Jonas Mattisseck interpretiert die Kapitänsrolle bei Alba Berlin etwas anders als sein Vorgänger Martin Hermannsson. Das tut dem Team sichtlich gut – zumindest läuft es nach einem kniffligen Start inzwischen top.
Kettenhund? Mit dem Synonym für seine Spielweise kann Jonas Mattisseck gut leben. „Das finde ich schon passend“, sagte der Basketballprofi. Allerdings würde das Bild dann doch nicht so ganz zu seinem Agieren auf dem Platz passen. Eigentlich sei es genau andersrum: „Ich versuche, den Gegner an die Leine zu legen, sodass er seine Leistung nicht abrufen kann.“ Was Mattisseck aber in jedem Fall ist: ein emotionaler Leader. „Ich bin jemand, der sich selbst, aber gleichzeitig auch immer den Mitspielern über diese Art des Spiels viel Energie geben will“, sagte der Guard von Bundesligist Alba Berlin: „Das steckt in mir drin, und ich lebe das sehr gern aus.“ Dass er seit dieser Saison Kapitän von Alba ist und damit noch mehr in der Verantwortung steht, hat diese Emotionalität auf dem Feld seiner Meinung nach nicht zusätzlich verstärkt. „Dafür muss ich mich nicht umstellen oder etwas zusätzlich machen“, sagte er der „Berliner Morgenpost“. Und: „Das ist eine gute Grundlage, denke ich, aber es gehören noch viele andere Sachen dazu.“
Und zwar auch, Probleme zu lösen und Schwierigkeiten zu überwinden. All das war in den ersten Saisonspielen auf ihn zugekommen – was alles andere als eine große Überraschung war. Im Sommer gab es einen großen Umbruch im Team, viele Leistungsträger verließen den Club. Der freiwillige Verzicht des Vereins auf einen Start in der Euro-League trug seinen Anteil daran. Die Neuzugänge, die Alba verpflichtete, brauchten eine gewisse Eingewöhnungszeit. Inzwischen aber hat der elfmalige Meister in die Erfolgsspur gefunden, die vergangenen neun Spiele konnten allesamt gewonnen werden. Es sei zwar schwierig, den Entwicklungsprozess immer an den Ergebnissen festzumachen, meinte der Kapitän, „aber auf der Art und Weise, wie wir uns entwickelt haben, können wir aufbauen. Wir haben viel Charakter gezeigt, auch viel Willen.“ Man spüre innerhalb des Teams, „dass alle Bock haben, zusammen etwas zu machen“.
Auf ihn trifft das in jedem Fall zu. Der in Lichtenrade ausgebildete Profi übt das Kapitänsamt etwas anders aus als sein Vorgänger Martin Hermannsson. Der Isländer war zwar sportlich in der katastrophalen Vorsaison einer der wenigen Lichtblicke, mit dem Negativtrend und der daraus resultierenden schlechten Stimmung aber teilweise auch sichtlich überfordert. Hermannsson traf mit seiner öffentlichen Kritik und der teilweise zur Schau gestellten Resignation nicht immer den richtigen Ton. Mattisseck spricht anders, leidenschaftlicher und positiver. „Es ging nie darum, dass er die Rolle nicht richtig ausgefüllt hat“, sagte Mattisseck über seinen Kumpel Hermannsson: „Er hat einfach gemerkt, wie gern ich das Amt übernehmen würde. Das hat ihm die Entscheidung sehr leicht gemacht, es in meine Hände zu geben.“ Hermannssons Autorität sei deswegen aber keineswegs angeknackst, versicherte Mattisseck: „Was er auf dem Feld und abseits davon sagt, wird gemacht.“ Gleichzeitig kann sich der Topscorer mehr auf seine sportlichen Aufgaben auf dem Platz konzentrieren. Vielleicht sei es seinem Vorgänger „etwas zu viel“ gewesen, „immer für alles verantwortlich zu sein“, mutmaßte Mattisseck.
Er selbst scheint mit der zusätzlichen Verantwortung aufzublühen. Mattisseck geht als Kapitän voran, gibt lautstarke Kommandos und baut seine Mitspieler bei Rückschlägen auf – ohne dass seine Leistungen darunter leiden. Die neue Rolle fühle sich natürlich an, begründete er. „Ich kenne jeden hier, bin bestens vernetzt, weiß genau, wie man mit den Leuten umzugehen hat“, sagte Mattisseck. Er könne den Neuzugängen „alles erklären, alles zeigen. Als Berliner kenne ich mich auch gut in der Stadt aus.“ Deshalb sei es auch kein Problem, schon in relativ jungen Jahren der Kapitän des Bundesligisten zu sein. Er und Malte Delow würden die Alba-DNA innerhalb des Teams am meisten in sich tragen, sagte kürzlich Trainer Pedro Calles. Man sei halt schon lange dabei, sagte Mattisseck, darauf angesprochen: „Dadurch haben wir aus sehr vielen Dingen lernen können und sind mit dem Verein gewissermaßen gewachsen.“
Erinnerung an das Wesentliche
Daher weiß Mattisseck auch, wie ambitioniert der Club ist – trotz des kleinen Schrittes zurück vor dieser Saison. Mittelfristig will Alba national und auch international wieder glänzen. Dafür aber braucht es noch Zeit. „Wir sind bei Weitem noch nicht bei unserem besten Basketball angekommen“, sagte der Kapitän. Ähnlich sieht es sein Coach, der bei Alba einen mehr auf die Defensive orientierten Basketball spielen lässt als Vorgänger Israel González. „Wir sind im Prozess, wir arbeiten an dem Weg, an den wir glauben“, sagte Calles. Für den Glauben braucht es auch Leute wie Mattisseck und Delow, die die Mitspieler emotional packen. Und Qualitätsspieler wie Hermannsson, der an guten Tagen immer noch den Unterschied machen kann. Wenn die übrig gebliebenen Führungsspieler ihre Rollen gut ausfüllen, fällt es auch den Talenten einfacher zu glänzen. Der 19-jährige Jack Kayil zum Beispiel dreht immer mehr auf, im Pokalspiel gegen Jena sorgte er mit 18 Punkten für einen persönlichen Scorer-Rekord. „Man sieht, dass wir sehr viel Qualität im Kader haben, die richtigen Charaktere“, sagte Center Norris Agbakoko.
Das war auch beim Einzug ins Pokal-Halbfinale zu sehen. Gegen den frech aufspielenden Aufsteiger Science City Jena, der auch in der Liga überzeugt, mussten die Albatrosse hart kämpfen, damit am Ende ein nur auf dem Papier klarer 91:78-Sieg zu Buche stand. Einzig im dritten Viertel hatte Alba die Gäste wirklich im Griff – aber das reichte. Man habe in dieser Phase der Partie „die richtige Antwort“ auf Jenas’ Stärke in der Offensive gezeigt, sagte Alba-Trainer Calles. Die zweistellige Führung habe man dann im Schlussviertel erfolgreich verteidigt. Es sei wichtig gewesen, zu zeigen, dass Alba auch im Pokal zu den Top 4 gehört, „dass das letzte Jahr nur ein Ausrutscher war“, meinte Vizekapitän Malte Delow. In der Vorsaison verlor der Hauptstadt-Club nach einer 67:80-Blamage bei den Baskets Bamberg in der Runde der besten Acht aus dem Wettbewerb.
Im Halbfinale Mitte Februar geht es nun in der nächsten Runde gegen Oldenburg. Damit geht der Rekordsieger dem Favoriten Bayern München zunächst aus dem Weg. Der Deutsche Meister spielt im zweiten Vorschluss-Rundenspiel gegen Bamberg um das Finalticket. Alba hat das Final Four im Pokal seit 2013 nur einmal verpasst und macht sich Hoffnungen, am 22. Februar im Finale den ersten Titel der Saison feiern zu können. „Das gibt uns ein gutes Gefühl, Selbstbewusstsein“, sagte Delow nach dem Viertelfinalerfolg.
Doch selbst wenn es demnächst wieder eine Niederlage für Alba setzt – der neue Kapitän will dafür sorgen, dass der mühsam erarbeitete Aufschwung nicht sofort wieder abebbt. Womit? Mit der Erinnerung an das Wesentliche. „Wir sind so privilegiert, hier Basketball spielen zu können, als Beruf damit unser Geld zu verdienen. Deshalb ist es mir sehr wichtig, Freude zu haben an dem, was wir tun, jeden Tag positiv und mit sehr viel Energie sowie Leidenschaft anzugehen“, sagte er. Deswegen erledige er auch Aufgaben auf dem Feld, „auf die ich eigentlich gar keinen Bock habe“. Denn: „Diese Einstellung ist es, die Teams erfolgreich macht.“ Und das ist Alba zur Zeit zweifellos.