Die bevorstehende Weihnachtszeit bereitet auch in diesem Jahr wieder Sorgen
Schon wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Und ein Blick in die Supermarktregale, wo in den vergangenen Wochen Lebkuchenherzen und Schoko-Nikoläuse unerschrocken neben Halloween-Skeletten und Kürbisfratzen um unsere Aufmerksamkeit buhlten, kündet von der nahenden Adventszeit. So werden wir gnadenlos daran erinnert, dass schon wieder der Kauf von Weihnachtsgeschenken für unsere Lieben ansteht.
Eigentlich wollten wir ja in diesem Jahr auf die Verteilung festlicher Gaben verzichten und haben offensiv unsere eigenen recht bescheidenen Erwartungen kommuniziert. Ohnehin waren in den Vorjahren nicht alle uns zugedachten Präsente zu unserer vollsten Zufriedenheit ausgefallen. Aber wer kennt schon den Geschmack anderer Leute, wenn man schon beim eigenen unsicher ist? Und wer möchte in diesen vorweihnachtlichen Tagen durch unvermeidliche Fehlkäufe zur Vermüllung der Umwelt beitragen?
Für die Beschenkten stellt sich nämlich alle Jahre wieder die drängende Frage: Wohin mit dem ganzen Zeugs? Der Bücherschrank quillt über, alle Regale sind ohnehin schon überfüllt und die Wände mit unnötigem Krimskrams messiehaft überdekoriert. Mehr geht eigentlich nicht! Nachdem wir jetzt den Speicher ausgebaut haben, gibt es bei uns aber wenigstens keine räumlichen Probleme mehr bei der Unterbringung der gut gemeinten Geschenke. Wir sind sicher, dass auch wir in den vergangenen Jahren schon oft bei der Auswahl unserer Geschenke – beinahe hätten wir unweihnachtlich gesagt – „ins Klo gegriffen“ haben. Zum Glück vergessen wir aber gewöhnlich schnell, was wir wem geschenkt haben und auch, was wir selbst von wem als Präsent bekommen haben: Durch dieses Kapazitätsdefizit der körpereigenen Festplatte können familiäre Bande und alte Freundschaften trotz Weihnachten jahrelang unbeschadet überstehen.
Wir haben uns inzwischen abgewöhnt, irgendwelche geschenkten Dinge sichtbar im Wohnbereich zu platzieren, weil für alle einfach der Platz fehlt und wir nicht das Risiko eingehen wollen, dass die Lieblingstante beim überraschenden Besuch ausgerechnet ihr Weihnachtsgeschenk aus dem Millenniumsjahrzehnt bei uns zu Hause an seinem Ehrenplatz vermisst und auf einer plausiblen Erklärung besteht. Als wir jünger waren und unsere Gedanken noch mehr beisammenhatten, haben wir vor angekündigten Besuchen unser Wohnzimmer immer schnell umdekoriert: Bevor beispielsweise Patenonkel Heinz seine Aufwartung machte, wurde das von ihm geschenkte Bild „Röhrender Hirsch im Abendrot“ aus dem Keller geholt und überm Sofa aufgehängt, weil man Verwandten bekanntlich auch mit kleinen Sachen eine Freude machen kann!
Da unsere geistige Rüstigkeit aber inzwischen nachgelassen hat, sind uns zuletzt ein paar unverzeihliche Fehler unterlaufen, was uns im Vorjahr sogar die Rüge unserer Schwiegermutter einbrachte: „Stand dort, wo jetzt dieser hässliche Globus steht, nicht sonst immer meine wunderschöne Tiffanylampe?“ Wer möchte so was schon unterm Tannenbaum hören? Ein renommierter Soziologe hat kürzlich nach Lösungen für das Weihnachts-Geschenk-Dilemma gesucht und mit dem verwegenen Gedanken gespielt, künftig bei einem Online-Spezial-Händler einfach die Adressen der zu Beschenkenden, das Budget für die Geschenke und die eigene Kontonummer einzugeben. Alles Weitere würde ein Algorithmus übernehmen, sodass man selbst gar nicht weiß, wer letztendlich was bekommen hat. Das nähme uns endlich alle adventlichen Sorgen: Da dem Schenkenden unbekannt bleibt, was er wem schenkt, kann er sich viel schlechtes Gewissen ersparen. Und der Beschenkte braucht sich nicht mehr lange Gedanken zu machen, wie und bei wem er sich im Folgejahr für die Weihnachtsüberraschung revanchieren kann.
Diesem revolutionären Vorschlag eines Wissenschaftlers könnte man in Zeiten des Klimawandels sogar noch ergänzend hinzufügen, dass der Beschenkte sein Präsent am besten gar nicht mehr auspacken dürfte, sondern es – einem hilfreichen Verpackungsaufdruck folgend – nachhaltig direkt in der passenden Mülltonne entsorgen könnte.