Warum wir uns immer wieder aufs Neue von der Glühplörre verführen lassen
Warum trinken wir Glühwein? Nüchtern gesehen spricht wenig dafür, 4,50 Euro für ein heißes, klebrig-süßes Getränk zu zahlen, plus drei Euro Pfand für die zumeist altbackene Souvenirtasse, in der es kredenzt wird. Mal ehrlich, Glühwein trinken wir nicht wegen, sondern trotz des Geschmacks, oder?
Wussten Sie, dass Glühwein im Mittelalter DAS Heißgetränk der Reichen war? Dem erhitzten Wein wurden teure Gewürze sowie ordentlich Zucker beigemischt, und manchmal wurden noch Eier und Brot mit in den Topf geworfen, um den Glühwein nahrhafter zu machen. Das braucht man heute natürlich nicht mehr. Ich zum Beispiel bereite mich aufs Glühweintrinken vor, indem ich eine Riesenbratwurst gefolgt von einer Sahne-Kirsch-Waffel verzehre. Und weil Nahrhaftigkeit heutzutage kein Produktziel des Glühweins mehr ist, werden Brot und Eier inzwischen durch das Beimischen von Rum, Amaretto oder Orangenlikör ersetzt.
Ich versuche, pro Weihnachtsmarktbesuch höchstens zwei Tassen zu trinken, also zwei ohne und zwei mit Schuss. Aber am Ende der Glühmarktsaison habe ich dann doch wieder Sodbrennen bis Silvester. Also nehme ich mir jedes Jahr vor: Nee, dieses Jahr tappst du nicht in die Falle, du lässt dich nicht wieder zu dieser Glühplörre verführen. Und dann ertappe ich mich irgendwann doch wieder bei dem fröhlichen Ausruf: „Hey, Leute, ich hol’ uns noch ’ne Runde!“ Am Ende der Advents-Saison hab ich dann doch wieder (gefühlt) einen dieser Glühweinaufbereitungskochtöpfe komplett selbst wegkonsumiert.
Wie kommt das? Meine These: Zum Glühweintrinken werden wir nicht durch Überzeugung getrieben, sondern da müssen archaische Emotionen im Spiel sein. Immer wenn ich mich an Glühwein-Momente zurückerinnere, denke ich nicht primär an ein besonderes Geschmackserlebnis, sondern ich sehe mich rückblickend eng zusammengerückt im Kreis lieber Menschen stehen, in der Luft wabert ein Geruchsgemisch aus Zimt, Reibekuchen, Churros, und meistens ist auch noch Vanille im Spiel. Von irgendwoher weht die Jingle-Bells-Melodie über die Bretterbuden, bestenfalls live gespielt von lokalen Blechbläsern, und dabei nieselt einem leise der Regen in den Hemdkragen.
Also rückt man noch näher zusammen und wärmt sich die klammen Finger an der erhitzten Drei-Euro-Pfandtasse. Das ist fast so anheimelnd, wie am Lagerfeuer sitzen. Glühwein ist der flüssige Beweis dafür, dass wir uns gerne seelisch und körperlich anwärmen lassen. Wie dabei der Glühwein schmeckt, ist zweitrangig.
Dennoch wird auf Weihnachtsmärkten eine angeblich hochwertige Sondervariante des Glühweins feilgeboten: der Winzerglühwein. Der kommt eher weiß als rot daher. Winzerglühwein klingt, als ob jeder Winzer-Familienbetrieb bei der Lese die besten Trauben handverlesen herauspickt, aufwändig im Weinkeller ausbaut und in Literflaschen abfüllt, die dann auf sämtlichen Weihnachtsmärkten von Flensburg bis Garmisch in die Winzerglühweinaufwärmtöpfe geschüttet werden. Dieser Winzerglühwein, der laut Verordnung zwischen 7 und 14,5 Volumenprozent Alkohol aufweisen muss und gesüßt werden darf, würde ganz bestimmt auch gut gekühlt wunderbar schmecken, aber nur aufgewärmt und ordentlich nachgewürzt schmeckt er wirklich nach besinnlichem Fest.
Insgesamt machen, laut verschiedener Schätzungen, jedes Jahr etwa 50 bis 70 Millionen Liter Glühwein Bekanntschaft mit in Weihnachtsbuden stehenden Durchlauferhitzern. Man muss froh sein, dass noch genug hochqualitativer Winzerwein für außerhalb der Adventssaison übrigbleibt. Rein emotional gesehen – also unter besagtem Einfluss von Bratfettgeruch, Jingle Bells, Nieselregen, Händewärmen, aneinanderrückenden Menschen – müsste der Wohlfühleffekt auch mit alkoholfreiem Kinderpunsch funktionieren, aber sonderbarerweise glüht der, so zumindest mein persönlicher Eindruck, weniger anheimelnd als die Originalversion.
Meinen Vorsatz, dieses Jahr keinen Glühwein zu trinken, habe ich bis zur zweiten Adventswoche schon so oft gebrochen, dass es nun auch nicht mehr darauf ankommt: Ich habe mich mit Freunden und Kollegen noch zu mehreren Weihnachtsmarkt-Treffen verabredet … und dann finde ich es ganz sicher doch wieder, dieses besinnlich-feierliche Gefühl, das sich genau dann am besten einstellt, wenn man sich mit klebrigen Fingern an einer heißen Glühweintasse festhält.