Die Berlinische Galerie zeigt zu ihrem 50-jährigen Bestehen eine Ausstellung zum Werk eines Mannes, dessen Teil-Nachlass sie betreut: Raoul Hausmann. Sie ist bis zum 13. März zu sehen.
Man kann Raoul Hausmann einiges nachsagen. Dass er unter einem Mangel an Selbstbewusstsein litt, sicher nicht. „Präsident der Sonne, des Mondes und der kleinen Erde (Innenfläche), Dadasoph, Dadaraoul, Direktor des Cirkus Dada“ –
das hat er auf seine Visitenkarte drucken lassen, in Großbuchstaben. Wie an einem Hauseingang hängt diese Karte an einer Wand der Berlinischen Galerie. Wer an der Visitenkarte vorbeigeht, betritt die Welt dieses Mannes, den Thomas Köhler, der Direktor der Berlinischen Galerie, als eine der „zentralen Figuren der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet.
Mit dieser Übersichtsausstellung zu Raoul Hausmanns Werk – der ersten seit 1984 – macht sich dieses Museum für Moderne Kunst auch selbst ein Geschenk zum Geburtstag. Die Berlinische Galerie ist nämlich gerade 50 Jahre alt geworden. Sie besitzt die weltweit größte Sammlung zur Berliner Dada-Bewegung und betreut den Teilnachlass Hausmanns aus der Zeit vor 1933. Dieser Nachlass bildet den Grundstock für die nun eröffnete Ausstellung „Raoul Hausmann – Vision. Provokation. Dada.“. Sie ist bis zum 13. März zu sehen.
Das französische Musée d’art contemporain de la Haute-Vienne – Château de Rochechouart, in dessen Obhut sich Hausmanns Spätwerk befindet, liefert als Hauptleihgeber Schlüsselwerke aus dieser Zeit. Ergänzt wird die umfassende Schau durch Leihgaben weiterer nationaler und internationaler Institutionen, darunter die Hamburger Kunsthalle, das Henie Onstad Kunstsenter in Høvikodden, das Berliner Kupferstichkabinett, das Musée d’Art moderne et contemporain in Saint-Étienne, das Musée des Beaux-Arts de Bordeaux, die Peggy Guggenheim Collection in Venedig, die Staatlichen Museen zu Berlin, die Tate Gallery London, The Museum of Modern Art New York sowie Werke aus privaten Sammlungen, Galerien, Bibliotheken und Antiquariaten.
Ausstellung zeigt rund 200 Exponate
Gut 200 Exponate sind so zusammengekommen, mit denen die Berlinische Galerie erstmals Raoul Hausmanns „künstlerisches Œuvre in ganzer Bandbreite würdigt“, wie Thomas Köhler sagt. Unter der Federführung von Ralf Bur-
meister, dem Leiter der Künstlerinnen- und Künstler-Archive der Berlinischen Galerie und Kurator dieser Ausstellung, wurden von frühen expressionistischen Arbeiten über ikonische Dada-Werke bis hin zu seinem bisher selten gezeigten Spätwerk zusammengetragen, das nach seiner Emigration als „entartet“ diffamierter Künstler im französischen Exil entstand. „Das Werk von Raoul Hausmann ist so vielseitig, dass man manchmal gar nicht erkennt, wenn man ein Werk von Raoul Hausmann vor sich hat“, sagt Ralf Burmeister.
Raoul Hausmann, der Mann, der Maler, Dadaist, Fotomonteur, Collagist, Fotograf, Schriftsteller, Vortragskünstler, Tänzer, Modetheoretiker und wissenschaftlicher Experimentator werden würde, wurde 1886 in Wien geboren. 1900 zog er mit der Familie nach Berlin. Sein Vater, ein Porträt- und Historienmaler, animierte ihn zu ersten künstlerischen Versuchen. „Zeitlebens agierte er gegen alle Konventionen. Sein Ziel, Bekanntes zu überwinden und stets ,das Morgen‘ zu verwirklichen, machte ihn zu einem multimedialen Künstler der ersten Stunde“, heißt es in den Texten zur Ausstellung. Als Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung und „Dadasoph“ entwickelte er ein breites Repertoire neuer Ausdrucksformen, die die künstlerische Produktion bis heute mitprägen. Hausmanns Schaffen und Denken bewegten sich an der Schnittstelle zwischen Bildender Kunst, Fotografie, Literatur, Philosophie und Technik. Er ist Miterfinder der Collage, entwickelte synästhetische Apparaturen, verfasste experimentelle Schriften, ergründete das Verhältnis von Körper, Klang und Raum in performativen Darbietungen und verband als Fotograf das Sehen mit dem Haptischen. „Getragen von einer unerschöpflichen Wandlungsfähigkeit formte Raoul Hausmann ein innovatives, vielfältiges und überaus eigenständiges Werk“, schreibt der Kurator.
Die chronologisch aufgebaute Retrospektive gliedert sich in sieben Kapitel. Auf rund 600 Quadratmetern bieten über 200 Gemälde, Collagen, Zeichnungen, druckgrafische Arbeiten, Fotografien, Filme sowie dokumentarische Materialien einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Lebens- und Schaffensphasen des Künstlers. Von seinem Vater, einem Hofmaler Wilhelm II., früh an die Kunst herangeführt und technisch angeleitet, wird ab 1912 der Expressionismus zum Katalysator für die eigentliche künstlerische Entwicklung Raoul Hausmanns. Beim Brücke-Künstler Erich Heckel findet er ein kritisches Gegenüber, Inspiration und ein Atelier, in dem er die antiakademische Manier der Gruppe nachahmt. Auch der Kontakt zu Ludwig Meidner und die Ausstellungen der Galerie „Der Sturm“ weiten den Horizont des jungen, um eine eigene Formensprache ringenden Künstlers.
Dada klingt banal, ist es aber nicht
Sein Ausstellungsdebüt mit eigenen expressionistischen Arbeiten hatte Hausmann 1914 in München. Aus Hausmanns Begegnung mit der Künstlerin Hannah Höch im April 1915 entwickelt sich eine konfliktreiche, siebenjährige Liebesbeziehung, von deren Intensität seine Höch-Porträts zeugen. „Hausmann, zeitlebens mit überbordendem Selbstbewusstsein ausgestattet, sieht in den Werken dieser Periode einen ganz persönlichen Kubismus realisiert. In seiner gesellschaftskritisch-künstlerischen Haltung wird Hausmann ab 1916 von der linkspolitischen, antimilitaristischen Zeitschrift ,Die Aktion‘ nachhaltig beeinflusst“, erklärt der Kurator. Mit der dadaistischen Bewegung, deren Funke im Januar 1918 von Zürich aus nach Berlin überspringt, beginnt die prägende Phase in Hausmanns Leben und Schaffen. Dada setzt den kreativen wie intellektuellen Elan des Künstlers frei: Er entwickelt mit Hannah Höch die Fotomontage als künstlerisches Ausdrucksmittel und kreiert mit seinen Plakatgedichten das erste sogenannte Readymade der Literatur. Ebenso zählt er zu den ersten, die aus Alltagsgegenständen gesellschaftskritische Bilder formen. Bei Dada-Soireen tritt Hausmann als exzentrischer Tänzer auf und provoziert mit seinen Gedichten und scharfzüngigen Deklamationen zu Kunst und Gesellschaft. Damit veranstaltet er Performances, noch bevor sie als solche bezeichnet werden. Darüber hinaus verleiht Hausmann durch Herausgabe der Zeitschrift „Der Dada“ sowie in zahlreichen Artikeln, Manifesten und theoretischen Abhandlungen, dem Berliner Club Dada eine, wie Ralf Bur-
meister, es formuliert, „eloquent radikale Stimme“. Als „Dadasoph“ wird Raoul Hausmann so zu einem Protagonisten der Dada-Bewegung an der Spree: Er agiert gegen „alle Gewohnheiten, jeden Glauben und alle Vorrechte“, um ein neues Bewusstsein jenseits bürgerlicher Vorstellungswelten durch die künstlerische Ausübung zu etablieren. Dada ist für ihn mehr als eine ästhetisch-stilistische Revolution, sondern avanciert zum Synonym für seine konsequent kritische Haltung gegenüber bequemen Gewissheiten, die er zeitlebens beibehält.
Dada – für ihre Revolte gegen die Gesellschaft, auch gegen die etablierte Welt der Kunst, wählten die Akteurinnen und Akteure der Bewegung diese bewusst banal klingende Bezeichnung. Wer sich die Raoul-Hausmann-Ausstellung ansieht, wird feststellen, dass der „Präsident der Sonne, des Mondes und der kleinen Erde (Innenfläche), Dadasoph, Dadaraoul, Direktor des Cirkus Dada“ alles andere als banal war.