Regisseur Luc Besson hat seine außergewöhnliche Fantasie nach längerer Zeit wieder einmal spielen lassen und aus dem Grusel-Klassiker „Dracula“ einen romantischen Fiebertraum gemacht. Sein „Dracula – Die Auferstehung“ ist ein fulminantes Vampir-Passionsspiel mit Biss.
Das Gothic-Schauermärchen „Dracula“ aus der Feder des irischen Schriftstellers Bram Stoker war schon 1897 anlässlich seiner Erstveröffentlichung ein großer Erfolg. Seitdem wurde die Grusel-Mythologie zum Thema Vampirismus in allen Genres immer wieder durchdekliniert, nicht zuletzt im Kino. Über 200 Dracula-Verfilmungen gibt es bis heute, darunter sehr viel Schund, aber auch einige Meisterwerke wie Tod Brownings „Dracula“ (1931), Terence Fishers „Dracula“ (1958) und Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ (1992). Den letzteren hat Luc Besson wohl gründlichst studiert und ihn als Blaupause für seine eigene Version „Dracula – Die Auferstehung“ genutzt. Auch wenn er das im Interview (siehe Seite 106) nicht wirklich zugeben möchte.
Tiefste Trauer übermannt den Grafen
Aber Ähnlichkeiten beiseite: Luc Besson hatte hier die originelle Idee, diesen absoluten Klassiker der schwarzen Horror-Romantik durch die getönte Linse einer tragischen Liebesgeschichte zu erzählen. Im Original heißt der Film nämlich bezeichnenderweise „Dracula – A Love Tale“. Die Geschichte beginnt im 15. Jahrhundert. Die große Liebe des transsilvanischen Prinzen Vlad, genannt Graf Dracul (Caleb Landry Jones), ist die wunderschöne junge Elisabeta (Zoë Bleu). Mit ihr verlebt er seine glücklichsten Tage in seinem Schloss. Doch eines Tages wird er von der katholischen Kirche als Kriegsherr auserkoren: Vlad soll für sein Land und für Gott gegen die herannahende türkische Streitmacht kämpfen.
Schweren Herzens trennt er sich von Elisabeta und überlässt sie in gutem Glauben der Obhut eines Kardinals (Haymon Maria Buttinger). Nach seiner siegreichen Rückkehr muss Graf Dracul jedoch zu seinem großen Entsetzen feststellen, dass Elisabeta auf der Flucht ist. Ihr wurde nämlich fälschlicherweise gesagt, dass ihr geliebter Prinz auf dem Schlachtfeld gestorben sei. Ohne den Schutz von Dracul fürchtet sie um ihr Leben. Bei einer wilden Verfolgungsjagd erschießt Dracul den Häscher seiner Elisabeta. Allerdings tötet sein Pfeil auch seine Geliebte.
Durch den Verlust seiner großen Liebe wird er von tiefster Trauer übermannt und gerät völlig außer sich; er massakriert den heuchlerischen Kardinal und verflucht sogar die katholische Kirche und Gott. Doch Gott hat sich für Dracul eine ganz besondere Strafe ausgedacht: Der Frevler wird zu ewigem Leben verdammt. Dadurch wird Dracula zum mythischen Blutsauger, der über Jahrhunderte hinweg von Schloss zu Schloss, von Stadt zu Stadt und von Land zu Land zieht – stets getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht in der Hoffnung, seine große Liebe irgendwann einmal doch wiederzufinden. 400 Jahre – und Zigtausende ausgesaugte Frauenhälse – später scheint Dracula im eleganten Paris des 19. Jahrhunderts seine Angebetete tatsächlich aufgespürt zu haben – nun in der Gestalt der verführerischen jungen Mina (ebenfalls Zoë Bleu).
Wer sich auf diesen auf links gedrehten Gothic-Horror einlässt, wird mit einem exquisiten Bilder-Reigen belohnt, kann auserlesene Schauplätze bewundern, sich an raffinierten Kostümen erfreuen und auch einen Soundtrack von Danny Elfman genießen, der dem Film ein operettenhaftes Flair verleiht.
Außerdem sind da natürlich noch die diversen Schauspieler. Darunter Luc Bessons neuer Liebling, Caleb Landry Jones („DogMan“), der sich sichtlich Mühe gibt, einen ganz eigenen Dracula zu modellieren; aber die Fußstapfen von Darsteller-Ikonen wie Bela Lugosi, Christopher Lee und Gary Oldman sind ihm dann doch ein bisschen zu groß.
Christoph Waltz brilliert erneut
Er gibt, bei allem Gram, hier eher einen frivolen Dandy-Dracula, der sich bei den rauschenden Festen im Ballsaal von Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ sehr gut machen würde. Überhaupt entdeckt man in Luc Bessons Version recht viele Anklänge an den Coppola-Dracula sowie etliche Nuancen, die an „Das Parfüm – Die Geschichte eines Mörders“ und andere Filme erinnern. Zoë Bleu („Gonzo Girl“), die Tochter der Schauspielerin Rosanna Arquette, macht ihre Sache in ihrer Doppelrolle als Elisabeta/Mina tatsächlich ganz gut. Obwohl sie nicht wirklich viel zu tun hat.
Kommen wir also schließlich zu Christoph Waltz, der einen Priester und Vampirjäger spielt: Er wandelt mit großer Nonchalance durch die Burgverliese und Gruften. Er kümmert sich zudem aufopfernd um Gebissene und Ungebissene und weiß natürlich auch ganz genau, wie man Untote wirklich tötet – nämlich mit einem Pflock durchs Herz und anschließendem Abschlagen des Kopfes. Seine Konfrontation mit dem Fürsten der Finsternis ist sicher ein sehr amüsantes Kabinettstückchen der Dracula-Film-Ikonografie. Der zweimalige Oscar-Preisträger Christoph Waltz scheint in jüngster Zeit ein großes Faible für Gothic-Horror-Filme entwickelt zu haben, denn auch in Guillermo del Toros neuer „Frankenstein“-Adaption wird er bald in einer prominenten Rolle auf der Kinoleinwand zu sehen sein.
Was besonders einnehmend ist an Luc Bessons Film ist die Besonderheit, dass in fast jeder Einstellung seine überbordende Fantasie zum Tragen kommt, in fast jedem Bild seine unverkennbare Handschrift ganz deutlich zu erkennen ist. Auch schön ist es, zu erleben, mit welch kindlicher Freude er uns seinen Dracula präsentiert: nicht so sehr als Unheil bringenden Untoten, sondern als liebestollen, mythisch-überhöhten romantischen Helden.