aber, dass der Verband „eine langfristige Lösung“ anstrebe – und keine Zwischenlösung. In den Medien wurden vor allem zwei Namen gespielt, die beide bereits im Verband in einem Arbeitsverhältnis stehen: Thomas Thurnbichler und Ronny Hornschuh. Thurnbichler ist seit etwas mehr als einem halben Jahr Junioren-Trainer, hat davor in Polen aber auch drei Jahre Erfahrungen als Nationalcoach gesammelt. Hornschuh betreut derzeit das deutsche Team für den Continental-Cup und war davor jahrelang Cheftrainer der Schweizer Skispringer. Charme hätte auch die Lösung Heinz Kuttin, der als Bundestrainer der Frauen aktuell erfolgreich ist. Die beliebteste Lösung bei den Fans wäre vermutlich Martin Schmitt. Der frühere Weltklassespringer sammelt im DSV-Juniorenbereich Erfahrungen als Trainer.
Andreas Wellinger wird den Auswahlprozess sicher auch gespannt verfolgen, doch sein Hauptfokus liegt auf der aktuellen Arbeit mit dem Noch-Bundestrainer Horngacher. Nach WM-Silber von der Normalschanze in diesem Jahr will er bei Olympia in Italien ebenfalls aufs Podest springen. „Mein Ziel ist es, nicht nur dabei sein, wie es der olympische Gedanke ausdrückt, sondern ich will auch performen“, sagte der 30-Jährige: „Ich will mich in die Position bringen, um Medaillen kämpfen zu können.“ 2018 hatte er in Südkorea sogar Gold geholt. Die Erinnerung daran soll ihm jetzt bei der nächsten Olympia-Mission helfen. Damals habe er beim Absprung gedacht, er sei der Beste. „Es war eine innere Überzeugung, die ich in der Form nie mehr erlebt habe“, sagte Wellinger: „Diese Überzeugung versuche ich mir in den nächsten Monaten zu erarbeiten.“
Eröffnet wird die Weltcup-Saison für Männer und Frauen im norwegischen Lillehammer, wo auch ein gemeinsamer Mixed-Wettkampf auf dem Programm steht. Höhepunkte des Winters sind neben Olympia auch die alljährliche Vierschanzentournee und die Skiflug-WM in Oberstdorf. Die Skispringerinnen absolvieren einen Teil ihrer Wettkämpfe an denselben Orten wie die Männer. Damit will die FIS die Sichtbarkeit des Frauen-Wettbewerbs erhöhen. Auch beim Abschluss im slowenischen Planica im März werden erstmals in der Geschichte Frauen von der weltweit größten Schanze springen, auf der Lokalmatador Domen Prevc im vergangenen März mit gesprungenen 254,5 Metern einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte. Noch offen ist, wie viele Athletinnen auf der weltgrößten Schanze startberechtigt sein werden.
Die Olympia-Generalprobe hat die Sorgen über mögliche Stürze vergrößert. Auf den modernisierten Schanzen im italienischen Predazzo, wo im Februar die Medaillen vergeben werden, gab es beim Sommerspringen mehrere Unfälle. Gleich drei Athletinnen, die Österreicherin Eva Pinkelnig, die kanadische Ex-Weltmeisterin Alexandria Loutitt und die Nordische Kombiniererin Haruka Kasai aus Japan, zogen sich auf der grünen Matte Kreuzbandrisse zu und verpassen dadurch die komplette Olympia-Saison. Dass Frauen im Skispringen verstärkt für Stürze und Verletzungen anfällig sind, diesen kausalen Zusammenhang wollte DSV-Sportdirektor Hüttel aber nicht herstellen. Er sah den Grund für die Ereignisse in der Bauart der kleinen Olympia-Schanze. „Das Profil dieser Normalschanze ist nicht gelungen – viele Athletinnen, Athleten und Trainer sind sehr enttäuscht, da man sich von einer neuen und modernen Schanze etwas anderes erwartet“, sagte Hüttel der dpa. Zwar würden die Verantwortlichen versuchen, über die Verringerung der Neigung des Schanzentisches noch etwas zu retten, erklärte Hüttel: „Viel Spielraum wird es aber hier nicht geben.“
Verlust von viel Vertrauen
Neben dem Schanzenprofil wurde auch das Material als Faktor für die Stürze herangezogen. Denn inzwischen tragen die Athletinnen und Athleten engere Anzüge, was für höhere Geschwindigkeiten sorgt. Die bedeuten in der Regel auch größere Weiten – aber eben auch ein größeres Sturzrisiko. „Das Nervenkostüm war bei allen etwas angespannt. Der Fokus lag nicht auf dem Sport, sondern auf dem Sicherheitsfaktor“, sagte Frauen-Bundestrainer Kuttin. Mit dem neuen Set-up bei den Anzügen befinde sich die Skisprung-Szene „nicht auf dem richtigen Weg“, meinte der Österreicher.
Die Anzug-Frage ist eine höchst sensible, seit einige Norweger im Vorjahr mit manipulierten Anzügen für einen Skandal gesorgt hatten. Unter anderem ging es um ein verbotenes Band, das für mehr Stabilität nach dem Absprung sorgen soll. Einige Athleten wurden zwar gesperrt, Trainer sogar entlassen – doch das Misstrauen in der Szene blieb. Allen voran den Norwegern gegenüber. „Es wird dauern, bis ich den Norwegern wieder vertrauen kann. Es hat einen faden Beigeschmack gehabt“, sagte der deutsche Weltcup-Springer Raimund: „Es hat nicht nur uns persönlich, sondern auch den anderen Athleten und dem gesamten Skispringen geschadet.“ Das gesamte Image des Skispringens sei „in den Dreck gezogen“ worden, meinte der Oberstdorfer.
Zu mehr Vertrauen trug auch nicht bei, dass die norwegischen Topspringer Marius Lindvik und Johan Andre Forfang nur für drei Monate gesperrt wurden und beim Saisonauftakt in Lillehammer wieder dabei sind. „Ich finde den Umgang mit der Sache nur wenig zufriedenstellend“, äußerte Reimund. Doch er hatte eigentlich sogar mit einem noch milderen Urteil seitens des Weltverbandes gerechnet, „denn zunächst sah es so aus, als würde die Sache unter den Tisch gekehrt werden“. Doch das konnte sich die FIS nicht erlauben, der Druck der anderen Nationen war zu groß. Nun wurden auch die Anzugsregeln verschärft und ein System mit Gelben und Roten Karten eingeführt. Wie im Fußball erhält der Sportler bei einem Verstoß – in diesem Fall gegen die Ausrüstungsregeln –
eine Gelbe Karte. Ein zweiter Verstoß würde die Rote Karte nach sich ziehen und der Springer wäre für den folgenden Wettbewerb gesperrt.