Am frühen Morgen des 4. Juli wurde ein beliebtes Ferienparadies im Herzen Texas von einer ungewöhnlich starken Sturzflut überrollt. Wegen unzureichender Warnungen und mangels Evakuierungsanordnungen starben mindestens 137 Menschen, darunter 36 Kinder.
Da der amerikanische Nationalfeiertag in diesem Jahr auf einen Freitag gefallen war, hatten viele US-Bürger die Chance wahrgenommen, das verlängerte Wochenende für einen Ausflug zu nutzen. So auch in Texas, wobei das dünn besiedelte Kerr County rund um das Städtchen Kerrville am Ufer des Guadalupe River seit jeher zu den beliebtesten Reisezielen zählt. Zum einen bietet der Fluss viele Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten, zum anderen kann an seinen Ufern unter freiem Himmel campiert werden. Allein in dem für Mädchen reservierten christlichen Ferienlager „Camp Mystic“ hatten sich daher am 4. Juli dieses Jahres rund 750 Personen eingefunden.
Nicht nur diese Jugendlichen und andere Touristen, sondern auch die meisten Einheimischen wurden am frühen Morgen dieses schicksalhaften Tages im Schlaf von der sich anbahnenden Katastrophe überrascht. Aufgrund ungewöhnlich starken Niederschlags – in der Spitze bis zu mehr als 300 Milliliter Regen, was 300 Litern Wasser pro Quadratmeter entspricht – stieg der Pegel des Guadalupe Rivers innerhalb von 45 Minuten um mehr als acht Meter an und erreichte wenig später einen neuen historischen Rekordstand von rund 11,40 Metern. Dies sorgte für eine gewaltige Sturzflut mit riesigem Überschwemmungspotenzial, die zusätzlich noch durch die Quellflüsse des Guadalupe River verstärkt wurde.
Viele Opfer wurden im Schlaf überrascht
Binnen kürzester Zeit wurde das Ferienparadies Kerr County in eine Region des Schreckens und der Verwüstung verwandelt. Die Wassermassen rissen Häuser, Camps, Bäume, Strommasten und Autos mit sich. Wer die Gefahr rechtzeitig erkannte, konnte sich auf nahen Hügeln oder auf standhaften Bäumen in Sicherheit bringen. Den rund 400 herbeigeeilten Rettungskräften gelang es, mithilfe von Booten, Hubschraubern und Drohnen mehr als 850 Menschen unverletzt zu bergen. Für 106 Personen in Kerr County kam jedoch jede Hilfe zu spät, wobei mindestens 36 der Opfer noch Kinder und Jugendliche waren. Auch mindestens 27 Mädchen des „Camp Mystic“ verloren bei der Tragödie ihr Leben. Insgesamt forderte die Sturzflut-Katastrophe auf dem gesamten texanischen Territorium mindestens 137 Todesopfer. Über die Zahl der Vermissten herrschte noch Wochen danach Unklarheit, weil sich viele Camper nicht offiziell registriert hatten. Mitte Juli 2025 wurde von insgesamt 166 Vermissten berichtet, davon alleine 161 vom Territorium des Kerr County.
Plötzlich auftretender Starkregen mit daraus resultierenden Sturzfluten sind im Hügelland am Guadalupe River eigentlich keine Seltenheit. Daher hatten die Verantwortlichen des Countys die Gegend längst zum „gefährlichsten Flusstal der USA“ deklariert. Das zeigt sich auch im Namen „Flash Flood Alley“ – Sturzflutkorridor. Am 4. Juli 2025 kam es allerdings zur Entstehung eines extremen Wetterphänomens, das sich ganz allmählich in Gestalt von Gewittern ausgebildet hatte, die sich nur sehr langsam fortbewegten und dadurch innerhalb weniger Stunden Regenmengen freisetzen konnten, wie sie normalerweise nur im Laufe von mehreren Monaten fallen. Ursache war ein Strom feuchter Luftmassen aus dem Golf von Mexiko, der sich zusätzlich mit den Überresten eines Tropensturms verband, der eine Woche zuvor schon die mexikanische Halbinsel Yucatán mit starkem Niederschlag überzogen hatte. Das Resultat verglich die „New York Times“ mit einem vollgesaugten Schwamm, der plötzlich ausgewrungen wird.
Natürlich entflammte nach der Katastrophe sogleich eine hitzige Diskussion um Verantwortlichkeiten. Wobei US-Präsident Donald Trump der Vorwurf gemacht wurde, dass er durch Kürzung der finanziellen Mittel für den Nationalen Wetterdienst National Weather Service (NWS) und die Klimabehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) samt Personaleinsparungen sowie mit seinen Plänen zur Auflösung der nationalen Katastrophenschutzbehörde Federal Emergency Management Agency (FEMA) einen falschen Weg eingeschlagen habe. Trump wehrte sich gegen diese Kritik mit der Aussage, dass es sich bei der Sturzflut um eine „Jahrhundertkatastrophe“ gehandelt habe, die niemand so erwarten und voraussehen konnte. Das Weiße Haus schob nach, dass die Wetterbehörden ihre Arbeit unabhängig von den Budgetkürzungen auch bei dieser Katastrophe einwandfrei hätten erledigen können. Womit die US-Regierung fraglos nicht ganz unrecht hatte.
Fatale Parallelen zur Ahrtal-Katastrophe
Denn die Qualität der Wetter-Prognosen durch das NWS war auch in diesem Fall sehr hoch. Im Gleichschritt mit anderen renommierten Wetterinstituten der Welt hatte das NWS mehrfach Warnungen vor massiven Niederschlagsmengen in der Region herausgegeben. Die Dringlichkeit der Warnungen hatte es dabei über einen Zeitraum von zwölf Stunden kontinuierlich verschärft, um schließlich rund drei Stunden vor der Tragödie – die ganz nebenbei auch wirtschaftliche Schäden in Höhe von geschätzten 18 bis 22 Milliarden Dollar verursacht hat – vor der Gefahr einer Sturzflut mit katastrophalen Auswirkungen zu warnen. Allerdings wurden daraufhin keine Evakuierungsmaßnahmen eingeleitet – fatal für die Menschen im Katastrophengebiet, denn offenbar hatten nur wenige Betroffene die Warn-Nachrichten auf ihren Smartphones während des Schlafes zur Kenntnis genommen. Ein akustisches Signal mit lautem Sirenenton hatte es in der Region aus Kostengründen nicht gegeben. Insgesamt erinnert das Ganze fatal an die Katastrophe im Ahrtal im Juli 2021.
Nach Meinung der „taz“ war die tödliche texanische Sturzflut „ein Lehrbuch für die Folgen des Klimawandels“. Was renommierte Klimaforscher wie etwa Prof. Bill McGuire vom Londoner University College ganz ähnlich sehen: „Die tragischen Ereignisse von Texas sind genau das, was wir in unserer heißeren, klimatisch veränderten Welt erwarten müssen. In den letzten Jahren haben extreme Wetterereignisse sprunghaft zugenommen.“ Dazu müssten laut Prof. McGuire auch verheerende Sturzfluten gezählt werden. „Das überschwemmt häufig Flusseinzugsgebiete und führt zu schweren Schäden an der angrenzenden Infrastruktur und zum Verlust von Menschenleben. Solche Ereignisse werden immer häufiger auftreten, da die globale Temperatur weiter steigt, angetrieben durch die Kohlendioxidemissionen.“