Lange war es nur ein heißes Gerücht, jetzt ist es offiziell: Die NBA Europe kommt. Schon in zwei Jahren sollen dort die besten Teams aus den großen europäischen Metropolen gegeneinander spielen. Zwei Bundesligisten dürften auch eine Einladung erhalten.
Mark Tatum ist stellvertretender Commissioner der Basketball-Weltmarke NBA und muss in dieser Funktion per se groß denken. Das tut er auch in Sachen Auslandsvermarktung. Deswegen ist für ihn die Gründung der NBA Europe nur ein erster Schritt hin zu einem noch viel ambitionierteren Ziel. Irgendwann könnte es vielleicht ein Szenario geben, „in dem die Qualität des Basketballs weiter steigt“, sagte Tatum, „wo Reisen in Überschallgeschwindigkeit Realität sind, und dann kann ich mir vorstellen, dass es auch eine Europa-Division in der NBA gibt“. Viele Fans dürften die Vorstellung, dass Clubs aus Europa irgendwann in der nordamerikanischen Profiliga tatsächlich um Punkte und den Titel spielen, derzeit für völlig abwegig halten. Doch wer hätte vor ein paar Jahren geglaubt, dass der Europa-Ableger der schillernden Top-Liga tatsächlich kommt und nicht nur eine Fantasie der Marketingabteilung bleibt?
Was seit Monaten als Gerücht in der Szene wabert, wurde nun konkret ausgesprochen: Die NBA will im Oktober 2027 mit einer eigenen Liga in Europa an den Start gehen. „Jetzt ist die Gelegenheit, so etwas zu tun“, hatte NBA-Commissioner Adam Silver schon vor Wochen gesagt und auf einen baldigen Beginn gedrängt. In der 16 Teams umfassenden Liga sollen zwölf Plätze fest vergeben werden – und die Macher haben sich auch schon auf die Standorte festgelegt: Lyon und Paris in Frankreich, Griechenlands Metropole Athen, London und Manchester in Großbritannien, Mailand und Rom in Italien, Barcelona und Madrid in Spanien, ein Club aus Istanbul für die Türkei – und aus Deutschland sollen München und Berlin vertreten sein. In beiden deutschen Großstädten gibt es bereits etablierte Basketballclubs, die sehr unterschiedlich auf die Nachricht reagierten.
„Wir sind einer der Kandidaten, über die sie nachdenken. Und Alba wäre ein solider Kandidat“, sagte Alba-Sportdirektor Himar Ojeda: „Wir hätten es mit unserer 35-jährigen Arbeit auch verdient.“ Klar scheint, dass Alba eine Einladung nicht ausschlagen würde. In Berlin wolle man in allen Geschäftsbereichen „eigentlich Weltklasse haben“, sagte Geschäftsführer Marco Baldi. Deswegen könnte mit einem Start in der NBA Europe „dieser Traum wahr werden“ – auch auf den Basketball bezogen, meinte Baldi.
Etwas zurückhaltender sind die Reaktionen von Bayern München. „Es ehrt den Verein, dass der FC Bayern Basketball als attraktive Marke und Organisation angesehen wird. Doch Stand heute handelt es sich bei diesem Themenkomplex um nichts mehr als Gerüchte, zu denen wir uns grundsätzlich nicht äußern“, sagte Andreas Burkert, Leiter Kommunikation bei den Münchenern, der Deutschen Presse-Agentur Ende Oktober. Die Lage dürfte sich schon sehr bald konkretisieren, wenn Anfang des Jahres wie geplant die ersten Einladungsschreiben an die Clubs rausgehen. Dann werden auch einige Verantwortliche – inklusive der Bayern – die Frage beantworten müssen: EuroLeague oder NBA Europe? Denn dass beide internationalen Wettbewerbe nebeneinander bestehen können, erscheint angesichts des Finanzvolumens höchst unwahrscheinlich.
Berliner Boss sieht großes Potenzial
„Ich muss sagen, dass wir happy sind, Gesellschafter zu sein und nicht mit einer Wildcard spielen zu müssen“, sagte Bayern-Präsident Herbert Hainer. „Die EuroLeague hat sich enorm entwickelt.“ Alba hat in diesem Jahr eine mögliche Wildcard für die EuroLeague ausgeschlagen und sich stattdessen der zweitklassigen Champions League angeschlossen. Ein Nachteil muss das nicht sein. Schwieriger ist dagegen schon, dass Alba nicht in einem prominenten Fußballklub integriert ist wie Bayern, Real Madrid, FC Barcelona oder Paris Saint-Germain. Denn genau diese Marken will die NBA Europe für ihr Projekt gewinnen. „Es soll wie eine Champions League für Basketball in Europa werden“, erklärte Vize-Chef Tatum. „Große Marken wie Real, Barça, Man City, PSG oder AC Mailand spielen Basketball. Ich finde das ziemlich spannend, weil es nicht nur für Europa, sondern global ein Premium-Produkt ist.“ Auch in Asien, Afrika, Süd- und Nordamerika seien diese Clubs bekannt und relevant. Deshalb kam es wenig überraschend, als Bayern-Boss Hainer schon vor Wochen verriet: „Wir sind natürlich mit den einzelnen Stakeholdern im Gespräch.“
Alba hat aber auch ohne Anbindung an einen Fußballclub gute Chancen auf eine Einladung. Der Verein ist in der Hauptstadt dank seiner vielen Jugendprojekte fest verankert, „da braucht es eigentlich keinen neuen Club zu kreieren“, sagte Sportdirektor Ojeda. Und die deutsche Hauptstadt soll unbedingt ins Portfolio des Prestigeprojekts aus Nordamerika, daher gab es bereits regen Austausch zwischen den Verantwortlichen. Club-Boss Baldi glaubt, dass der Startschuss der NBA Europe eine Art Zeitenwende im europäischen Basketball bedeuten würde. „Dann, glaube ich, wird da ein richtiger Sturm durch die Reihen gehen“, sagte der Geschäftsführer des Bundesligisten aus Berlin. „Es ist mehr ein Gefühl, als dass ich das beweisen könnte. Aber das ist das Potenzial, das ich da wirklich sehe. Die Lukrativität wird dadurch einfach steigen.“
Sollten alle Pläne aufgehen und die angeschriebenen Clubs dabei sein, könnte in der NBA Europe – mit Unterstützung der Mutterfirma – tatsächlich viel Geld verdient werden. Anders als mit der Euro League, die seit Jahren wirtschaftlich in den Seilen hängt. Um die Attraktivität zu steigern, können sich die NBA-Bosse etwa ein jährliches Vorbereitungsturnier vorstellen, bei dem NBA-Teams mit ihren Superstars gegen europäische Mannschaften antreten. Mittelfristig sollen europäische Teams auch die Chance erhalten, sich für den NBA-Cup zu qualifizieren. Tatum geht davon aus, dass sich die NBA Europe sportlich direkt hinter der nordamerikanischen NBA einordnen wird. „In dieser Liga wird der beste Basketball Europas gespielt werden“, sagte er. „Wenn in der NBA die besten 450 Spieler auflaufen, dann in der NBA Europe die Spieler 451 bis 900.“
Klingt alles verlockend? In der Tat hat die Sache einen Haken: Das feste Startrecht soll Medienberichten zufolge rund 500 Millionen US-Dollar kosten. Derzeit wird der genaue Preis für die Franchise-Rechte noch von den Wirtschaftsprüfern Raine Group und JP Morgan unter die Lupe genommen. Klar ist, dass Clubs wie Alba und auch Bayern trotz ihrer hochmodernen Arenen dieses Budget nicht ohne Investoren stemmen könnten. „Ja, das will ich nicht ausschließen“, hatte Alba-Geschäftsführer Baldi kürzlich auf die Frage geantwortet, ob sich der Club schon auf eine entsprechende Suche gemacht habe. Dabei gehe es aber nicht nur ums Finanzielle, sondern auch darum, „dass es Partner sind, die unsere Art und Weise, wie wir arbeiten, verstehen und unterstützen“.
Es gibt auch kritische Stimmen
Die Partner werden jedoch genau hinschauen und kritische Fragen stellen. Denn ein ähnliches Projekt hatte schon die nordamerikanische Football-Profiliga NFL auf dem alten Kontinent auf die Beine gestellt – und ist damit gründlich gescheitert. Die NFL Europe steht fünf Jahre nach der Gründung vor dem Aus, elf von 16 Teams haben ihren Ausstieg zur kommenden Saison erklärt. Der frühere Basketball-Nationalspieler Per Günther glaubt, dass die NBA Europe ein ähnliches Schicksal erleiden könnte. „Wenn du jetzt fünf geile Mannschaften aus der Euro League nimmst und die mit Manchester und Rom paarst und dann das NBA-Europe-Label draufhaust, dann ist das kein geiles Produkt“, sagte er bei MagentaSport. Günther sieht aktuell keinen Grund, warum die NBA Europe besser sein sollte als die Euro League: „Ich wünschte mir, es könnte immer so bleiben. Wir haben mit der Euro League glasklar den besten Vereinsbasketball. Alle großen Teams – bis auf die aus Russland – sind unter einem Dach.“
Außerdem gibt es rechtliche Probleme, denn das im nordamerikanischen Profisport elementare Salary-Cap-Prinzip, also das Festsetzen einer Gehaltsobergrenze, ist mit dem europäischen Recht per se nicht vereinbar. „Wir haben dort ein wenig Arbeit zu erledigen“, sagte NBA-Vize-Chef Tatum, „mit dem Modell, mit unseren Eigentümern, mit FIBA“. Der Basketball-Weltverband FIBA spielt bei dem Projekt eine große Rolle, denn er tritt als Vermittler auf und muss am Ende auch die Verträge mitunterzeichnen. Ansonsten kann das Megaprojekt nicht umgesetzt werden. „Jetzt hat sich die FIBA mit dem stärksten Player zusammengetan“, sagte Alba-Boss Baldi. Aktuell werde das Potenzial im internen europäischen Basketball bei Weitem nicht ausgenutzt.
„Die EuroLeague-Lizenzen laufen aus, seit rund zehn Jahren gibt es keinen Fortschritt, wie man eine übersichtliche Wettbewerbspyramide in Europa aufstellen kann“, sagte er. „Dass sich dann die stärksten Basketballinstitutionen, also NBA und FIBA, zusammenschließen, hat eine gewisse Logik. Insofern halte ich ein Scheitern für sehr unwahrscheinlich.“ Die NBA habe in der Vergangenheit zudem bewiesen, dass sie „eine erfolgreiche Organisation“ sei, „die auf Nachhaltigkeit und Innovation aufgebaut ist und die sich in den letzten Dekaden nicht über Schulden oder was auch immer finanziert hat“, so Baldi. „Noch nicht bekannt ist, wie die NBA ihr Modell auf europäische Maßstäbe und Gegebenheiten anpassen wird. Man darf aber davon ausgehen, dass Ausrichtung und Grundwerte dieselben sind.“
Für die NBA ist Europa zwar ein wichtiger Markt, aber bei Weitem nicht der einzige. Er müsse seine Landsleute immer mal wieder daran erinnern, „dass 95 Prozent der Weltbevölkerung außerhalb der Vereinigten Staaten liegen. Und in den meisten dieser Länder ist Basketball entweder die Nummer eins oder zwei“, sagte Tatum. Der stellvertretende NBA-Commissioner sieht das größte Vermarktungspotenzial in Asien, allein in China würden 300 Millionen Menschen Basketball spielen, veranschaulichte er: „Und es gibt fast zwei Milliarden Menschen in Asien. Es ist ein riesiger Markt für uns.“ Bevor aber womöglich eine NBA Asia kommt, muss erst das Projekt in Europa funktionieren.