Der vor 100 Jahren geborene Japaner Masaya Nakamura gilt als einer der Pioniere der Videospiel-Geschichte. Wobei ihm mit dem 1980 veröffentlichten Kultgame „Pac-Man“ der umsatzstärkste Spieleklassiker der Arcade-Automaten-Ära und das erfolgreichste Münzspiel überhaupt gelungen war.
In den ersten Nachkriegsjahren, als die japanische Industrieproduktion unter der strengen Kontrolle der US-Besatzungsmacht nur mühsam wieder auf die Beine kam, fand ein junger Schiffbauer trotz eines am Yokohama Institute of Technology 1948 erworbenen Diploms in seinem Metier keinen Job. Aus diesem Grund trat der am 24. Dezember 1925 in Yokohama geborene Masaya Nakamura in die Firma seines Vaters ein. Keine sonderlich gute Idee, wie sich schnell zeigte, denn der Beruf des Büchsenmachers hatte nicht gerade Hochkonjunktur, und der private Waffenbesitz wurde durch mehrere Gesetze zunehmend eingeschränkt. Die Auftragslage der väterlichen Werkstatt, die bis dahin maßgefertigte Schrotflinten hergestellt hatte, verschlimmerte sich zusehends. Ersatzweise richtete der Vater ein Reparatur-Atelier für Luftgewehre in einem Tokioter Kaufhaus ein, doch auch damit ließ sich auf Dauer nicht genügend Geld verdienen. Daher regte der Junior zunächst eine Neuorientierung des Betriebs in Richtung Spielzeugwaffen für Kids an.
Der nächste Schritt war die Hinwendung zu öffentlich aufgestellten Kinderunterhaltungsgeräten. Masaya Nakamura erwarb 1955 für sein mit einem Startkapital von 3.000 US-Dollar gegründetes Unternehmen „Nakamura Seisakusho“ zwei hölzerne, mechanisch mit einer Kurbel angetriebene Pferdekarussells, die er auf dem Dach eines Kaufhauses in Yokohama aufstellen durfte. Obwohl er das große finanzielle Potenzial dieses neuen Geschäftsmodells witterte, blieben zunächst die Spielzeugpistolen seine Haupteinnahmequelle. Doch nach der Umbenennung seines Unternehmens in „Nakamura Manufacturing“ 1959 setzte er auf die Entwicklung eigener Kinderfahrgeräte.
Durchbruch mit Fahrgeschäften
Mit „Roadway Race“ oder „Roadway Rides“, bei denen kleine Autos auf Schienen ihre Runden drehten, landete Nakamura einen Volltreffer. Mitsukoshi, eine der größten japanischen Kaufhausketten, ließ dieses Kinderfahrgerät Anfang der 1960er-Jahre zunächst auf dem Dach ihres Tokioter Flaggschiff-Stores aufstellen, um sich von ihrem starken Konkurrenten Takashimaya abzuheben. Bei Kindern kam das Fahrgeschäft so gut an, dass Mitsukoshi es landesweit für sämtliche Filialen in Auftrag gab.
Masaya Nakamura hatte Lunte gerochen und begann damit, auch für andere japanische Kaufhäuser weitere Vergnügungsgeräte zu entwickeln – bis hin zu Installationen mit Disney-Charakteren. 1965 präsentierte er zudem das Spiel „Torpedo Launcher“, das wenig später in „Periscope“ umbenannt wurde. Damit war er dem eigentlich erst in den 1970er-Jahren ausbrechenden elektronischen Arcade-Spielautomaten-Boom einige Jahre voraus. Mit dem Unterschied, dass sein elektromechanischer Schießsimulator für U-Boote eben nicht für öffentliche Spielhallen, die in den USA als „Penny Arcades“ bekannt waren, sondern münzbetrieben ursprünglich nur für Kaufhausdächer konzipiert worden war. Ein Jahr später landete der japanische Spielehersteller Sega mit seiner Version von „Periscope“ ebenfalls einen Überraschungscoup.
Anfang der 1970er-Jahre verlagerte Nakamura den Schwerpunkt seiner Unternehmenstätigkeit weg von mechanischen Fahrgeschäften hin zu münzbetriebenen Arcade-Videospielen. Deren Automaten waren zunächst immer noch nicht mehrheitlich in Spielhallen, sondern in öffentlich zugänglichen Orten wie Supermärkten, Einkaufszentren, Kinos oder Kantinen aufgestellt. Mit dem 1972 von Atari präsentierten Tischtennis-Videospiel „Pong“ sollte sich das ändern. „Pong“ verdankte seinen weltweiten Erfolg den Gamern in Arcade-Spielhallen und wird häufig als Urvater der Videospiele bezeichnet, obwohl es diese auch zuvor schon gegeben hatte, wie eben Nakamuras „Periscope“.
Thematisch konzentrierte sich Nakamura zunächst auf Rennspiele, beispielsweise „Racer“ (1970), „Formula-X“ (1975) oder „F-1“ (1976). Als die Japan-Filiale von Atari in eine finanzielle Schieflage geriet, gelang Nakamura 1974 deren Übernahme. Mit einem höheren Übernahmegebot stach er den ebenfalls interessierten Konkurrenten Sega aus. Damit gelang Nakamura der endgültige Einstieg in den Videospielmarkt, nachdem er sein Unternehmen in Namco (Abkürzung für Nakamura Amusement Machine Manufacturing Company) umbenannt hatte.
„Pac-Man“ lockte Frauen an Geräte
Da Nakamura selbst kein Spiele-Designer war (aber jedes seiner Produkte vor der Veröffentlichung oft nächtelang auf Haut und Nieren testete), musste er sich einen ganzen Pool an kreativen Mitarbeitern zulegen. Darunter war ein 23-jähriger Designer namens Toru Iwatani, der 1978 erstmals mit dem flipperähnlichen Spiel „Gee Bee“ auf sich aufmerksam machte und auch für die beiden folgenden Namco-Videospiele „Bomb Bee“ und „Cutie Q“ verantwortlich zeichnete. Namcos erster großer Erfolg in den Spielhallen und gleichzeitig auf den von Nintendo entwickelten Famicom-Heimkonsolen wurde 1979 „Galaxian“ – das erste Arcade-Game mit echten Farben, dessen mehrfarbiger Sternenhintergrund ein bis dahin unbekanntes räumliches Bild vermittelte. Das Spielprinzip war von dem ein Jahr zuvor veröffentlichten und die frühe Entwicklung der Videospiele ganz entscheidend mitprägenden „Space Invaders“ des Designers Taito übernommen worden. Nakamura verkaufte „Galaxian“ schnell an das US-Unternehmen Midway Games. Auch beim Nachfolger „Galaga“ 1981, der zu einem Dauerbrenner werden sollte, kooperierte Namco wieder mit Midway Games. Auch hier muss sich der Spieler in einem Raumschiff einer Horde von insektenartigen Gegnern erwehren. Wie überhaupt die Arcade-Hallen um 1980 thematisch von Weltraum-Shooter-Spielen dominiert wurden.
Doch just in diese martialischen Videospiele, die fast ausschließlich von Vertretern des männlichen Geschlechts geschätzt wurden, brach 1980 mit „Pac-Man“ ein gänzlich anderes Game ein. Nakamura und sein zuständiger Designer Toru Iwatani wollten mit dem neuartigen Spiel – dem ersten ganz großen Star der Videospiel-Epoche – auch Frauen in die Arcade-Hallen locken. Statt Aliens-Abschießen wurde dafür dem Spiel das Thema Essen konzeptionell zugrunde gelegt. Die gelbe, kugelförmige Spielfigur, die angeblich nach einer Pizza gestaltet wurde, aus der ein Stück herausgeschnitten ist, und für die als Novum in der Videospiel-Geschichte erstmals ein Name eingeführt wurde, musste beim Durchqueren eines Labyrinths (eine weitere Neuerung) möglichst viele flimmernde Punkte fressen. Dabei wurde sie verfolgt von vier ebenfalls namentlich benannten Monstern: Inky, Blinky, Pinky, Clyde.
Das simple, aber ausgefuchste Spielprinzip, das auch Einsteigern Anfangserfolge bescherte, sollte von ganzen Generationen von Designern kopiert werden. Dabei war „Pac-Man“ durchaus anspruchsvoll, denn dank wachsendem Schwierigkeitsgrad schafften es nur Gamer-Profis in Rekordzeit bis zum höchsten Level 256. Die aktuelle Bestmarke von 3.333.360 Punkten stellte der US-Amerikaner David Race 2013 in drei Stunden und 41 Sekunden auf. Ausgerechnet in einer Phase, in der die Videospielbranche in den USA zwischen 1983 und 1985 einen dramatischen Einbruch erlebte, stieg „Pac-Man“ weltweit zum erfolgreichsten Münzspiel aller Zeiten auf, mit zehn Milliarden Geldeinwürfen. Mit weltweit 400.000 installierten Automaten-Versionen wurde „Pac-Man“ die Nummer Eins der goldenen Arcade-Ära, die allerdings ab Ende der 1980er-Jahre durch die stetig wachsende Verbreitung von Heimcomputern und Videospielkonsolen allmählich auslief.
Spiele machten Nakamura reich
Zudem wurde „Pac-Man“ zu einem Kultphänomen der Popkultur, was sich unter anderem im reißenden Absatz von Merchandising-Produkten, aber auch in Filmen, Musiksongs oder Zeichentrick-Produktionen rund um die Gaming-Hauptfigur niederschlug.
Mit „Final Lap“ brachte Namco 1987 auch das erste Multiplayer-Arcade-Spiel auf den Markt. Mit der bereits 3D-Grafik aufweisenden Fahrsimulation „Ridge Racer“ aus dem Jahr 1993 und dem 3D-Kampfspiel „Tekken“ (1994) schaffte es Namco von den Spielhallen auf die Sony Playstation. Auch für Microsofts X-Box ließ Namco später Spiele konzipieren.
Masaya Nakamura legte 1990 den Vorsitz seines Unternehmens nieder, kehrte aber zwei Jahre später wieder an die Namco-Spitze zurück. Bis 2002 amtierte er als Präsident und erfüllte nach der Fusion von Namco mit dem japanischen Spielwaren- und Entertainment-Konzern Bandai im Jahr 2005 bis zu seinem Tod am 22. Januar 2017 repräsentative Aufgaben in der „Bandai Namco Holding“. Er hatte in den 1990er-Jahren die Namco-Geschäftsfelder durch den Aufbau einer Kette von Vergnügungsparks und den Einstieg ins Filmgeschäft erweitert. Nakamura hatte es zu höchsten staatlichen Auszeichnungen und großem Wohlstand gebracht, er wurde 2005 als Nummer 68 der reichsten Bürger Japans gelistet.