Der US-Präsident setzt auf militärischen Druck und Einflusssphären
Donald Trump hatte die Präsidentschaftswahlen 2016 und 2024 mit einer eingängigen Botschaft gewonnen. Er wolle „Amerikas endlose Kriege“ beenden, kündigte er an. Keine weitere Verwicklung in internationale Konflikte, stattdessen Fokus auf Wirtschaft und Arbeitsplätze im eigenen Land, lautete das Mantra des Kandidaten. Es klang wie das Bekenntnis zu einem neuen Isolationismus der Supermacht. Die Formel „Bye-bye, Weltpolizist USA“ elektrisierte nicht nur Trumps treueste Wählerbasis, die MAGA-Bewegung („Make America Great Again“). Sie verfing auch bei der Mehrheit der US-Bürger.
Doch Trump hat sein Versprechen der großen Zurückhaltung gebrochen. Er begann seine Amtszeit mit schrillen Annexionsdrohungen: Der Präsident wollte Kanada, Grönland, den Panama-Kanal und den Gazastreifen übernehmen und schloss dabei den Einsatz von Gewalt nicht aus. Im Juni unterstützte er Israel im Zwölf-Tage-Krieg gegen den Iran, indem er Atomanlagen mit bunkerbrechenden Waffen bombardieren ließ.
Die spektakulärste militärische Drohkulisse fährt Trump derzeit vor der Küste Venezuelas auf. Herzstück der Armada ist der größte Flugzeugträger der Welt, die „USS Gerald R. Ford“, der von mehreren Zerstörern und einem Atom-U-Boot begleitet wird. Zudem wurden weitere Kriegsschiffe sowie F-35-Kampfjets und Überschallflugzeuge vom Typ B1-B in die Karibik entsandt. Rund 15.000 amerikanische Soldaten sind einsatzbereit.
Offiziell wird der maritime Aufmarsch als Kampagne gegen die Drogenmafia deklariert. Seit September greift die US-Marine immer wieder Boote mutmaßlicher Rauschgiftschmuggler in der Karibik und im Ostpazifik an. Beweise legten die Amerikaner nicht vor. Die vorläufige Bilanz: mehr als 80 tote mutmaßliche Kuriere und mehr als 20 versenkte Schiffe. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, der sich neuerdings „Kriegsminister“ nennt, taufte die Mission „Southern Spear“ („Südlicher Speer“). Im Fadenkreuz der Amerikaner steht der venezolanische Präsident Nicolás Maduro. Trump wirft ihm vor, eine führende Rolle beim Drogenschmuggel in die USA zu spielen. Dabei geht es vor allem um das „Kartell der Sonnen“ („Cartel de los Soles“), das in Verbindung mit dem linken Diktator stehen soll.
Dennoch ist unklar, wie Trumps Endspiel aussieht. Einerseits hat er gesagt, er „bezweifelt“ eine Intervention in dem südamerikanischen Land. Andererseits hat er seinen Auslandsgeheimdienst CIA autorisiert, dort Operationen durchzuführen. Über zwei Szenarien wird spekuliert. Mit Blick auf die massive Militärpräsenz in der Karibik könnte Trump tatsächlich einen Regime-Wechsel in Venezuela planen. Dies stünde für den Versuch, in der westlichen Hemisphäre für Regierungen zu sorgen, die Washington freundlich gesinnt sind. Es wäre eine Wiederauflage der Monroe-Doktrin: US-Präsident James Monroe hatte 1823 die Devise „Amerika den Amerikanern“ verkündet. Es war eine Warnung an die europäischen Mächte, sich nicht in Nord- und Südamerika einzumischen. Heute ist jedoch nicht Europa der große Konkurrent in der westlichen Hemisphäre, sondern China. US-Medien sprechen schon von Trumps „Donroe-Doktrin“.
Zweites Szenario: Trump hat auch ein Auge auf die Ölvorkommen Venezuelas geworfen. Das Land verfügt mit 300 Milliarden Barrel über die weltgrößten nachgewiesenen Reserven. Maduro hatte dem Präsidenten eine Beteiligung daran angeboten. Trump hatte dies zunächst abgelehnt, jedoch die Möglichkeit von Gesprächen offengelassen. Mögliches Kalkül: Trump erhöht den militärischen Druck derart massiv, dass Maduro flieht oder gestürzt wird. In der Hoffnung, dass eine neue amerikafreundliche Regierung übernimmt. Der Zugang zu den Rohstoffen Venezuelas wäre dann für Washington gesichert.
Vor einer Vollinvasion in Venezuela dürfte Trump dennoch zurückschrecken. Er wird eher versuchen, seine Ziele durch Drohungen, militärische Muskelspiele oder gezielte Schläge wie im Falle Irans zu erreichen. Dabei kristallisiert sich heraus, dass er Zentral- und Südamerika als Einflusssphäre der USA ansieht. Der russische Präsident Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping verfolgen die gleiche Machtpolitik: Der eine betrachtet Osteuropa als seinen strategischen „Hinterhof“, der andere das Südchinesische Meer. Es ist eine neue Form der Kanonenbootpolitik.