Die BR Volleys peilen auch in dieser Saison ganz klar den Meistertitel an – doch diese Mission gestaltet sich überraschend schwierig. Das erfolgsverwöhnte Team kassierte bereits einige Niederlagen. Woran liegt’s?
Im Jahr 2015 erschütterte der Abgasskandal den Volkswagen-Konzern, es begann die auch durch den Krieg in Syrien ausgelöste Flüchtlingskrise und Großbritannien war noch ein offizielles Mitglied der EU. Es war zudem das Jahr, in dem der deutsche Volleyball-Meister das letzte Mal nicht BR Volleys hieß. Danach kürten sich die Berliner neunmal in Serie zum nationalen Champion, allein der Saisonabbruch 2020 in der Corona-Pandemie konnte den Branchenprimus stoppen. Die Gegner wurden oft mit 3:0 nach Sätzen vom Platz gefegt – auch in Finalspielen. Zu stark war der Kader im Ligavergleich besetzt, zu groß die Unterschiede beim Budget. Zwischendurch liebäugelte Club-Boss Kaweh Niroomand gar mit einem Wechsel in die polnische Liga, weil die Konkurrenzfähigkeit dort größer sei. Doch in dieser Saison könnte sich der Wind drehen. Der Saisonstart deutet zumindest darauf hin, dass der zehnte Meistertitel in Folge für die BR Volleys alles andere als ein Spaziergang wird – wenn es denn überhaupt dazu kommt. Den ersten Titel hat das Team bereits verspielt.
Aus gegen den VfB Friedrichshafen
Im Pokal kam im Halbfinale das bittere Aus gegen den VfB Friedrichshafen. Das Team vom Bodensee schlug den Titelverteidiger knapp mit 3:2 und versetzte ihm bereits zum zweiten Mal in dieser Saison einen Nackenschlag. Schon zum Ligastart hatte der Erzrivale den Rekordmeister mit 3:0 bezwungen – und gehörig ins Wanken gebracht. Danach suchten die BR Volleys lange nach ihrer Form, sie strauchelten in der Liga ungewöhnlich häufig. Zuletzt schien sich die gewohnte Dominanz wieder einzustellen, neun Pflichtspielsiege in Serie gaben Selbstvertrauen. Doch die Pokal-Pleite traf den Dauerchampion ins Mark. „Die Enttäuschung ist riesig“, sagte Trainer Joel Banks über die Niederlage im Tiebreak gegen Friedrichshafen. Besonders bitter war für Geschäftsführer Niroomand, dass der Gegner nicht einmal herausragend spielen musste, um Berlin zu schlagen. „Keine Mannschaft war wirklich gut, am Ende ging es eher darum, wer weniger Fehler macht“, sagte der Deutsch-Iraner: „Wir hätten es nicht verdient, zu gewinnen.“
Das jüngste 3:1 in der Liga bei den Netzhoppers Königs Wusterhausen wurde intern auch nicht als große Wiedergutmachung gefeiert – es war ein Pflichtsieg. Nicht mehr und nicht weniger. Die Schlappe im Pokal ist damit längst noch nicht vergessen. Schlimmer als das pure Ergebnis fand Niroomand, dass sich die Berliner ihrem Schicksal quasi ergeben hätten. „Die Körpersprache hat mir nicht gefallen, die Gesichtsausdrücke waren teilweise hilflos.“ Statt im Finale am 28. Februar 2026 den vierten Pokalsieg in Folge zu holen, sind die Berliner zum Zuschauen verdammt. Das einzig Positive aus dem Spiel ist, dass nun auch dem letzten Berliner Protagonisten klar sein dürfte, dass der fest eingeplante Meistertitel in dieser Saison ein ganz schweres Stück Arbeit werden dürfte. Zumal nicht nur Friedrichshafen, die die Volleys schon in den Jahren zuvor herausgefordert hatten, sondern auch SVG Lüneburg und SWD Powervolleys Düren wie ernsthafte Titelkonkurrenten auftreten. Beide Clubs konnten Berlin in der Liga bereits besiegen.
Vor allem die Niedersachsen aus Lüneburg, die mit zwölf Siegen aus den ersten 13 Spielen herausragend in die Saison gestartet sind, wittern Morgenluft. Sogar etwas zu viel, findet BR-Volleys-Geschäftsführer Niroomand. Man habe alle Clubs in der Vergangenheit zu unterstützen versucht, sagte er, aber „jetzt fängt die Pikserei an“. Diese Aussage bezog sich unter anderem auf einen kessen Spruch von SVG-Geschäftsführer Andreas Bahlburg, der angesichts der leichten Schwäche von Branchenprimus BR Volleys stichelte: „Ich sehe den Berliner Fernsehturm schon wackeln.“ Daraufhin konterte Niroomand: „Der Traum, dass der Fernsehturm wackelt, wird immer ein Traum bleiben.“ Allerdings gab auch der BR-Volleys-Boss zu, dass allen voran Lüneburgs Trainer Stefan Hübner aktuell überragende Arbeit leiste. „Da können wir ihm nur gratulieren, da sind wir auch nicht neidisch“, sagte Niroomand: „Mit zehn neuen Leuten nach zwei Wochen solch eine Leistung aufs Parkett zu bringen – das muss man erst mal hinkriegen.“ Bei den Berlinern passen die Automatismen zwischen den etablierten Kräften und den Neuzugängen dagegen noch nicht so gut. Niroomand, der in den Vorjahren ein sehr glückliches Händchen bei der Kader-Zusammenstellung gehabt hatte, gab sogar Fehler zu. „Wir haben die eine oder andere Entscheidung vielleicht zu früh getroffen“, sagte er mit Blick auf die Spielerauswahl. Der Abgang von Nationalspieler Johannes Tille konnte ganz offensichtlich nicht adäquat ersetzt werden, auf der extrem wichtigen Zuspieler-Position mangelt es an Qualität. Fedor Ivanov wackelt vor allem in brenzligen Situationen zu oft, sein bevorzugter Spielzug auf Diagonalangreifer Jake Hanes ist zu ausrechenbar. Sein 20 Jahre alter Vertreter Arthur Wehner wurde zwar jüngst zum „Nachwuchsspieler des Jahres“ 2025 in Deutschland ausgezeichnet, doch er braucht noch mehr Zeit zur Entwicklung. Gegen nationale Topteams und in der Champions League muss sich Wehner noch gedulden.
„Volleyball lebt vom Automatismus“
„Arthur ist ein Riesentalent“, sagte Niroomand über den Youngster: „In meinen Augen hat er das Potenzial, in zwei, drei Jahren auf Topniveau zu sein und auch in der Nationalmannschaft Druck auf die etablierten Leute auszuüben.“ Doch das ist Zukunftsmusik, für die BR Volleys zählt das Tagesgeschäft. In der aktuellen Lage noch mehr als sonst. Niroomand ist jedoch wenig überrascht, dass der Saisonstart etwas holprig verläuft. „Ich habe nicht erwartet, dass eine Mannschaft durchrauscht“, sagte er. Es sei normal, dass durch Zu- und Abgänge innerhalb des Mannschaftsgefüges gerade in den ersten Spielen nicht alles reibungslos verlaufe. „Wenn man nicht weiß, wie der Pass kommt, ist das frustrierend“, erklärte Niroomand: „Volleyball lebt vom Automatismus.“
Dieser wird zudem dadurch erschwert, dass die Volleys von einem Verletzungspech heimgesucht werden. Der Australier Nehemiah Mote fällt mit einem Muskelfaserriss seit Wochen aus, womöglich kann der Mittelblocker erst Anfang des nächsten Jahres wieder ins Training einsteigen. „Nemo fehlt uns an allen Ecken und Enden“, sagte Niroomand. Bei der Suche nach kurzfristigen Verstärkungen auf der Mittelblocker-Position seien ihm finanziell betrachtet die Hände gebunden, verriet der Geschäftsführer. Es habe keinen adäquaten Ersatz auf dem Markt gegeben, „der bezahlbar ist. Wir verfügen über keine riesigen Rücklagen, das Budget ist in etwa auf null ausgerichtet.“
Noch schlimmer erwischte es Neuzugang Jelle Bosma, für den die Saison nach einer schweren Knieverletzung bereits vorzeitig beendet ist. „Es tut uns natürlich sehr leid für den Jungen, der seit seinem ersten Tag bei uns unheimlich hart trainiert und an sich gearbeitet hat“, sagte Niroomand. Ihm sei klar, dass man beim Kader „auf jeden Fall etwas tun“ müsse. Doch einen Panikkauf schloss Niroomand aus. Dafür ist sein Vertrauen in die Qualität des Kaders (noch) zu groß. Außerdem sind die BR Volleys alles andere als sportlich abgeschlagen, der aktuell kleine Rückstand könnte sogar noch zusätzliche Motivation freisetzen. Die Entscheidung fällt ohnehin in den Play-offs im Frühjahr – und spätestens dann will der Serienmeister seine gewohnte Dominanz zurückgewonnen haben.