Drei Fragen
„Den Anforderungen nicht gewachsen“
Die Herausforderungen für die Kinder- und Jugendgesundheit haben sich grundsätzlich verändert, sagt Kinder- und Jugendärztin Prof. Dr. Ute Thyen. Sie hat nun eine Studie für die Bundesärztekammer veröffentlicht.
Frau Professor Thyen, kann man sagen, vor 100 Jahren waren es virologische Risiken, die die Kinder- und Jugendgesundheit gefährdeten, heute moderne, zivilisatorische?
Der Gesundheitszustand hat sich durch viele prophylaktische Maßnahmen erheblich verbessert. Sie bekommen Impfungen; Rachitis, Pocken oder Kinderlähmung kommen beinahe nicht mehr vor. Es ist eine andere Art und Weise, die die Kinder- und Jugendgesundheit gefährdet. Das subjektive Krankheitsgefühl von Kindern hat erheblich zugenommen. Also psychosomatische Beschwerden. Sie fühlen sich den Anforderungen nicht gewachsen, das macht uns Sorgen. Also es geht nicht nur um das objektive Kranksein, sondern dass sich immer mehr krank fühlen.
Woher kommt das vermehrte Auftreten von psychosomatischen Erkrankungen?
Das ist sehr vielschichtig und beginnt schon in den ersten drei Lebensjahren. Wenn die Eltern ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, dann bekommen automatisch schon die Kleinsten viel weniger Aufmerksamkeit, als sie dringend brauchen, denn die Eltern-Kind-Bindung entsteht gerade im Säuglings- und Kleinkindalter, ist für die weitere Entwicklung wichtig. Damit bekommt es Sicherheit und geht psychisch stabiler durch seine noch kleine Welt. Es weiß immer, wo es einen sicheren Hafen hat, wo es Unterstützung bekommt, und es traut sich, zunehmend Aufgaben eigenständig zu lösen.
Sie haben es gerade erwähnt, viele Eltern sind zu viel mit ihrem Handy beschäftigt. Gilt das auch für Kinder?
Ja, das sehen wir sehr kritisch, darum sind wir als Bundesärztekammer ja auch gegen die Nutzung von Handys oder Tracking durch die Eltern. Kinder müssen auch unabhängig von ihren Eltern lernen, sich in der Welt zu bewegen. Und ihnen muss auch Vertrauen entgegengebracht werden, dass sie nicht ständig unter Generalverdacht stehen, sie sind zu unselbstständig und müssen dauernd überwacht werden. Das kann dann später auch bei ihnen zu psychosomatischen Erkrankungen führen. Aber selbstverständlich sehen wir auch den Umgang von Kindern mit dem Handy mehr als kritisch. Kinder müssen sich bewegen und ihre Welt haptisch erfahren und nicht auf den Bildschirm gucken. Interview: Sven Bargel
Teurer Schoko-Weihnachtsmann
Bereits im vergangenen Jahr gab es die böse Überraschung: Die Preise für Schokoladen-Weihnachtsmänner in den Supermärkten hatten sich im Vergleich zu 2023 teilweise verdoppelt. Die Erklärung der Hersteller damals war, dass die Preise für Rohstoffe wie Kakao stark gestiegen seien. Als Hauptgrund wurden massive Ernteausfälle in Westafrika genannt, was zu einer Kakaoknappheit und damit gestiegenen Preisen geführt hatte. In diesem Jahr sind die Kakao-Rohpreise auf dem Weltmarkt wieder erheblich gesunken, doch die Preise für den Schoko-Weihnachtsmann sind erneut um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Hersteller begründen dies damit, dass sie ja die Rohmasse bereits weit im Vorfeld gekauft hätten und darum die Preise wieder gestiegen seien. Die Experten des Verbraucherverbandes Bundeszentrale haben an dieser Darstellung erhebliche Zweifel. Folgt man der Logik, hätten die Preise in der Vorweihnachtszeit im letzten Jahr gar nicht steigen können, denn da wurde demnach noch Rohware von vor der Kakao-Hochpreisphase verarbeitet. Tipp der Verbraucherzentralen: Schoko-Weihnachtsmänner erst kurz vor Heiligabend kaufen, da dann die Händler die Lager räumen wollen und vermutlich mit den Preisen heruntergehen.
Schlusslicht bei Bildungsausgaben
Vertreter aller Bundesregierungen der vergangenen 15 Jahre haben immer wieder die „Bildung als den Rohstoff Deutschlands“ bezeichnet. Doch auf dem Weg zum Heben dieses Rohstoffs scheint wenig zu passieren, so eine Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) von Anfang Dezember. Danach lag der Anteil der staatlichen Bildungsausgaben für Grundschulen, Berufsschulen, Gymnasien oder Universitäten 2023 zwar bei 9,2 Prozent und damit leicht über dem Wert von 2001. Im europäischen Vergleich ist die Bundesrepublik seit der Jahrtausendwende laut IW „Schlusslicht unter den europäischen Staaten“, die Deutschland wirtschaftlich und kulturell am stärksten ähneln. Dazu zählen die Benelux-Länder, Österreich, der Schweiz sowie Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island. Deutschland fällt dabei gegenüber der Schweiz, Österreich sowie den nordischen Ländern stark ab. Dort werden zwölf bis 13 Prozent der Staatsausgaben in Bildung investiert.
Erneut Materialknappheit
Die deutsche Industrie klagt erneut über fehlende Materialien. Dies meldet das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Betroffen sind vor allem Vorprodukte. In einer aktuellen Umfrage meldeten 11,2 Prozent der befragten Unternehmen Schwierigkeiten, nach 5,5 Prozent im Oktober. „Die fehlenden Halbleiter verschärfen die bereits schwierige Situation der Industrie“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. Insbesondere in der Automobilwirtschaft habe sich der Mangel zugespitzt. Mehr als jedes vierte Unternehmen berichtete von Engpässen bei Vorprodukten. Auch die Hersteller von elektronischen und optischen Produkten haben vermehrt Probleme. Mögliche Ursache: die Ausfuhrbeschränkungen für Seltene Erden durch China. Wohlrabe hält demnach einen politischen Zusammenhang für naheliegend. Die Exportkontrollen gelten beispielsweise auch für Länder, aus denen deutsche Unternehmen Vorprodukte beziehen.
Viele Berliner gegen Olympiabewerbung
Bislang hatte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bei der Themenwahl immer eine glückliche Hand. Sein autofreundlicher Wahlkampf ist vermutlich der Grund für seinen Wahlsieg vor knapp drei Jahren gewesen. Doch nun scheint Wegner das gute Bauchgefühl für des Volkes Stimme verlassen zu haben. Er will unbedingt, dass sich Berlin für die Olympischen Spiele entweder für 2036, 2040 oder 2044 bewirbt. Laut einer Civey-Umfrage sind jedoch 67 Prozent der Berliner davon absolut nicht überzeugt und gegen eine Olympia-Bewerbung Berlins. Lediglich 27 Prozent finden die Idee ebenfalls gut, sechs Prozent haben dazu keine Meinung. Anders als München plant Berlin dazu keine Volksbefragung. In München hatte sich ein Drittel der Wahlberechtigten für eine Olympiabewerbung ausgesprochen. Nun haben die Gegner der Bewerbung, „NOlympia“, eine Kampagne für ein Volksbegehren gestartet, um Klarheit in die Berliner Olympia-Gemengelage bei den Bewohnern zu bringen.
Bürgergeldbezieher
Klage gegen den Bund
Im Streit um Milliardenkosten für Bürgergeldempfänger verklagen die gesetzlichen Krankenversicherungen den Bund. Der Staat habe die Krankenkassen damit beauftragt, die gesundheitliche Versorgung der Bürgergeldbezieher zu übernehmen, lasse sie aber auf rund zwei Dritteln der Kosten sitzen, kritisierte der GKV-Spitzenverband in Berlin. „Das sind derzeit rund zehn Milliarden Euro Jahr für Jahr.“ Immer und immer wieder habe man die Politik auf die „rechtswidrige Unterfinanzierung“ bei den Beiträgen für Bürgergeldbezieher hingewiesen, kritisierte Uwe Klemens, Verwaltungsratsvorsitzender beim GKV-Spitzenverband. Immer wieder sei zwar viel versprochen, aber bis heute nichts eingehalten worden. Mehrere Krankenkassen wie die DAK und die IKK Brandenburg und Berlin wollen sich der Klage anschließen. Der Vorstandsvorsitzende der DAK, Andreas Storm, sagte der „Bild“, hätte die gesetzliche Krankenversicherung die ihnen zustehenden Bundesmittel von jährlich insgesamt zehn Milliarden Euro erhalten, könnten im Jahr 2026 die Beiträge für Versicherte und Arbeitgeber stabil bleiben. „Es geht um eine Entlastung um 0,5 Beitragspunkte.“
Grubenflutungen starten
Nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten können die saarländischen Bergwerke ab kommendem Jahr teilweise geflutet werden. Die Landesregierung hatte die Flutungen bis zu minus 320 Meter bereits 2021 genehmigt. Gerichtsverfahren gegen die Genehmigungen blieben erfolglos. Geklagt hatten mehrere Gemeinden. Gutachten hatten dargelegt, dass befürchtete schwerere Schäden in Folge der Flutungen nicht zu erwarten seien. Auf dieser Basis hatte auch das Oberbergamt Widersprüche gegen die Genehmigung zurückgewiesen. Das Unternehmen hatte die Flutung unter anderem zur Kostenersparnis beantragt. Bislang musste das Grubenwasser abgepumpt werden. Ein Gutachten hatte zudem ergeben, dass mit der Flutung auch das Risiko von Erderschütterungen gebannt würde.
Mängelbericht
Der Rechnungshof des Saarlandes hat in seinem Jahresbericht einmal mehr eine Reihe von Missständen offengelegt. Im Bereich der Festival-Förderung seien Zuwendungsverfahren nicht fehlerfrei und vollumfänglich zufriedenstellend durchgeführt worden. Es sei „keine durchgehende Strategie zu erkennen“. Allerdings betont der Rechnungshof auch, „dass das Ministerium die Empfehlungen des Rechnungshofs nahezu vollumfänglich angenommen und diesen zugestimmt hat“. Die Prüfer kritisieren zudem ein Förderprogramm für die Niederlassung von Hausärzten im ländlichen Raum: „Trotz bereitgestellter Mittel blieb bislang die Anzahl der Anträge und der erteilten Bewilligungsbescheide deutlich hinter den Erwartungen zurück. Von den in den Jahren 2019 bis 2023 im Haushalt veranschlagten Mitteln ist nicht einmal ein Viertel ausgegeben worden.“ Ebenso rügte der Rechnungshof die Buchführung einer Landtagsfraktion, gemeint ist die AfD. Stichproben hätten „eine Reihe von Auffälligkeiten“ gezeigt. Dies bedeute zwar nicht, dass die Gelder nicht bestimmungsgemäß verwendet wurden. Es sei aber „faktisch nicht möglich, sich ein vollständiges Bild über die Verwendung der Zuschüsse zu machen“.
Freier Sonntag
Die Allianz für den Freien Sonntag Saarland hat auch dieses Jahr ihre Aktion mit vier prominenten „Adventspaten“ gestartet. „Gerade in politisch und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten möchte die Allianz für den freien Sonntag mit dieser Aktion dazu anregen, sich auf das Wesentliche im Leben zu besinnen“, heißt es in der Ankündigung. Mit dabei ist Ministerpräsidentin Anke Rehlinger: „Der freie Sonntag stärkt unseren Zusammenhalt – in den Familien, in der Gemeinschaft und im gesellschaftlichen Engagement. Deshalb ist mir wichtig, dass der Sonntag seinen besonderen Charakter als freier Tag behält und nicht zum alltäglichen Werktag wird.“ Außerdem wirken der Präsident der Handwerkskammer des Saarlandes, Helmut Zimmer, der ehemalige Vorsitzende der Saarländischen Armutskonferenz, Wolfgang Edlinger, und der stellvertretende Bezirksvorsitzende des DGB Rheinland-Pfalz / Saarland, Timo Ahr, mit. Die „Adventspaten“ teilen ihre Botschaften an den Adventssonntagen über soziale Medien.
Raumfahrt
Saarländer zum Mond?
Die Pläne für die nächsten Landungen von Menschen auf dem Mond werden konkreter. Mit dabei sein wird auch ein deutscher Astronaut. Nach aktuellem Stand der Planung sollen mit „Artemis 2“ im kommenden Jahr US-Astronauten den Mond umkreisen, 2027 sollen mit „Artemis 3“ erstmals nach mehr als einem Vierteljahrhundert wieder Menschen auf dem Mond landen, und bei „Artemis 4“ soll dann auch ein deutscher Astronaut zum Mond fliegen. Beide deutschen Astronauten, Alexander Gerst und der Saarländer Matthias Maurer, haben Ambitionen und sind beide auch im Training für eine eventuelle Mondmission. „Artemis“ ist das bemannte Raumfahrtprojekt der NASA (USA) mit der europäischen Raumfahrtagentur ESA sowie kanadischen und japanischen Partnern. Für die „Artemis“-Pläne gibt es aber einen Unsicherheitsfaktor: Unter US-Präsident Trump ist, wie vieles andere, auch die NASA-Förderung fraglich.
Reformen
Digitalisierung stockt
Die vierte Digitalministerkonferenz (DMK) der Länder führte beim ersten Bundesdigitalminister, Karsten Wildberger (CDU), zu reichlich Ernüchterung. Denn Fortschritte bei der Digitalisierung der Verwaltung auf Bundes- und Länderebene gab es nicht zu verkünden. Im Gegenteil, das Klein-Klein von Bund, Ländern und Kommunen geht unbeeindruckt weiter. Hindernis: die ungeklärten Zuständigkeiten. Die DMK-Vorsitzende Dörte Schall (SPD) räumte freimütig ein: „Die DMK und der IT-Planungsrat arbeiten aktuell noch nicht gut zusammen.“ Doch der Rat ist das zentrale politische Steuerungsgremium für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Es geht zum Beispiel darum, wie Daten verknüpft werden, welche Standards gelten und welche gemeinsamen Projekte finanziert werden sollen. Dazu kommt: Die Bundesländer bereiteten immer noch unabhängig voneinander und damit parallel dieselben Themen für DMK und IT-Planungsrat vor. Im Klartext: Es wird weiterhin doppelt und dreifach vorgeschlagen, geplant und dann auch entschieden. Genau diese Praxis will Bundesdigitalminister Wildberger abschaffen.
Autokrise wird zur Kommunalkrise
Die Krise der deutschen Autobauer erreicht die Kommunen. Das geht aus einer Umfrage unter zehn Autostädten beziehungsweise -gemeinden hervor. Laut Überschlagsrechnungen brechen den Kommunen Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro weg. Am Audi-Stammsitz in Ingolstadt wird sich die diesjährige Gewerbesteuer gegenüber 2024 wohl auf nur noch 55 Millionen Euro halbieren, bei gleichzeitig steigenden Kosten für die Kommunen. Im kommenden Jahr steigt der Druck noch weiter, 2026 geht man aktuell von einem Defizit von 80 Millionen Euro aus, es muss also gespart werden. Die geplante Sanierung des Stadttheaters wird verschoben, die Öffnungszeiten im Stadtmuseum werden zurückgefahren. Außerdem baue die Stadt 100 Vollzeitstellen ab. Dramatisch ist die Lage auch in Stuttgart. Dort droht bei der Gewerbesteuer 2025 und 2026 ein Loch von bis zu einer Milliarde Euro. Der Kampf ums Geld läuft auf Hochtouren, jeder Euro zählt: Im Oktober hat der Stadtrat die Hundesteuer erhöht, zum ersten Mal seit über 30 Jahren.
Wiegand will’s wissen
Blickpunkt Europa
Stirbt gerade unser jahrzehntelang gewohntes Europa? Viele sagen: Die Europäische Union und die Nationen drumherum erleben einen leisen, aber tiefgreifenden Epochenbruch. Vertraute politische Allianzen, die den Kontinent über Jahrzehnte getragen haben, lösen sich auf – nicht durch spektakuläre Krisen, sondern durch langsame Erosion.
Schauen wir genau hin. Die Achse Berlin – Paris, einst Motor der Integration, ist zum zähen Verhandlungsritual verkommen. Wo früher gemeinsame Visionen standen, dominieren heute nationale Reflexe, innenpolitische Taktik und ein Misstrauen, das sich kaum noch verbergen lässt. Die seit Jahren gemeinsam betriebene Entwicklung des Super-Kampfjetsystems FCAS scheint am Ende zu sein.
Gleichzeitig hat sich das Verhältnis der EU zu Großbritannien nach dem Brexit endgültig entzaubert. Der Beitritt Londons zum EU-Verteidigungsfonds scheitert, weil dem UK die Teilnahme zu teuer ist. Das ist legitim. Aber ist es in Zeiten enormer Bedrohung auch klug?
Über allem schwebt der Schatten der USA, deren Schutzversprechen für die Länder am Ostatlantik unter Präsident Trump so unsicher wirkt wie nie zuvor. Washington unterstützt sogar EU-feindliche und umstürzlerisch agierende Radikale. Damit steht Europa vor einer strategischen Nacktheit, die manche noch gar nicht erkannt haben. Und nun?
Wenn alte Partner wanken, braucht es neue Formate der Kooperation, neue Sicherheitsarchitekturen und vor allem den Mut, europäische Interessen selbst zu definieren. Die Politik in Europa muss entscheiden, ob sie dem Erosionsprozess nur zuschaut – oder im Sinne künftiger Generationen anpackt.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.