Nach zwölf männlichen deutschen Astronauten absolvierte die gebürtige Berlinerin Rabea Rogge als erste deutsche Frau vom 1. bis zum 4. April einen Ausflug ins All – im Rahmen einer privat finanzierten Weltraum-Mission.
Am Abend des 31. März gegen 21.45 Uhr Ortszeit, als in Mitteleuropa bereits der 1. April angebrochen war, hob ganz planmäßig eine Falcon-9-Rakete des Raumfahrtunternehmens SpaceX von Tech-Milliardär Elon Musk vom Kennedy Space Center in Florida ab. In der integrierten, Platz für vier Personen bietenden Dragon-Raumkapsel hatte sich eine bunte Crew zusammengefunden, deren Mitglieder über keinerlei astronautische Spezialausbildung bei Esa oder Nasa verfügten. Kommandant an Bord war der 43 Jahre alte gebürtige Chinese Chun Wang, der in seiner Wahlheimat Malta zum Kryptowährungs-Milliardär aufgestiegen ist und der die auf den Namen „Fram2“ nach einem norwegischen Polarforschungsschiff des 19. Jahrhunderts getaufte Weltraum-Mission aus eigener Tasche finanziert hatte.
22 konkrete Forschungsaufträge
Zwei seiner Mitstreiter hatte Wang zuvor bei einer Ski-Expedition im norwegischen Spitzbergen kennengelernt und zur Teilnahme überredet. Zum einen den australischen Polarforscher Eric Philips, zum anderen die 29-jährige gebürtige Berlinerin Rabea Patricia Rogge. Als ausgebildete Elektroingenieurin war sie das einzige Bordmitglied mit einem hochtechnologischen Profil. Sie hatte sich während ihres Studiums an der TU Berlin, an der ETH Zürich und der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität im norwegischen Trondheim sowohl mit der Thematik Raumfahrt als auch mit arktischen Sujets wie der Funktionsfähigkeit autonomer Boote im arktischen Meer befasst. Daher wurde sie zur Pilotin der Raumkapsel ernannt – was völlig unproblematisch war, weil die Dragon komplett vollautomatisch fliegen und von der Erde aus gesteuert werden kann. Eric Philips wurde zum medizinischen Offizier an Bord gekürt. Komplettiert wurde die Crew von der norwegischen Filmemacherin Jannicke Mikkelsen.
Auch wenn die Mission durchaus kritisch als weiterer Mosaikstein des von Milliardären wie Elon Musk, Richard Branson oder Jeff Bezos mit ihren privaten Space-Unternehmen befeuerten Weltraumtourismus für Ultrareiche gesehen werden konnte, hatte sie doch auch konkrete wissenschaftliche Zielsetzungen. Erstmals sollten speziell die Polarregionen der Erde in einer Höhe von 425 bis 450 Kilometern überflogen werden. Auf einer polaren Umlaufbahn sollte die Kapsel innerhalb von vier Tagen ungefähr alle 45 Minuten jeweils einen der beiden Pole passieren. Dabei sollte sie unter anderem Phänomene wie das den Polarlichtern ähnliche Himmelsleuchten erkunden. Insgesamt hatte das Team unter der Führung der wissenschaftlichen Spezialistin Rabea Rogge, die auch über fundierte Informationstechnologie-Kenntnisse verfügt, 22 konkrete Forschungsaufträge von SpaceX, der Nasa und von einigen Universitäten aus Europa und den USA im Gepäck.
Die Experimente konnten dabei grob zwei Kategorien zugeordnet werden: Polarforschung und Erforschung der menschlichen Anpassungsfähigkeit an die Weltraumbedingungen. Für die ETH Zürich wurde beispielsweise anhand von Zellkulturen untersucht, wie sich Struktur und Dynamik des menschlichen Genoms an die Umwelteinflüsse des Alls anpassen können. Außerdem wurden unter anderem die ersten Röntgenbilder im Weltraum mit Hilfe eines mobilen Geräts aufgenommen und Versuche zum Wachstum von Speisepilzen in der Schwerelosigkeit vorgenommen.
Für den Flug selbst und für möglichst erfolgreiche Forschungsergebnisse wurde die Crew im Vorfeld acht Monate lang in Kalifornien geschult. Unter anderem wurden dabei in einer wie ein Hightech-Karussell anmutenden Zentrifuge die extremen Kräfte simuliert, denen der menschliche Körper während eines Raumflugs ausgesetzt ist. Schon vorab hatte Rabea Rogge die Kommerzialisierung der Raumfahrt verteidigt: „Ich denke, dass der Weltraum allen Menschen gehört und dass, wenn wir wirklich als Zivilisation im Weltall leben und arbeiten wollen, wir so viele Daten wie möglich brauchen. Anstatt dass man sagt, man muss ein Supermensch sein, um ins All zu fliegen, ist die Frage doch eher: Wie designen wir das Leben im All so, dass so viele Menschen wie möglich ins All fliegen können? Es geht darum, den Weltraum zugänglicher zu machen, anstatt ihn als exklusiv zu betrachten. Nur so können wir neue, noch interessantere Weltraummissionen planen und die Grenzen verschieben.“
Selbst waschechte Weltraum-Experten wie Dr. Walther Pelzer, Generaldirektor der Deutschen Raumfahrt im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), begrüßten die Mission ausdrücklich: „Bei der Fram2-Mission werden Kurzzeit-Experimente gemacht, die es so auf der ISS eher nicht gibt. Da kommen die Astronautinnen und Astronauten erst einmal oben an, und in den ersten Tagen gibt es nicht viele medizinische Experimente. Insofern können wir einiges lernen.“
716 Menschen waren bereits im All
SpaceX hat zuvor seit 2021 bereits fünf privat bemannte Vorgänger-Raummissionen bewältigt, wobei Fram2 bereits der dritte All-Ausflug ohne einen einzigen ausgebildeten Astronauten an Bord war. Vor allem „Polaris Down“ im Jahr 2024 war spektakulär – nicht nur wegen der Flugstrecke von bis zu 1.400 Kilometern Entfernung von der Erde, sondern auch wegen des Weltraumspaziergangs der Crew. Bei Fram2 blieb die Ausstiegsluke diesmal verschlossen, dafür musste das Team bei der Rückkehr zwei andere Herausforderungen bewältigen. Zum einen war die Dragon erstmals nicht an der US-Ostküste vor Florida, sondern am 4. April gegen 18.20 Uhr bei strahlendem Sonnenschein an der US-Westküste vor Kalifornien im Pazifischen Ozean niedergesegelt. Das war für die Crew noch völlig unproblematisch. Nicht aber der bewusste Verzicht auf den sonst üblichen Sofort-Einsatz einer Bergungsmannschaft wegen der körperlichen Umstellung nach dem Wegfall der Schwerelosigkeit. Stattdessen wollte man das selbstständige Aussteigen der Bordmitglieder aus der Kapsel proben, um Erfahrungen für spätere Landungen auf Mond oder Mars sammeln zu können. Rabea Rogge verließ die Dragon als erstes Teammitglied und streckte die Daumen noch leicht taumelnd nach oben. Wenig später wurde die Crew von einem Bergungsschiff aufgenommen.
Nach zwölf männlichen Astronauten aus deutschen Landen, beginnend mit Sigmund Jähn (DDR) im August 1978 bis hin zu Matthias Maurer im November 2021, war Rabea Rogge die erste deutsche Frau im All. Ungefähr zeitgleich hatten sich im April sogar fünf Frauen im Weltraum aufgehalten. Neben Rogge und ihrer Crew-Kollegin Mikkelsen auf der Fram2-Mission die beiden US-Astronautinnen Anne McClain und Nichole Ayers auf der ISS sowie die Chinesin Wang Haoze auf der Station „Tiangong“. Im Spätsommer 2025 belief sich die Zahl der Personen, die einen Flug ins All zurückgelegt, sprich die Erde mehr als 100 Kilometer hinter sich gelassen hatten, damit auf 716.