Als Niko Kovac im Januar Borussia Dortmund übernahm, musste er gegen große Skepsis ankämpfen. Heute wird er gefeiert, muss nun aber den nächsten Schritt gehen, um als ganz großer Trainer des BVB in die Club-Historie einzugehen.
Dass der FC Bayern München bei Vincent Kompany quasi zu seinem Glück gezwungen wurde, wurde hinreichend thematisiert. Die wievielte Wahl der Belgier war, weiß niemand so recht. Klar ist, dass die Münchner ganz andere Vorstellungen hatten, aber zahlreiche Absagen kassierten, ehe sie Kompany holten. Der stellte mit 16 Pflichtspiel-Siegen zum Start gerade einen Rekord in der Geschichte der großen fünf europäischen Ligen auf.
Die Geschichte zwischen Niko Kovac und Borussia Dortmund unterscheidet sich zumindest insofern, als dass der Verein und der Trainer sogar schon mehrfach in Gesprächen waren. „Als unser Sport-Geschäftsführer Lars Ricken mich fragte: ‚Was hältst du davon, wenn wir den Kovac holen?‘, habe ich sofort gesagt: ‚Das ist zu 100 Prozent gut.‘ Ich wollte Kovac ja auch schon zweimal holen“, sagte der langjährige Club-Chef Hans-Joachim Watzke im Juni in einem „Kicker“-Interview: „Einmal kam er nicht aus seinem Vertrag, einmal ging er zum FC Bayern. Das habe ich ihm nicht übelgenommen, er hat ja auch in München gespielt. Jetzt bin ich froh, dass es im dritten Anlauf geklappt hat.“
Doch die Fans fanden diese Idee nach der Verkündung im Januar vielerorts nicht so gut. Zwar sind Social-Media-Kommentare wahrlich nicht immer repräsentativ. Doch im Fall von Kovac war die Ablehnung schon recht breit und deutlich. Einer sah „die nächste Katastrophenentscheidung mit Ansage“, wieder andere sahen den „Worst Case“ oder „eine ernüchternde Lösung, die perfekt in ein miserables Management passt“. Der Hintergrund: Der BVB lag auf Platz elf, nachdem es mit Eigengewächs Nuri Sahin als Cheftrainer nicht funktioniert hatte. Die Fans hofften auf einen großen Namen, der im Januar aber selten zu bekommen ist. Oder eben wieder auf jemanden mit Stallgeruch. Und keinen Ex-Bayern.
Fans erst einmal wenig begeistert
Doch in Bezug auf die Leistung taten sie Kovac auch unrecht. In Frankfurt übernahm er das Team 2016 auf dem Relegationsplatz und verhinderte den Abstieg. Danach konsolidierte es bis auf Rang acht, erreichte zweimal in Folge das Pokalfinale, gewann es 2018 gegen die Bayern und ging dann nach München, wo er als Spieler schon zwei Jahre verbracht hatte. Er gewann das Double und wurde zur ersten Person nach Franz Beckenbauer, die als Spieler und Trainer mit den Bayern Meister wurde. Im November der zweiten Saison wurde er beurlaubt. Auch in Monaco gab es eine gute erste Spielzeit mit Rang drei und dem Pokalfinale. In Wolfsburg verpasste er in seiner ersten Saison 22/23 nur um einen Punkt die Europacup-Teilnahme, so nahe war der VfL seitdem nicht mehr dran. Auffällig ist allenfalls, dass es im zweiten Jahr bei den letzten drei Stationen immer abwärtsging. Das muss Kovac in Dortmund nun widerlegen.
Doch im Sommer wurde er erst einmal hemmungslos gefeiert. Als erster Trainer in der Liga-Geschichte holte er einen Zehn-Punkte-Rückstand auf Rang vier auf und erreichte die nicht mehr geglaubte Champions-League-Teilnahme. „Alle Trainer mögen es mir verzeihen, aber was Niko hier geleistet hat, das ist mit eine der größten Trainerleistungen in der Geschichte des BVB“, jubelte der neue BVB-Boss Lars Ricken. Die Fans sangen Kovacs Namen. Und auch die Spieler waren voll des Lobes. „Niko ist jemand, der auf Kleinigkeiten achtet, sei es beim Aufwärmen, sei es vor dem Spiel, beim Bus, dass jeder konzentriert und fokussiert ist. Ein bisschen alte Schule, würde ich sagen“, sagte Kapitän Emre Can: „Da ist Niko schon sehr gut. Er sieht sehr viel, er weiß, wann er was zu sagen hat, und er hat uns sehr geholfen.“ Und Kapitän Julian Brandt ergänzte: „Er ist erfahren, hat einfach seriös gearbeitet. Du hast bei ihm gemerkt, dass er schon sehr, sehr viel erlebt hat und durch viele, viele Unzeiten auch gegangen ist.“ Sky-Reporter Patrick Berger erklärte in einem Kommentar: „Ganz Dortmund feiert King Kovac! Und das völlig zu Recht.“ Auch intern hätten „nicht alle bedingungslos hinter der Idee“ gestanden, ihn zu holen: „104 Tage später dürfen sich alle bei Kovac entschuldigen. Der frühere Bayern-Coach hat es nämlich allen gezeigt.“
Das ultimative Lob für Kovac
Die logische Folge: Im August wurde der bis 2026 laufende Vertrag mit Kovac bis 2027 verlängert. „Niko hat sich seiner Aufgabe beim BVB mit Haut und Haaren verschrieben“, sagte Ricken nun: „Er ist ein Fußballfachmann mit klaren Prinzipien, grundehrlich, geradeaus in seiner Kommunikation und er belohnt Leistung.“ Kovac hatte schon wenige Wochen zuvor erklärt: „Ich bin hier sehr glücklich, ich habe mir eine Wohnung gesucht, ich bin total happy. Ich bin voll überzeugt, dass der BVB und ich sehr gut ‚fitten‘“. Also zusammenpassen.
Das ultimative Lob gab es schließlich im November von Watzke. „Niko ist für uns ein Glücksfall gewesen“, sagte er bei Sky: „Er macht das sehr, sehr gut, ist sehr unaufgeregt, und wir beide haben ein außergewöhnlich gutes Verhältnis – das ist schon gut.“ In der Sommerpause hatte er auf die Frage, ob Kovac den BVB stabilisiert habe, geantwortet: „Stabilisiert ist die Untertreibung des Jahres.“ Und er empfand es als den richtigen Zeitpunkt, dass beide Seiten im dritten Anlauf zusammenfanden. „Eine Mannschaft und ein Trainer müssen zum richtigen Zeitpunkt zusammenkommen. Hätte Niko im Sommer 2024 übernommen, hätten die Spieler womöglich gesagt: ‚Mein Gott, was willst du uns denn jetzt erklären? Wir waren gerade im Champions-League-Finale, haben gegen Real Madrid gut ausgesehen und jetzt sagst du, wir müssen mehr laufen.‘ Aber jetzt haben sie gemerkt, dass sie einfach nicht mehr weiterkommen. Sie wussten, dass sie in der Sackgasse steckten und jemanden benötigten, der sie rausführte. Das hat Niko richtig gut gemacht.“
Kovac-Fußball in Reinform
Und das darf man bei aller Erleichterung nicht vergessen. Die Aufgabe in Dortmund hatte für Kovac von Anfang an zwei Phasen vorgesehen. In der ersten ging es darum, die Truppe wieder disziplinierter zu machen, das immer wieder angebrachte Problem mit der fehlenden Mentalität in entscheidenden Momenten zu bannen. Das hat Kovac, der seit jeher als Disziplin-Fanatiker gilt, eben ausgesprochen gut hinbekommen, er wirkt in Dortmund aber auch lockerer als an vorherigen Stationen. Doch nun muss er auf Grundlage dieser Stabilität wieder mehr Spektakel entwickeln. Das gab es in der Champions League mit den bisherigen Ergebnissen 4:4, 4:1, 4:2 und 1:4.
Doch in der Liga gab es nach dem 1:2 beim FC Bayern mühsame 1:0-Siege gegen Köln und in Augsburg und ein 1:1 bei Aufsteiger HSV, als der Sieg eben nicht über die Zeit gebracht, sondern in der Nachspielzeit aus den Händen gegeben wurde.
Das Portal Spox.com urteilte hart, Kovac habe noch „keine spielerische Idee ins Team implementieren können“, und erklärte: „Das verwundert nur wenig, schließlich hatte der Trainer just damit auch auf seinen vorherigen Stationen gehörige Schwierigkeiten. Dortmund spielt gerade in dieser Saison Kovac-Fußball in Reinform. Was gänzlich fehlt, ist eine Entwicklung des Spiels mit dem Ball. (…) Dortmund spielt unter ihm sehr unattraktiv nach vorne, vieles ist dort auf individuelle Klasse ausgerichtet.“ Als Beleg führte das Portal an, dass der Tabellendritte bei den Torschüssen nur auf Rang sechs lag und in 16 Pflichtspielen nur zweimal mehr als zwei Expected Goals mit seinen herausgespielten Chancen erzielte.
„Wir müssen ein wenig mehr Fußball spielen“, monierte dann auch Nationalverteidiger Nico Schlotterbeck nach dem Spiel in Hamburg. Und Sportdirektor Sebastian Kehl ergänzte: „Ich erwarte von unserer Mannschaft, dass wir mit den Möglichkeiten, die wir haben, besser Fußball spielen.“ In der Woche zuvor hatte Kehl schon angemahnt: „Mit Ball dürfen wir uns nicht nur auf unsere Effizienz verlassen.“ Kovac gestand ein: „Unser Anspruch ist es, viel besser Fußball zu spielen und mehr Chancen zu kreieren.“.
Die Baustelle Mentalität scheint also erst mal geschlossen. Doch Kovacs Mission ist noch lange nicht beendet.