Stefan Schomann erzählt seit mehr als 40 Jahren Geschichten über die Natur. Der Berliner Autor war in der ganzen Welt unterwegs. In seinem aktuellen Buch kehrt er auch an den Fluss seiner Kindheit zurück.
Vielleicht hat es Stefan Schomann schon damals geahnt, während seiner Kindheit an der Loisach in Bayern. Ganz sicher wurde er sich vor einigen Jahren: „Flüsse haben ihren eigenen Kopf, ihr eigenes Wesen. Wir verstehen sie nur nicht, weil wir der Natur unseren Willen aufdrängen wollen“, sagt er. Stefan Schomann ist inzwischen 63, und er hat ein Buch geschrieben über „das Wesen der Flüsse“. Wobei das Wesen der Flüsse und das Wesen des Schreibens für ihn nahe beieinanderliegen. Redefluss, Schreibfluss, Gedankenfluss – „Schreiben hat etwas Fließendes, es ist keine gerade Linie, man mäandert auch – das ist schöner, als Effizienz und Sachen auf den Punkt zu bringen“, sagt er. Und: „Die gerade Linie ist nicht das Wesen der Flüsse.“
„Wasser, das zum Wasser geht: jeder Bach eine Geschichte, jeder Fluss ein Roman, jeder Strom ein Epos“, beschreibt Stefan Schomann das, was er in seinem aktuellen Buch beschreibt.
„Reingerutscht“ in den Journalismus
Aber erst kam die Sache mit den Pferden. Und noch davor die Zeit als Lokalreporter, die Zeit, die ihn geerdet hat, wie Schomann sagt. „Learning by doing“ nennt er diese Zeit. Stefan Schomann war 18, noch Schüler. Um sich in den Ferien und am Wochenende etwas Geld zu verdienen, war er für die „Süddeutsche Zeitung“ im Münchner Umland als Reporter unterwegs. So sei er „reingerutscht“ in den Journalismus.
Irgendwann wurde das aber langweilig. „Es hat sich alles irgendwann wiederholt. Immer die gleichen Geschichten. Ich wollte aber mehr“, erinnert er sich. Also hat er Germanistik studiert – „um mich dem Wahren und Schönen zu widmen“, wie er sagt. Das Studium hat er nie beendet. Der Journalismus hat wieder nach ihm gegriffen. Er hatte die Möglichkeit, die großen Geschichten zu schreiben – und hat sie ergriffen: Reportagen für den „Stern“ und fürs Magazin „Geo“ eröffneten ihm – wie er sagt – seine „zweite journalistische Karriere“. Eine, in der er seinen „schöngeistigen, literarischen Anspruch“ verbinden konnte mit der Berichterstattung. „Ich habe nie so die klare Trennung gemacht, mich hat beides interessiert: Literatur und Journalismus. Alle Mittel, die mir die Literatur zur Verfügung stellt, habe ich ins Dokumentarische gebracht.“
Das „ist eine Gratwanderung“, weiß er. Es fällt der Name Claas Relotius – also der Name des „Spiegel“-Reporters, der faszinierende Geschichten geschrieben, viele davon aber fast komplett frei erfunden hat. Er schreibe zwar mit literarischen Elementen, sagt Stefan Schomann, aber er schreibt Sachbücher. Das bedeute für ihn: „Das Leben hat keinen Schreibkurs belegt, hat keine Dramaturgie. Man fängt nicht an, Dinge zu erfinden. Das Leben hat genug Überraschungen. Ein Nebensatz öffnet ein Tor, und es tut sich eine ganz neue Welt auf. Ich habe gelernt, diese Überraschungen zu genießen, die dir das Reporterleben auftischt.“
Das mit den Pferden war so eine Überraschung. Er sei bis heute „kein echter Reiter, kein Pferdenarr – was man nicht meinen würde, wenn jemand zwei Pferdebücher geschrieben hat“, sagt Stefan Schomann. 1988 habe es begonnen. Da war er für eine Reportage in den mexikanischen Bergen unterwegs. „Wenn du jetzt reiten könntest, würde sich dir diese Gegend ganz anders erschließen“, habe er sich gedacht. Zurück in Berlin hat er sich für Reitstunden angemeldet. Zwei Jahre hat er gelernt. Ein begnadeter Reiter sei er nicht geworden – aber es habe gereicht, um mit dem Pferd zu Recherchetouren aufzubrechen.
„Mit Pferden ist man ein Teil der Natur, aber auch der Kultur“, erklärt Schomann. Man könne zum Beispiel „Island nicht verstehen ohne die Pferde“. Und über die Pferde habe er auch „tolle Leute kennengelernt“ – auch solche, die Islandpferde essen. Aus diesen Reportagen hat er ein Buch gemacht. Das ließ aber eine Frage offen: „Wie hat das angefangen mit der Beziehung zwischen Mensch und Pferd?“ Das Pferd sei ja nicht einfach ein Nutztier gewesen. „Pferde hatten auch eine spirituelle Bedeutung.“ Bereits die Höhlenzeichnungen hatten „etwas Magisches“, sagt Stefan Schomann. Diese Pferdezeichnungen in Höhlen sehen den Przewalski-Pferden sehr ähnlich, erklärt er. „Der russische Forscher Przewalski hat sie um 1880 entdeckt, als schon niemand mehr damit gerechnet hat, dass man eine Ur-Pferdeart finden kann. Man hat gedacht, diese Pferde seien längst ausgestorben.“ Diese Geschichte wollte er nicht in seinen Reportagen-Band reinpacken. Dafür sei diese Geschichte zu groß gewesen. Also hat er während der Corona-Zeit sein Buch „Auf der Suche nach den wilden Pferden“ geschrieben. Es sei auch ein Halt gewesen in dieser schwierigen Zeit.
„Schreiben muss ein Ringen sein“
Und die Flüsse. „Das Fluss-Buch ist der Ausdruck des Eingeschüchtertseins durch dieses Pferde-Buch. Ich habe gedacht: Jetzt machst du es dir etwas einfacher“, sagt Schomann. Er hat über die Jahre immer mal wieder in Reportagen über Flüsse geschrieben. Es sollte ein Leichtes sein, daraus ein Buch zu machen – er irrte sich. Es hat sich dann doch drei Jahre hingezogen, weil er nie wirklich zufrieden war. Er brauche „diesen Widerstand, um ihn dann zu überwinden, denn ich würde nicht wollen, dass es nur so flutscht, es muss ein Ringen sein, das man den Texten dann aber nicht anmerkt“, sagt er.
Herausgekommen ist „Das Wesen der Flüsse“. 20 von ihnen folgt er in seinem aktuellen Buch – vom mächtigen Amazonas bis zur beschaulichen Hase. „Gleich den tibetischen Mönchen stemple ich das Wasser, um in Trance zu fallen, ich tauche in der Quelle der Sorgue, singe den Loisach-Blues, erkunde die Karsthöhlen, die die Reka gegraben hat, spüre einem unsichtbaren Detektiv auf dem Hudson nach und einer Wasserfrau am San Juan. Im Zuge der Recherchen konnte ich einigen der letzten Urlandschaften der Erde frönen – und muss doch Abschied nehmen von der Wildnis“, beschreibt er das Ergebnis.
Er geht in seinem Buch Fragen nach, die aktuell sind: Wie wirken Natur und Zivilisation im 21. Jahrhundert aufeinander ein? Welchen Einfluss haben historische Entwicklungen und politische Gegebenheiten, welche Konsequenzen ergeben sich aus Klimawandel, Bevölkerungsexplosion oder großen Verkehrsprojekten? Was erzählen Flüsse über unsere Sehnsüchte, was über unsere Zeit? „Uralte Vorstellungen von einer beseelten Natur erhalten heute im Zuge weltweiter juristischer Bemühungen um die Eigenrechte der Flüsse neuen Auftrieb. Parallel unternehme ich Streifzüge durch mythologische Gefilde und widme mich den Flüssen des Paradieses ebenso wie denen des Totenreichs. Auf großen Wasserläufen gründen ganze Zivilisationen, und sie werden auch unsere Zukunft maßgeblich mitbestimmen, als Widersacher wie als Wasserspender, als Grenzscheiden wie als Handelswege, als Kraftorte wie als Passagen in die weite Welt“, erklärt Stefan Schomann.
Er habe selbst „keine politische Agenda“, versichert Schomann, aber er beobachte mit Interesse, dass in Bayern seit zwei Jahren an einem Volksbegehren gearbeitet wird, das „die Rechte der Flüsse in der Verfassung festschreiben will“. In Berlin wird auch über die „Rechte der Spree“ diskutiert. In Bayern werde die Loisach als Präzedenzfall fürs Volksbegehren genommen. Für indigene Völker spiele in ihren Naturreligionen auch der Fluss eine große Rolle. Als jemand, der an der Loisach aufgewachsen ist, sei er „quasi auch ein Indigener“. Er könne da also gut mitreden – und schreiben.