Einsame Meeresstrände, schneebedeckte Wälder, unzählige stille Wasserflächen – der Norden und Nordosten Polens sind in der kalten Jahreszeit ein Tummelplatz für Eisläufer, Eissegler und Eisschwimmer.
Unsere winterliche Reise durch den weiten, weißen und oft menschenleeren Norden Polens beginnt dreieinhalb Autostunden entfernt von Dresden – in Szczecin (Stettin), der hippen City an der Oder. Auf der Uferpromenade tanzten wir im Sommer unter alten Hafenkränen Tango. Jetzt zieht es uns zur Netto-Arena. Dort lädt die überdachte Eisbahn bis zum 16. Februar zum Schlittschuhlaufen ein.
Lieblingsplatz der Jüngsten ist das Maritime Wissenschaftszentrum MCN. Der futuristische Palast für junge Meeresforscher ist die neueste Attraktion der alten Schifffahrtsstadt am Haff. Hier können Kinder und Erwachsene mit cooler Technik experimentieren und viel Wissenswertes rund ums Wasser lernen.
Ich gebe zu, meine letzten Badeabenteuer bei Wassertemperaturen unter zehn Grad Celsius sind eine Weile her. Doch kann ich mich sehr gut daran erinnern, wie toll ich mich danach stets fühlte. Gesund sein soll es auch. Sind Winterbader doch bekannt dafür, dass ihnen Husten oder Schnupfen fremd sind. Wer dem kalten Vergnügen gern in Gemeinschaft frönt, hat beim nächsten Eisschwimmfestival in Mielno (Großmöllen) im Februar Gelegenheit dazu. Die Internationale Rallye der Walrosse – so nennen sich die kälteunempfindlichen Wasserratten selbst – wird feuchtfröhlich, lautstark und knallbunt umrahmt von jeder Menge Halligalli. Für den Rest der kalten Jahreszeit sind die Strände wie überall an der polnischen Ostseeküste eher leer und einsam. Gut versüßen kann man seinen Winterurlaub hier mit Kur und Wellness.
Beleuchtete Pisten und Freizeitpark
Genauso häufig wie die Ski-Berge in Pommern kurz vor der Ostseeküste sorgen die Wintersportgebiete in Ermland-Masuren für Erstaunen. Das wichtigste und größte in ganz Nordpolen, Kurza Góra in Kurzętnik (Kauernik), liegt nicht höher als 143 Meter. Doch verfügt es über drei beleuchtete Pisten bis 900 Meter Länge mit 64 Meter Höhenunterschied, zwei Tellerlifte sowie einen Winter-Freizeitpark mit beleuchteter Eis- und Tubingbahn (Röhrenrutsche), mit 700 Metern eine der längsten in Europa.
Jüngste Attraktion im Ort ist der 35 Meter hohe Aussichtsturm nebst „Wolkenpfad“, einem zwei Kilometer langen Stelzenweg mit multimedialen Infos zu Geschichte und Natur. Die komplette Konstruktion wurde aus Holz gefertigt. Von ganz oben bietet sich ein großartiges Panorama übers Kulmerland. Mrągowo (Sensburg) in der Masurischen Seenplatte ist jeden Sommer Gastgeberin eines großen Countrymusik-Festivals. Dass nahe ihres Zentrums Wintersport betrieben wird, ist eher unbekannt. Als Standort dafür dient die knapp 200 Meter hohe Góra Czterech Wiatrów (Hügel der Vier Winde, Spitzname: G4W) auf einer Halbinsel im Jezioro Czos (Schoss-See), ganzjähriges Ausflugsziel und Skigebiet im Winter. Er verfügt über zwei Schlepplifte, künstlich beschneite, präparierte und illuminierte Pisten sowie eine Ski- und Snowboardschule. Gastronomie, Ausrüstungsvermietung und Skiservice sind ebenfalls vorhanden.
Zum Skilanglauf bieten sich in Mrągowo zwei Loipen an: die 2,5 Kilometer lange rote im Stadtwald am Jezioro Czarne (Schwarzer See) nördlich vom Zentrum sowie die 1,5 Kilometer lange grüne am Czos. Beide sind als Endlosschleifen angelegt. In der schneefreien Zeit können sie Spaziergänger und Fahrradfahrer nutzen. Langlauf-Begeisterte können auch im Skidorf Wiartel am gleichnamigen See bei Pisz (Johannisburg) zu ausgiebigen Touren durch die weitläufigen Wälder der Puszcza Piska (Johannisburger Heide) starten. Erst seit 2015 besteht das resorteigene Skigebiet Gołębiewski in Mikołajki (Nikolaiken). Die 700 Meter lange Piste zum Skifahren und Snowboarden mit einem Lift liegt auf einer Höhe zwischen 132 bis 155 Metern. Noch etwas höher reicht das Skigebiet des Okrągłe Resort Ski & Safari in Wydminy. Es verfügt über einen Schlepp- und einen Bandlift. Für Gruppen ab 20 Personen werden auch Nachtfahrten ab 22 Uhr organisiert. Die Strecken sind beleuchtet, präpariert und künstlich beschneit. Es gibt einen Ausrüstungsverleih mit Skiservice, eine Skischule, Gästezimmer, gastronomische Versorgung und ein großes Wildtiergehege.
Idyllische Natur, winterliche Dörfer
Masuren ist das Land der Burgen, Wälder und Seen. Hier gibt es rund 3.000 größere und kleine Wasserflächen, die oft durch Flüsse und Kanäle miteinander verbunden sind. Im Sommer paddelten wir hier von einem See zum nächsten. Im Winter, der hier meistens so kalt ist, dass er alles Nasse gefrieren lässt, können wir als Eiswanderer und Schlittschuhläufer auf den erstarrten Seen und Flüssen lange Strecken auf rutschsicheren Schuhen oder Kufen zurücklegen. Als Trip-Skating, auch Wild-Skating oder Nordic-Skating ist das Schlittschuhlaufen auf zugefrorenen Naturgewässern bekannt. Beste Bedingungen für die aus Skandinavien stammende Trendsportart bietet die wasserreiche Landschaft von Masuren –
in der Regel zwischen Ende Dezember und Anfang März. Idyllische Natur – verschneite Wälder, Wiesen, Felder, hier und da ein Fuchs, ein Reh, ein Hirsch, vielleicht sogar ein Elch – wie auch winterliche Dörfer an den Ufern begleiten dieses Outdoor-Abenteuer wie Gemälde aus vergangenen Epochen.
Ein Abenteuer bleibt es dennoch. Ratsam ist es, sich vorher mit den Bedingungen vertraut zu machen und am besten in erfahrener Begleitung und keinesfalls allein an den Start zu gehen, unbedingt auch stets mit einem Rettungsset (Seil und Haken, warme Wechselsachen) im Rucksack.
Wer sich absichtlich in die superkalte Unterwasserwelt begeben will und Taucherfahrungen besitzt, bucht einen Tauchgang unterm Eis im Mazurskie Centrum Nurkowe in Giżycko. Das klare Nass der eisbedeckten Seen bietet Sichtweiten bis zu 20 Metern.
35 Kilometer weiter östlich, in Łękuk Mały (Klein Lenkuk), bietet das Landhotel „Folwark Łękuk“ winterliche Aktivitäten für die ganze Familie an – darunter Langlauf, Rodeln und Schneewanderungen, aber auch Kajakfahrten, solange der Jezioro Łękuk (Klein Lenkuker See) nicht zugefroren ist.
Deftige ländliche masurische Küche
Neben dem Eisangeln, das traditionell an allen erlaubten Fischgewässern in Nordpolen mit viel Leidenschaft betrieben wird, ist an den großen Seen der Region wie Śniardwy (Spirdingsee) und Mamry (Mauersee) auch das Eissegeln angesagt. Die winterliche Highspeed-Sportart, polnisch Bojery oder Żeglarstwo lodowe, hat in Masuren seit Jahrzehnten einen festen Platz. Neuerdings kommt auch das Iceboarding – Surfen auf einem Brett mit Kufen – in Mode.
Startbasis der „Segelschlitten“ oder „Eisboote“ inklusive Lern- und Übungsangeboten sowie Ausrüstungsverleih sind etwa das Ferienzentrum „Łabędzi Ostrów“ am Jezioro Kisajno (Kissainsee) bei Giżycko (Lötzen) oder das Hotel „Santa Monica“ in Mikołajki (Nikolaiken). Beide Städte sind erprobte Urlaubsorte mit vielen Übernachtungsmöglichkeiten und Gastronomie.
Einer der wichtigsten Orte der polnischen Eisseglerszene ist das Uferdörfchen Rydzewo. Es liegt dort, wo der kleine Jezioro Boczne (Saitensee) auf den großen Niegocin (Lötzener oder Löwentinsee) trifft. Dreh- und Angelpunkt ist die „Gospoda pod Czarnym Łabędziem“ (Gasthaus zum Schwarzen Schwan). Hier gibt es außer gemütlichen, rustikalen Zimmern mit Seeblick und deftig-ländlicher masurischer Küche alles, was Anfänger wie Fortgeschrittene für die bis zu 130 Stundenkilometer schnelle Segeljagd über das spiegelglatte Eis benötigen.