Sie ist eine lebende Hollywood-Legende. Die Oscarpreisträgerin ist mit 91 immer noch putzmunter und scharfzüngig wie eh und je. Nach 70 Jahren hat sie sich von der Schauspielerei verabschiedet und widmet sich jetzt am liebsten ihren esoterischen Studien.
In ihren wilden Jahren stand Shirley MacLaine Hollywoods berüchtigstem Playboy – ihrem Bruder Warren Beatty – in Sachen Liebesaffären in nichts nach. Dabei beschränkte sie sich nicht nur auf Filmstars wie Danny Kaye, Robert Mitchum oder Yves Montand. Zu ihrem Beuteschema gehörten auch berühmte Politiker wie Schwedens Premierminister Olof Palme und Kanadas Premier Pierre Trudeau. Sie war das „Ratpack“-Maskottchen von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. und stand im Laufe ihrer 70-jährigen Karriere mit Hollywoodstars wie Jack Nicholson, Peter Sellers, Meryl Streep und Julia Roberts vor der Kamera. Sechsmal wurde sie für den Oscar nominiert. Für „Zeit der Zärtlichkeit“ hat sie ihn 1984 dann endlich bekommen.
„Glück in beruflichen Dingen“
Ihre Bilderbuch-Karriere in Hollywood nahm ihren Anfang 1955, als Alfred Hitchcock sie für den Film entdeckte und in seiner Komödie „Immer Ärger mit Harry“ besetzte. „Ich hatte immer sehr viel Glück in beruflichen Dingen“, meint Shirley MacLaine mit einem vielsagenden Lächeln. Sie war ein echtes Allroundtalent, das tanzen und singen konnte, auf ihre urkomische Art die Leute zum Lachen brachte und auch tragische Rollen mit Bravour meisterte. Das gefiel den Studiobossen in Hollywood, also besetzten sie Shirley MacLaine in allen möglichen Genres. Zum Beispiel in einem Abenteuerfilm wie „In 80 Tagen um die Welt“ (1956), in dem sie die weibliche Hauptrolle der Prinzessin übernahm, sowie im Cole-Porter-Musical „Can-Can“ (1960), im Original „Ocean’s Eleven“-Movie (1960), in der Liebeskomödie „Das Appartement“ (1960), im frivolen Liebesschwank „Das Mädchen Irma la Douce“ (1963) und vielen wunderbaren Filmen mehr. Im Gegensatz zu den glamourösen Filmstars aus jener Zeit verkörperte Shirley MacLaine mit ihrem burschikosen Aussehen, ihrer herzlichen Ausstrahlung und ihrem lässig-eleganten Stil ein modernes, aber zugleich verletzliches und sehr selbstbewusstes Frauenbild.
In den 80er- und 90er-Jahren blühte Shirley MacLaine dann als Charakterdarstellerin noch einmal richtig auf und glänzte in „Willkommen Mr. Chance“ als Ehefrau eines schwerreichen, sterbenden Mannes an der Seite des brillanten Peter Sellers. In dem Mutter-Tochter-Drama „Zeit der Zärtlichkeit“ verdrehte sie sogar Jack Nicholson den Kopf, in dem zartbitteren Drama „Magnolien aus Stahl“ führte sie souverän ein Hollywood-All-Star-Ensemble – von Sally Field über Dolly Parton bis Julia Roberts – an, und in der bitterbösen Komödie „Grüße aus Hollywood“ lieferte sie sich mit Meryl Streep temperamentvolle Wort-Duelle. Auch in den vergangenen Jahren war sie immer mal wieder auf der Kinoleinwand und auch im Fernsehen zu sehen. So in dem TV-Film „Coco Chanel“ (2008) in der Titelrolle, in ein paar Episoden von „Downton Abbey“ (2012) und in „Only Murders in the Building“ (2022).
„Vor Kurzem habe ich damit begonnen, in meinem Haus Fotos aus meinem Leben an die Wand zu hängen. Und ich verbringe jetzt oft viel Zeit davor, um sie mir in aller Ruhe anzuschauen ... Aber denken Sie jetzt nicht, dass ich nur noch in der Vergangenheit lebe“, meint Shirley MacLaine mit einem herzlichen Lachen. „Ich bin sehr wohl noch sehr im Hier und Jetzt.“
Glaubt fest an Reinkarnation
MacLaine glaubt nicht an Zufälle, sondern daran, dass jeder der Architekt seines Lebens ist. „Man kann doch das Leben nur aktiv angehen, es planen und hoffen, dass sich die Träume dann auch erfüllen. Alles, was uns in unserem Leben passiert, hat einen ganz bestimmten Sinn. Nichts ist belanglos. Da ich an Reinkarnation glaube, bin ich mir sicher, dass jedes Leben, das wir schon gelebt haben, auch in das jetzige Leben einfließt. Und uns dabei hilft, uns selbst besser kennenzulernen und zu verstehen. Die Erinnerungen an diese Vorleben sind fest in unserem Unterbewusstsein verwurzelt. Indem ich weit in der Zeit zurückgereist bin und mir viele meiner früheren Inkarnationen angeschaut habe, war ich in der Lage, viel über mich – als die Person, die ich gerade bin – zu erfahren. Es gibt also nicht nur eine größte Erkenntnis, sondern viele.“ Diese sehr gewagten Thesen hat Shirley MacLaine in viele Büchern mit esoterischem Inhalt einfließen lassen.
So berichtet sie von Erfahrungen aus ihren früheren Leben, aber auch von Seelenwanderung, Ufos und Kontakt mit Außerirdischen. MacLaine weiß, dass sie mit ihren Bücher viele Leute vor den Kopf gestoßen hat. Sie nimmt das sehr gelassen. „Was soll’s? Das sind meine Erkenntnisse und meine Wahrheiten. Ich dränge sie niemandem auf. Aber ich werde mich dadurch von meiner spirituellen Reise nicht abbringen lassen und weiter forschen und suchen. Gerade jetzt, wo ich die 90 schon überschritten habe, finde ich das äußerst spannend.“ Bleibt nur noch eine Frage offen: Haben Sie denn keine Angst vor dem Tod? MacLaine schüttelt den Kopf und sagt: „Nein. Wir sterben doch nicht. Wir sammeln neue Leben. Und gehen einfach immer weiter …“