Franziska Preuß geht als Titelverteidigerin im Weltcup an den Start, doch ihr Saisonziel ist ein anderes: eine Olympia-Medaille im Einzel. Der Fokus darauf fällt nach dem Tod ihrer Ex-Kollegin und Freundin aber nicht so leicht.
Eigentlich hätte Franziska Preuß an diesem Abend im Mittelpunkt stehen sollen, doch die Verleihung des Bayerischen Sportpreises geriet zur großen Würdigung für die beim Bergsteigen tödlich verunglückte Laura Dahlmeier. Dass der Unfall bei Dahlmeiers größter Leidenschaft passiert ist, „das tröstet mich ein bisschen“, sagte Preuß bei ihrer Dankesrede für den ihr verliehenen Preis: „Ich denke, ihr geht es gut jetzt im Himmel, und sie schaut uns jetzt vom Himmel aus zu.“ Auch Magdalena Neuner, die noch vor Preuß und Dahlmeier die überragende deutsche Biathletin gewesen war, gedachte an diesem emotionalen Abend in ihrer Laudatio auf Preuß der Toten. „Ich finde es immer noch unfassbar. Und eigentlich kann ich nicht glauben, dass ich sie nicht wiedersehe“, sagte Neuner.
Die zweifache Olympiasiegerin Dahlmeier war Ende Juli im Alter von 31 Jahren beim Bergsteigen im pakistanischen Karakorum-Gebirge ums Leben gekommen. In einer Höhe von 5.700 Metern wurden sie und ihre Seilpartnerin am Laila Peak von einem Steinschlag getroffen. Dahlmeiers Leichnam konnte nicht geborgen werden. „Wir hätten Laura gern nach Hause gebracht. Aber es war nicht möglich, sie zu holen“, sagte Vater Andreas Dahlmeier dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dahlmeier hatte zudem vor ihrem Tod verfügt, dass ihr Leichnam in diesem Fall nicht geborgen werden sollte, falls sich bei der Bergung die dafür notwendigen Helfer selbst in Lebensgefahr begeben müssten. Diese Rücksicht und Weitsicht war typisch für Laura Dahlmeier – genau wie ihre lebensfrohe Art. Sie sei ein Mensch gewesen, „der sagen würde: Jetzt geht’s weiter, das Leben ist zu kurz, ihr müsst positiv nach vorne schauen“, sagte Neuner.
Weltcup-Auftakt am 29. November
Das gilt vor allem für ihre noch aktiven Teamkolleginnen wie Preuß. Die neue Biathlon-Saison startet an diesem Wochenende mit dem Weltcup-Auftakt ab dem 29. November im schwedischen Östersund. Da als Highlight im Februar die Olympischen Spiele warten, ist der Fokus in diesem Winter noch wichtiger. Doch klar ist auch, dass die erste Saison nach dem Tod Dahlmeiers für Preuß und Co. emotionaler wird. „Es ist schwer greifbar“, sagte Preuß. Es sei für sie noch gar nicht vorstellbar, „dass man die Laura nicht mehr mit Skitouren-Ski über der Schulter oder mit Langlauf-Skiern in der Hand irgendwo rumstiefeln sieht.“ Biathlet Johannes Kühn meinte ebenfalls: „So richtig begreifen wird man es erst, wenn man im Winter beim ersten Weltcup irgendwo steht und die Laura da wäre – und sie ist nicht da.“
Die Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse werden aufkommen, Fragen zu Dahlmeier werden wieder gestellt werden. „Wir haben intensive Jahre miteinander erlebt“, erzählte Preuß. Sie war einst zur gleichen Zeit mit Dahlmeier in den Weltcup eingestiegen. Die Zimmerkolleginnen entwickelten über die Zeit eine Freundschaft, die sie auch sportlich weiterbrachte. „Ich war sehr dankbar, dass ich die Laura an der Seite hatte“, sagte Preuß, „weil sie ein Stück weit rationaler unterwegs war“. Nun rational zu agieren und die Emotionen zu kanalisieren – das wird die große Aufgabe für Preuß in diesem Olympiawinter sein. Sie geht als Vorjahressiegerin des Gesamtweltcups als eine der Top-Favoriten an den Start. Doch ob die Oberbayerin nach einer Hand-Operation Ende September bereits vom Start weg siegfähig sein kann, bleibt abzuwarten.
Sie selbst zeigte sich optimistisch, weil sie schon eine Woche nach dem Eingriff wieder trainieren konnte. Der Hand gehe es „jeden Tag besser“, und außerdem sei sie „ein Meister in solchen Herausforderungen, ich habe schon deutlich Schlimmeres gehabt“. Sie war bei den deutschen Meisterschaften auf die linke Hand gestürzt und hatte sich dabei verletzt. Im Stehendschießen hatte sie leichte Probleme, ihre gewohnte Position einzunehmen. Dennoch war sie anschließend am Großen Arber im Bayerischen Wald weiter angetreten und im Verfolgungsrennen gar zum Titel gestürmt.
Leicht angeschlagen, aber dennoch dabei
Beim anschließenden Höhentrainingslager der deutschen Mannschaft in Antholz konnte Preuß wieder dabei sein. Diese Möglichkeit wollte sie sich auch leicht angeschlagen auf keinen Fall nehmen lassen, schließlich finden hier in weniger als drei Monaten die olympischen Biathlon-Wettbewerbe statt. Die amtierende Weltmeisterin in der Verfolgung sieht sich trotz des kleinen Rückschlags auf einem guten Weg Richtung Topform bei Olympia. „Alles in allem bin ich aber sehr zufrieden, wie die Saisonvorbereitung bislang gelaufen ist – und auch meine Hand hat sich in den letzten Wochen sehr positiv entwickelt, sodass ich mit großer Zuversicht auf den Winter schaue“, sagte die Athletin vom SC Haag. An Motivation mangelt es der 31-Jährigen in diesem Winter ohnehin nicht, denn: „Ich habe für mich persönlich noch eine Rechnung mit Olympia offen“, verriet die Biathletin. Sie wolle endlich „beweisen, dass ich es dort auch kann“.
Zwar steht bei ihrer Olympia-Bilanz eine Null, doch die Bronzemedaille 2022 in Peking hatte sie mit der Staffel erreicht. Im Einzel lief es bislang unter den Ringen weniger erfolgreich. Vor allem der undankbare vierte Platz im Einzel bei den Winterspielen 2018 in Südkorea wurmt die Athletin noch heute. „Eine olympische Einzelmedaille fehlt mir noch, das ist klar die Motivation“, sagte sie. Der Austragungsort des nächsten Ringe-Spektakels passt ihr hervorragend: „Meine Gefühle für Antholz sind sehr positiv.“ Beim Weltcup Anfang des Jahres stand sie in der Südtiroler Arena zweimal auf dem Podium. Die für den Skilauf anspruchsvollen Bedingungen vor Ort dürften der starken Läuferin auch entgegenkommen.
Um die Olympia-Mission nicht zu gefährden, ist Preuß auch bereit, im Privatleben vieles aufzugeben. Ab Oktober werde sie sich mit „niemandem mehr außerhalb des Biathlons und dem engsten Umfeld“ treffen, hatte sie im Sommer angekündigt: „Das ist manchmal zäh, aber ich muss da meiner roten Linie folgen. Alles andere wäre zu riskant.“ Ihr geht es bei dieser Maßnahme zum einen um Fokussierung, zum anderen aber auch darum, die Erkrankungsgefahr so gut es geht zu minimieren. Das ist eine Lehre aus der Vergangenheit, als sie immer mal wieder krank ausgefallen war. „Ich habe aus dem vergangenen Winter gelernt, dass es wichtig ist, keine Kompromisse zu machen“, erklärte sie: „Das fängt mit der Trainingsplanung an, und dann ist da die Infektabwehr.“
Gesund und topfit ist Preuß in jedem Rennen eine Kandidatin für die Podestplätze. Die große Kristallkugel für den Gewinn des Gesamt-Weltcups erneut zu holen, steht aber nicht ganz oben auf ihrer Prioritätenliste. „Für mich war es das Größte, den Gesamtweltcup zu gewinnen. Das habe ich geschafft“, sagte Preuß, die in 13 von 21 Rennen aufs Podium gelaufen war. „Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe.“ In der Vorbereitung hat sie fast dieselben Abläufe und Trainingspläne umgesetzt, denn Kontinuität ist ihr wichtig. Und die erfolgreiche Vorsaison hat auch überhaupt keinen Anlass gegeben, größere Veränderungen vorzunehmen. „Ich wäre froh, wenn ich wieder so eine perfekte Saison hinkriege“, sagte sie. Die Weltcup-Saison umfasst insgesamt neun Stationen mit 58 Rennen. Das Finale ist nach den Olympischen Spielen Ende März am Holmenkollen in Oslo terminiert.
Anstrengender Wettkampfkalender
Als eine ihrer größten Konkurrentinnen sieht sie auch diesmal wieder die Französin Lou Jeanmonnot. Mit der 27-Jährigen pflegt Preuß aber nicht nur eine sportliche Rivalität, sondern abseits der Piste auch einen freundschaftlichen Austausch. „Ich glaube, auf der Strecke ist man immer Konkurrentin, aber es hindert einen nicht daran, dass man außerhalb der Rennen einen normalen Umgang miteinander hat, und ich glaube das beschreibt es ganz gut“, sagte sie. Auch zu anderen Athletinnen haben sich über die Jahre Freundschaften entwickelt, doch das viele Reisen und die Schinderei im Training und in Wettkämpfen gehen nicht spurlos an Preuß vorbei.
Wie lange will sie sich den anstrengenden Wettkampfkalender im Biathlon noch antun? „Ich weiß schon für mich persönlich, wie es weitergeht“, verriet die Top-Biathletin. Verraten wollte sie es aber noch nicht, und jede Nachfrage zu ihrer persönlichen Zukunft will sie abblocken. Für Gedanken an das nicht mehr so weit entfernte Karierreende wolle sie „gar keine Energie“ aufwenden, sagte die 31-Jährige. Eine Garantie, auch im kommenden Jahr noch mit dem Gewehr auf dem Rücken auf Skiern zu laufen, könne sie keine geben. „Bis Februar sehe ich mich zu 100 Prozent als Sportlerin“, sagte Preuß lediglich: „Es ist nicht wert, darüber zu reden, weil es nur Energieverschwendung ist.“
Zwischen den Zeilen lässt sich hineininterpretieren, dass das deutsche Biathlon in naher Zukunft eine neue Sieg-Anwärterin braucht. Selina Grotian hat sich mit ihren Leistungen der Vorsaison für diese Rolle beworben. Seit ihrem ersten Weltcupsieg im Dezember im französischen Annecy steht die 21-Jährige unter stärkerer Beobachtung –
was ihr aber sogar gefällt. „Durch den Sieg bin ich endgültig im Weltcup angekommen“, sagte die Bayerin. Man könne schon sagen, „dass ich nicht mehr das Küken bin, das ich noch vor zwei Jahren war. Da wurde auch mal über Dinge hinweggesehen, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Man verzeiht mir nicht mehr so viel.“ Siege werden von ihr aber noch keine erwartet, erst recht nicht bei Olympia. Mit der Teilnahme würde für den Youngster schon ein Kindheitstraum in Erfüllung gehen.
Tipps für ihre ersten Winterspiele hätte Grotian sicher auch von der erfahrenen Laura Dahlmeier bekommen können. Doch das ist – wie so vieles seit dem Tod des Biathlon-Stars – leider nicht mehr möglich. Das ZDF wird Dahlmeier, die im Zweiten als Expertin die Biathlon-Rennen kommentiert hatte, nicht direkt ersetzen. Damit wolle man „dem Andenken von Laura Dahlmeier gerecht werden“, ließ der öffentlich-rechtliche Sender verlauten. Ex-Biathletin Denise Herrmann-Wick wird somit die einzige Expertin des Senders im diesjährigen Weltcup sein.