Musik begleitet uns – im Alltag, in Momenten des Glücks, der Einsamkeit. Sie hat sich gewandelt, ist digital, grenzenlos und allgegenwärtig geworden, und doch berührt sie uns heute genauso tief wie früher. Warum Menschen auch im 21. Jahrhundert nicht ohne Musik sein können.
In Ulm erleben Menschen, die eine Brücke überqueren, wie sie klingt. Wie die Brücke aus Flachsfasern und Bio-Polymer auf sie reagiert. Wie ihre eigenen Schritte zur Klangkunst werden. Mit einer eigenen Melodie, je nach Belastung oder Temperaturveränderung. Über Musik hinterlässt nachhaltige Ingenieurskunst eine Spur in ihrer Erinnerung.
Einst sangen Menschen, damit monotone Arbeiten wie Geschirrspülen von Hand nicht so langweilig sind. Sie musizierten miteinander, um einen Gegenpol zu Beruf und Alltag zu genießen. Dann kamen Geschirrspülmaschinen und die konservierte Musik der anderen, aus meist elektronisch unterstützten Quellen. Jederzeit abspielbar. Musik wurde grenzenlos.
Auch im 21. Jahrhundert empfinden Menschen immer noch Glück oder auch Melancholie, wenn sie Musik machen oder hören. Fernsehen und Bücherlesen scheinen für einige Menschen verzichtbar geworden zu sein. Smartphones und deren Anwendungen verdrängten vieles. Aber nicht die Musik. Im Gegenteil. Seit Musik in komprimierter Form digital verfügbar und verwendbar geworden ist, begleitet sie uns überall. Auch über unsere Smartphones. Beim Sport. Unterwegs von A nach B. Als Hintergrund von Bildgeschichten in den sozialen Medien.
„Musik war meine erste Liebe, und sie wird meine letzte sein.“ Nicht wenige junge wie alte Menschen stimmen auch heute noch John Miles zu. Konzerte und Festivals sind im 21. Jahrhundert zu neuem Leben erwacht, motivieren mit dem Sound von Live-Auftritten. Das passende, verbindende Outfit, geübtes Mitsingen sowie manche Fan-Rituale verstärken das gemeinsame Musik-Erlebnis.
Wissenschaftliche Beschäftigung mit Musik-Konsum
Für ein Ticket zu einem Musik-Event verzichten Fans gern auf anderes. Denn Musik fasziniert, berührt und verbindet. Münchener reisen nach Berlin, Niederbayern nach München. US-Amerikaner, Argentinier oder Asiaten fliegen um die ganze Welt, um ein bestimmtes Konzert mit Gleichgesinnten zu erleben. Oder um dem Preisgefälle zwischen europäischen und amerikanischen Tickets via „Gig-Tripping“ die Stirn zu bieten. Als beispielsweise für Taylor-Swift-Tickets in den USA von Preisen zwischen 1.500 und 8.000 Dollar die Rede war, nutzten manche Musikliebhaber ihr Geld lieber für einen erweiterten Kulturtrip nach Europa. Hier kostet das Konzertticket für angesagte Stars, je nach Event und Kategorie, „nur“ einen Hunderterbetrag.
Selbst die Wissenschaft beschäftigt sich mit der Frage, warum Musik im 21. Jahrhundert weiterhin so beliebt ist und warum Menschen Musik zum Leben brauchen. So entstand vor gut 20 Jahren der interdisziplinäre Studiengang „Populäre Musik und Medien“ an der Universität Paderborn. Die Forschenden untersuchen, wie technologische Entwicklungen, Digitalisierung, soziale Medien und globale Trends die Allgegenwart und Relevanz von Musik im modernen Leben prägen. Und warum Musik trotz anderer Unterhaltungsformen einen festen Platz im Alltag hat.
Im übertragenen Sinne machen soziale Medien sogar Musik. Viele Legenden ranken sich um Musikerinnen, die über Plattformen wie Tiktok zu Stars geworden sind. Sofern das bei dem einen oder der anderen zutreffen mag, genügte es ihnen keinesfalls, sich mit einer Gitarre und einem selbstgeschriebenen Song vor die Handykamera zu setzen und das Video ins Internet hochzuladen. Denn Algorithmen und komplexe Umgangs-praktiken mit den jeweiligen Medien bestimmen, wer gesehen, geklickt, „gelikt“ und gar berühmt wird. Damit befassten sich jüngst beispielsweise die Paderborner Wissenschaftler Marc Godau, Dominik Maxelon und Timo Neuhausen in der Online-Publikation „Algorithmische Hyperawareness im Songwriting von Plattform-Musiker:innen. Postdigitale Subjektivität und die Transformation musikkultureller Praktiken auf TikTok und Co.“
Social Media revolutioniert
Die Paderborner Forscher fragten, welche Rolle die „diskursiv gewonnenen Annahmen über und Erfahrungen mit Algorithmen im Sinne algorithmischer Folklore in Songwriting- und Veröffentlichungspraktiken von Plattform-Musikern“ spielen. Sie nahmen dafür Ergebnisse aus der Analyse qualitativer Daten von, über und mit fünf Musik-Tiktokerinnen beziehungsweise Musik-Tiktokern divergenter Genres her. Denn Amateure wie auch semiprofessionelle Musikerinnen müssen sowohl die Art, wie sie Songs passend zur Shot-Video-Praxis schreiben, als auch die Mitwirkung von Algorithmen und Community berücksichtigen. So die Studie. Die Wissenschaftler bilanzieren, dass besonders Tiktok die Social-Media-Landschaft durch einen personalisierten Feed revolutioniert habe. Dieser entkoppele die Reichweite von Followerinnen-Zahlen. „Dies stellt Musikerinnen und Musiker vor die Herausforderung, zwischen künstlerischer Integrität und der Ausrichtung auf plattformspezifische Anforderungen zu balancieren“, schreiben die Musik-Experten. Das Plattform-Studien-Beispiel zeigt also, dass nicht die Musik allein Musik im 21. Jahrhundert populär macht und hält. Sondern auch die Besonderheiten und Strategien digitaler und sozialer Medien. Mit Musik bekannt zu werden, wird so zu einem Handwerk mit Bauchgefühl: „Algorithmische Hyperawareness kann deshalb als Grundkompetenz von Plattform-Musiker:innen eingeordnet werden, die zentrale Voraussetzungen schafft, um kontinuierlich Plattformdynamiken zu registrieren und die musikalische Praxis darauf einzustellen“, so das Studien-Fazit.
Die wissenschaftliche Reflexion geht weiter und umfasst in modernen Zeiten Themen wie:
Die Rolle von Musik als emotionaler und sozialer Begleiter im Alltag.
Die Auswirkungen von Digitalisierung und Streaming auf das Musikhören und -erleben.
Die Verbindung von Musik mit Identität, Gemeinschaft und Medienkonsum.
Die kulturelle und gesellschaftliche Funktion von Musik im Zeitalter der Massenmedien.
Das digitale Zeitalter verschafft der Musik mehr Freiheit. Einst waren Rundfunk-Sender nur begrenzt erreichbar: Das hatte technische und politische Gründe. Ihre Ausrichtung gaben und geben Gremien vor. Über die konkrete Musikauswahl entscheiden Redaktionen, denen sich früher Musikproduzenten mit ihren neuesten Werken präsentierten. Heute liefern Musik-Streaming-Dienste jedem Nutzer sein passgenaues Programm. Und übers Internet kann jeder musikalisch Begabte oder produktionstechnisch Versierte neue Musik weltweit verbreiten.
Die Schranken fallen ein Stück weit. Wenn neue Spielregeln des 21. Jahrhunderts beherzigt und beherrscht werden. Auch der Austausch über und von Musik ist einfacher geworden. Keiner muss mehr auf seine Lieblingssendung zu einem bestimmten Genre warten. Keiner muss mehr auf die „Schlager der Woche“ lauern, um zu erfahren, wer Nummer eins unter den Single-, LP- und CD-Verkäufen ist. Keiner mehr die Musik-Gazetten und -Fachblätter lesen, um mehr von seinen Favoriten und deren Musikverständnis zu erfahren. Was alles auch ein wenig schade ist. Denn Experten-Sendungen, die nach Sonnenuntergang von ihren Recherche-Zügen durch die Musik-Szene und deren Clubs berichteten sowie ungewöhnliche Interview-Ausschnitte präsentierten, hatten ihren eigenen Charme.
Die Digitalisierung hat auch hier ihre (Ton-)Spuren hinterlassen. Doch nicht alles ist Algorithmus und Strategie. Auch ein Stück neue Freiheit schallt aus den modernen, sozialen Medien heraus. Die Tiktok-Community ist offen für neue Musik und Trends.
Oxytocin bei gemeinsamen Musikerlebnissen
Und für Influencerinnen. Als die Social-Media-Persönlichkeit Bella Poarch ihre Lippen zu „M to the B“ der Rapperin Millie B bewegte, bekam das Video auf Tiktok Aufrufe im dreistelligen Millionenbereich. Das bedeutete Reichweite und Tiktok-Präsenz. Als Sängerin konnte Bella Poarch nunmehr ihre eigentliche Karriere als Musikerin starten, als sie im Mai 2021 ihre Debütsingle „Build a Bitch“ veröffentlichte. Song und zugehöriges Musikvideo waren auch auf Plattformen wie Youtube beliebt und gelangten in die internationalen Charts.
Ava Max hingegen verstärkte durch Tiktok ihre Bekanntheit. Mit dem Song „Sweet but Psycho“ gelang ihr der Durchbruch als Popstar. Weil das Lied ein Hit war, wurde es auch auf Tiktok millionenfach verwendet.
Was passiert mit den Menschen, dass sie nach wie vor so sehr an Musik hängen? Und das in jedem Alter? Schon kleine Kinder drehen sich zu Musik und tanzen. Musik fördert so ihre Gehirnentwicklung. Sie setzt Glückshormone frei, unterstützt die emotionale und soziale Entwicklung und steigert Freude sowie Wohlbefinden.
Oxytocin, das sogenannte Bindungshormon, wird vor allem bei gemeinschaftlichen Musikerlebnissen wie Konzerten, Chorsingen oder gemeinsamem Musizieren ausgeschüttet und stärkt das Gefühl von Verbundenheit und Vertrauen. Besonders wohl fühlen wir uns mit unserer Lieblingsmusik. Kein Wunder, denn Musik, die individuell als angenehm empfunden wird, stimuliert besonders stark die Ausschüttung von Dopamin, dem „Glückshormon“. Klänge sollen in den Temporallappen wahrgenommen werden. Sinne reagieren auf die akustische Einwirkung. Und die rechte Gehirnhälfte soll für die Sprache der Musik zuständig sein.
Die Forschung spiegelt wider, dass Musik nicht lebensnotwendig im biologischen Sinn wie Nahrung oder Wasser ist. Doch sie erfüllt zentrale emotionale und soziale Bedürfnisse. Die durch Musik ausgelösten Glücks- und Bindungshormone verbessern das Wohlbefinden, fördern soziale Beziehungen und können Stress, Angst und Depressionen lindern. Musik ist daher ein wichtiger Bestandteil für Lebensqualität und psychische Gesundheit. – Warum sollten wir also darauf verzichten?
Mehr noch: Musik kann durch die Förderung von Empathie, Zusammenhalt und positiven Emotionen deeskalierend wirken und das Gemeinschaftsgefühl stärken. Auch wenn sie allein keine Gewalt oder Kriege verhindern kann, da diese komplexe gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Ursachen haben. Immerhin kann Musik in Friedensprozessen, bei Versöhnungen und in vielen anderen Situationen eine stärkende und unterstützende Rolle spielen.
Und sie hilft uns, das Leben zu genießen. Besonders im Sommer, wenn Musik zusammen mit Sonnenstrahlen und lauen Nächten das Lebensgefühl in die Top Ten denkbarer Daseinsformen bugsiert.