Deutsche Bundesbürger sind gesetzlich dazu verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Aber was bedeutet das? Wir haben beim Deutschen Roten Kreuz Kreisverband Saarbrücken e.V. nachgefragt. Christian Kaiser klärt, wie sich jeder von uns in einem Notfall verhalten sollte.
Herr Kaiser, was ist Erste Hilfe überhaupt?
Sofort einsetzende Maßnahmen, um bei einem medizinischen Notfall die akute Gefährdung durch Gesundheitsstörungen bestmöglich zu überbrücken, bis professionelle Hilfe eintrifft. Dabei hilft man mit den begrenzten Mitteln und dem Wissen, das einem zur Verfügung steht. Das betrifft nicht nur den körperlichen Aspekt, sondern auch den psychischen. Heißt: Ich bin für eine Person da, stehe ihr bei, rede gut zu und beruhige, bis der Rettungsdienst eintrifft. Da nenne ich gerne ein Beispiel aus der Praxis: In den Erste-Hilfe-Kursen frage ich eingangs gerne, wer denn schon mal Erste Hilfe geleistet hat. Selten gehen da die Hände hoch. Danach frage ich, wer denn Kinder hat. Das sind dann nicht selten wenige und denen kann ich sagen: Vermutlich habt ihr alle schon Erste Hilfe geleistet. Denn wenn sich ein Kind verletzt, bin ich als Elternteil da, tröste das Kind, versorge es vielleicht mit einem Kühlakku oder einem Pflaster. Das gilt als Erste Hilfe. Auch wenn ich nur gut zurede und einfach für es da bin, bis es dem Kind besser geht – und wenn es nachts nach einem Alptraum in das Elternbett gekrabbelt kommt – das ist in dem Moment Erste Hilfe.
Wer kann oder muss Erste Hilfe leisten?
Grundsätzlich ist jeder Mensch dazu in der Lage, Erste Hilfe zu leisten – auch ohne medizinische Ausbildung. Schon einfache Maßnahmen wie das Absetzen des Notrufes, das beruhigende Zureden oder das Absichern einer Unfallstelle sind wertvolle Erste-Hilfe-Leistungen. Erste Hilfe bedeutet nicht immer, einen Verband anzulegen oder eine stabile Seitenlage durchzuführen. Als Ersthelfer behandelt man keine Erkrankungen, man konzentriert sich auf Symptome und versorgt diese bestenfalls. Ein gutes Beispiel ist Atemnot. Die Ursachen dafür können sehr vielfältig sein, beispielsweise, ob sie von einem Herzinfarkt oder einer Lungenembolie herrührt – der Oberkörper wird hoch gelagert.
In Deutschland gibt es eine gesetzliche Pflicht zur Hilfeleistung (§ 323c StGB), wodurch jede Person im Rahmen der Möglichkeiten Erste Hilfe leisten muss. Natürlich ohne sich selbst dabei in Gefahr zu bringen oder andere wichtige Pflichten zu vernachlässigen (Aufsichtspflicht, Fürsorgepflicht et cetera).
Es gibt auch Ausnahmesituationen. Geistig eingeschränkte Personen zum Beispiel, ein Rollstuhlfahrer ist nur bedingt handlungsfähig. Das ist gemeint mit „im Rahmen der eigenen Möglichkeiten“.
Was raten Sie Menschen, die ihren letzten Erste-Hilfe-Kurs vor Jahrzehnten im Zuge der anstehenden Führerscheinprüfung absolviert haben oder unter Umständen noch nicht mal das?
Das regelmäßige Besuchen eines Erste-Hilfe-Kurses ist empfehlenswert, da das Gehirn bei mangelnder Anwendung vorhandenes Wissen mit der Zeit abbaut. Untersuchungen zeigen, dass man sich nach ein bis zwei Jahren kaum noch an die wichtigsten Maßnahmen erinnert und man so zunehmend Handlungssicherheit verliert. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Erste-Hilfe-Leistungen zu 90 Prozent an uns bekannten Personen durchgeführt werden müssen, davon zu 30 Prozent an Familienangehörigen, denen man natürlich bestmöglich helfen möchte. Regelmäßige Auffrischungen sorgen dafür, dass Abläufe wieder präsent sind, man auch in einer Ausnahmesituation routiniert handeln kann und man zudem auf dem aktuellen Sachstand bleibt. Wir empfehlen hier eine Auffrischung alle zwei Jahre.
Wie verhalte ich mich in einer Notsituation?
In einer Notsituation ist es entscheidend, ruhig, besonnen und systematisch vorzugehen. Zu Beginn gilt stets die Frage, ob eine Erste-Hilfe-Maßnahme für einen selbst ein Risiko darstellen würde – denn Eigenschutz hat oberste Priorität. Je nach Lage muss daher zunächst die Gefahrenstelle gesichert werden, insbesondere im Straßenverkehr.
Im nächsten Schritt verschafft man sich einen Überblick: Wie viele Personen sind betroffen? Welche Verletzungen oder Symptome sind erkennbar? Sprechen Sie die Betroffenen an und prüfen Sie die Reaktionsfähigkeit, gegebenenfalls durch vorsichtiges Rütteln an den Schultern. Reagiert die Person nicht, folgt die Atemkontrolle. Bei normaler Atmung bringen Sie den Betroffenen in die stabile Seitenlage und achten dabei auf das Überstrecken des Kopfes, um die Atemwege freizuhalten.
Liegt keine normale Atmung vor oder zeigt die Person nur eine Schnappatmung, müssen sofort Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden. Denken Sie in einer Notsituation immer an das Absetzen eines Notrufes 112 und fordern Sie umstehende Personen gezielt zur Unterstützung auf. Befinden Sie sich an einem Ort, an dem ein Automatisierter Externer Defibrillator (AED) verfügbar ist, lassen Sie dieses Gerät von einer weiteren Person holen.
Was kann ich tun, wenn ich mir die Erste Hilfe nicht zutraue, geschult oder ungeschult?
Wenn Sie sich die Erste Hilfe nicht zutrauen, sind Sie damit nicht allein. Viele Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen. Trotzdem gibt es wichtige und vollkommen sichere Schritte, die jeder tun kann. Schon kleine Handlungen können Leben retten. Wenn Sie sich unsicher sind, wählen Sie die 112. Das geschulte Leitstellenpersonal unterstützt Sie bei der Einschätzung der Situation und schickt Ihnen professionelle Hilfe, sofern erforderlich. Bitten Sie andere um Hilfe. Sprechen Sie umstehende Personen gezielt an und verteilen Sie Aufgaben. Sichern Sie die Unfallstelle ab und betreuen die betroffene Person. Psychische Unterstützung ist, wie eingangs erwähnt, wertvolle Erste Hilfe. Sie müssen nichts tun, was Sie sich nicht zutrauen oder was Sie möglicherweise selbst in Gefahr bringt. Besuchen Sie regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse, um Abläufe zu verinnerlichen, Sicherheit zu gewinnen und Hemmungen abzubauen.
Eine Situation, die vermutlich einigen vertraut ist, die ältere Verwandte im Umfeld haben. Einer betagten Person geht es offensichtlich nicht gut: Man spricht darüber, die Lage verschlechtert sich, die Person lehnt es vehement ab, dass ein Angehöriger den Rettungsdienst ruft. Was tun?
Das ist nicht ganz einfach. Grundsätzlich entscheidet eine mündige Person selbst darüber, was mit ihr geschieht. Zumal Senioren ungern ins Krankenhaus wollen. Wenn man sich aber sehr sorgt, sollte man trotzdem den Notruf wählen und das Rettungspersonal entscheiden lassen, wie ernst die Lage ist. Die haben oft auch mehr Autorität als die verwandte Person. Das Recht der freien Selbstbestimmung geht aber vor und steht über dem Willen der Angehörigen.
Was geschieht nach der Ersten Hilfe?
Menschen gehen unterschiedlich mit Stress- und Ausnahmesituationen um. Daher ist es wichtig, nicht nur auf seinen Körper, sondern auch auf seine Psyche zu achten. Sollte sich nach einer belastenden Situation eine psychische Beeinträchtigung einstellen, ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen. Dafür darf und muss man sich nicht schämen! Seien Sie vielmehr stolz darauf, anderen Menschen in einer Notsituation geholfen zu haben.
Sind Erste-Hilfe-Kurse auch online möglich?
Es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten, in der digitalen Welt Kursveranstaltungen zu besuchen. Wenn es um das Thema Erste Hilfe geht, empfehlen wir aber immer einen Kurs in Präsenz. Hier lernt man, Erste Hilfe in Theorie und Praxis im Rahmen von Teilnehmerübungen umzusetzen. Praktische Übungen sind für eine sichere Handlungsfähigkeit unabdingbar. Onlinekurse werden im Übrigen auch nicht von den Berufsgenossenschaften anerkannt (für Betriebe und Führerscheine).
Was halten Sie von Youtube-Videos zum Thema Erste Hilfe?
Bei seriösen Anbietern sind die dargestellten Maßnahmen hilfreich, um sich erlernte Inhalte erneut ins Gedächtnis zu rufen. Wichtig ist dabei jedoch immer – wie bei allen Inhalten im Internet – die Vertrauenswürdigkeit und die Aktualität des Dargestellten zu überprüfen.
Was mache ich bei Verbrennungen?
Bei Verbrennungen ist ein schnelles Handeln wichtig, um Schmerzen zu lindern und Folgeschäden zu verhindern. Personen sollten zunächst aus der Gefahrenquelle gebracht werden, Kleidungsbrände sollten mittels Wasser oder Löschdecke gelöscht werden. Achten Sie dabei immer auf die eigene Sicherheit! Lockere Kleidung sollte vorsichtig entfernt werden, festgeklebte Stücke nicht abreißen. Die Verbrennungsstelle sollte anschließend sofort mit kühlem oder kaltem Wasser gekühlt werden. Hierbei ist eine langfristige Kühlung notwendig (zehn bis 20 Minuten). Verwenden Sie kein Eis, um die Wunde nicht weiter zu schädigen.
Welches sind die kritischsten Momente bei der Ersten Hilfe?
Zu den kritischsten Momenten gehören vor allem Situationen, in denen lebenswichtige Entscheidungen zu spät oder falsch getroffen werden. Besonders gefährlich ist eine Fehleinschätzung der Gesamtsituation, insbesondere im Hinblick auf den Eigenschutz. Wird die Lage nicht richtig beurteilt, kann dies sowohl Helfende als auch Betroffene gefährden.
Ein weiterer häufiger und folgenschwerer Fehler ist ein unterlassener oder verzögerter Notruf. Der Notruf 112 stellt die schnellstmögliche Alarmierung professioneller Hilfe sicher und bietet eine wichtige Anleitung für die nächsten Schritte.
Zu den kritischsten Faktoren gehört zudem, dass Ersthelfer in Panik geraten. In solchen Momenten gehen Überblick, klare Entscheidungen und strukturiertes Handeln verloren. Schließlich kann auch eine falsche Priorisierung fatale Folgen haben – denn in der Ersten Hilfe gilt stets: Eigenschutz und lebensrettende Sofortmaßnahmen stehen an erster Stelle, alle weiteren Schritte folgen im Anschluss.
Gibt es da Statistiken zur Effizienz von Ersthelfern?
Aussagekräftige statistische Daten liegen vor allem im Bereich der Laienwiederbelebung vor. Nach Angaben des Deutschen Rates für Wiederbelebung erhöht eine sofort begonnene Herzdruckmassage die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Betroffenen um das Zwei- bis Dreifache. Die Zeitspanne bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes liegt im Durchschnitt deutlich über der Überlebensfähigkeit des Gehirns ohne Sauerstoff. Daher ist eine unverzügliche Herzdruckmassage entscheidend, um schwere neurologische Schäden zu verhindern.
Aktuell liegt die Laienwiederbelebungsquote jedoch lediglich bei etwa 55 Prozent. Würden deutlich mehr Ersthelfer sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen, könnten – zumindest theoretisch – jährlich bis zu 10.000 Menschenleben gerettet werden. Umfassende Schulungsprogramme, insbesondere zur Anwendung automatisierter externer Defibrillatoren, könnten die Effektivität der Ersten Hilfe nachhaltig steigern.
Wie unterscheidet sich Erste Hilfe bei Kindern?
Nicht alle Maßnahmen, die für Erwachsene gelten, sind eins zu eins auf Kinder übertragbar. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Hinsichtlich Körpergröße, Anatomie und Reaktionen ergeben sich einige wichtige Unterschiede. Erwachsene reagieren oftmals klarer und können Schmerzen detaillierter beschreiben. Bewusstseinsstörungen fallen hier zum Beispiel schneller auf. Kinder können Symptome schlechter beschreiben, schreien oftmals oder werden sehr ruhig und verstecken sich gar. Hier ist man verstärkt auf eigene Beobachtungen hinsichtlich Verhalten, Atmung und Hautfarbe angewiesen.