In seinem neuesten Film „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ führt Regisseur Wolfgang Becker in die Untiefen der deutschen Medienlandschaft, zeigt die Unschärfen in der kollektiven Erinnerung und die Kraft einer guten Geschichte – und er lässt sein Publikum lachen.
Wenn es je Zweifel daran gab, dass das Leben ein Spiel der Erinnerungen mit dem Vergessenen unter Einbeziehung des Erfindens ist und es deshalb keine Wahrheit, sondern nur Geschichten gibt, dann ist es Wolfgang Becker noch einmal gelungen, mit einem Augenzwinkern an eben diesen Zweifeln zu nagen. In seinem Film „Good Bye, Lenin!“ hat er vor 22 Jahren die Geschichte einer Familie erzählt, die alles tut, um der Mutter, die nach einem Herzinfarkt in den letzten Tagen der DDR ins Koma gesunken ist und in der Bundesrepublik wieder aufwacht, vorzugaukeln, dass sie noch in ihrem geliebten sozialistischen Staat lebt. Die erwachsenen Kinder erschaffen für die bettlägerige Mutter eine eigene Wirklichkeit.
Die erschafft sich der Protagonist in Wolfgang Beckers aktuellem Film „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ auch. Nur ganz anders. Die Geschichte, zu der Becker zusammen mit Constantin Lieb das Drehbuch auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Maxim Leo geschrieben hat, geht so: Am frühen Morgen des 23. Juni 1984 kommt es durch eine einzige falsch gestellte Weiche im Berliner Streckennetz zu einer Massenflucht aus der DDR. 127 Fahrgäste aus dem Ostteil der Stadt werden in einer S-Bahn über den Bahnhof Friedrichstraße in den Westen geleitet. Fast genau 35 Jahre später erhält Micha Hartung, gespielt von Charly Hübner, Inhaber der Videothek „The Last Tycoon“ in Prenzlauer Berg, Besuch von einem Redakteur eines Nachrichtenmagazins: Bei Recherchen für eine Sonderausgabe zum Jahrestag des Mauerfalls hat der Reporter Alexander Landmann (Leon Ullrich) herausgefunden, dass Micha, damals noch stellvertretender Stellwerkmeister am Bahnhof Friedrichstraße, als Fluchthelfer und womögliches Mastermind der Aktion verhaftet wurde.
Micha erinnert sich an das Stasi-Verhör, bei dem man ihm eingeschärft hatte, niemals ein Wort über die wahren Ereignisse zu verlieren. Er weicht den Fragen des Reporters aus, bis der mit Geld wedelt. Es ist das, was man eine Win-win-Situation nennt: Micha sieht die Chance, aus der Schuldenfalle rauszukommen, Reporter Landmann hofft, vom Karriere-Abstellgleis runterzukommen. Sein Chefredakteur (Arnd Klawitter) beißt an, plant den ganz großen Coup. Die Geschichte vom Helden des Bahnhofs Friedrichstraße wird zur Titelstory.
Michas Tochter Natalie (Leonie Benesch) ist ebenso überrascht von der darin beschriebenen, bislang unbekannten und heldenhaften Seite ihres Vaters, der eine Massenflucht aus der DDR geplant und minutiös umgesetzt hat, wie seine Freunde. Der Mann, den sie immer für still und wenig zielstrebig gehalten haben, hat es dem kompletten Sicherheitsapparat der DDR so richtig gezeigt. Dass Menschen Tränen in den Augen haben, als sie lesen, wie Micha es geschafft hat, in einer fensterlosen Gefängniszelle zu überleben, liegt allerdings zunächst vor allem an der Lyrik des Reporters.
Publikum wird zu Tränen gerührt
Eine Spinne an der Wand habe ihm Hoffnung geschenkt? Von den Medien zum Spinnenflüsterer verklärt, merkt Micha, dass da etwas schiefläuft. Der Reporter zeigt sich unbeeindruckt, droht mit juristischen Konsequenzen für den Fall, dass sich Micha aus dieser doch so wundervollen Geschichte verabschieden und öffentlich widerrufen sollte, was der Reporter geschrieben hat. Und sollte es da doch falsche Tatsachen geben, dann seien die spätestens in zwei Wochen Schnee von gestern.
Zur Freude des Reporters findet Micha aber plötzlich Freude am Erzählen einer Geschichte, die einfach zu verrückt klingt, um erfunden zu sein. In einer Talkshow, in der ihm die ehemalige Eiskunstläuferin Kati Witt versichert, dass sie ihn für einen ganz tollen Mann hält, erklärt er vor laufender Kamera: Nicht das Politische, sondern die Liebe habe seine vermeintliche Heldentat motiviert. Genauer gesagt: seine Zuneigung zu einer Tänzerin, die in eben jener S-Bahn gesessen habe und deren Broadway-Träume er habe wahr werden lassen wollen.
Das Publikum ist begeistert, zu Tränen gerührt. Und da sitzt auch eine Frau, die wirklich in dieser S-Bahn saß: die Staatsanwältin Paula Kurz (Christiane Paul), die sich nach der Sendung ergriffen bei ihm bedankt. Der verschuldete Videothekenbesitzer kann es kaum glauben, dass sich plötzlich eine so schöne, kluge und witzige Frau für ihn interessiert. Und nicht nur sie. Der Bundespräsident lädt ihn zu einem Abendessen unter vier Augen ein und präsentiert ihm eine Idee: Micha soll am Mauerfall-Gedenktag eine Rede im Bundestag halten. Das wiederum findet der dafür eigentlich schon engagierte ostdeutsche Bürgerrechtler Harald Wischnewsky (Thorsten Merten) gar nicht amüsant. Er macht sich auf den Weg, die Wahrheit zu finden und den vermeintlichen Helden als Lügner zu entlarven.
Die Geschichte vom Helden, der im klassischen Sinn keiner war und doch einer ist, weil Menschen eben glauben wollen, was für sie die schönste und berührendste Wahrheit ist, ist die letzte, die der große deutsche Regisseur Wolfgang Becker erzählt hat. Er ist kurz nach Ende der Dreharbeiten im vergangenen Jahr an Krebs gestorben. Beckers künstlerische Wegbegleiter, Regisseur Achim von Borries und Produzent Stefan Arndt, haben den Film in seinem Sinne zu Ende gebracht.