Warum ein dicker Bizeps beeindruckt, ein dickes Herz aber beunruhigt
Neulich in der Praxis: Ein sportlicher Mittfünfziger, kräftig gebaut, setzt sich auf die Untersuchungsliege. „Ich habe halt ein dickes Sportherz“, sagt er und lächelt stolz – als wäre das eine Auszeichnung für jahrzehntelanges Training. Es klingt beinahe narzisstisch. Der Arzt nickt freundlich, aber innerlich denkt er: Wenn das Herz tatsächlich dick ist, dann ist das kein Orden, sondern ein Warnschild. Denn medizinisch steckt dahinter oft das Gegenteil. Und das ist gar nicht so leicht zu vermitteln, wenn man jahrelang gelernt hat, dass „mehr Muskel“ automatisch „besser“ bedeutet.
Für den Skelettmuskel ist das ja durchaus korrekt. Wer trainiert, dessen Muskeln wachsen, und das ist wünschenswert. Früher stemmten Menschen Holz, Wasser oder Werkzeuge – nicht um Muskeln zu zeigen, sondern um zu überleben. Heute heißt es Studio statt Schmiede, Hantel statt Heugabel, aber der Effekt ist derselbe. Besonders im Alter können uns kräftige Arme und Beine, ein stabiler Rumpf und ein starker Rücken vor Schäden bewahren. Sie halten uns aufrecht, können uns vor Stürzen schützen, und Training beugt dem schleichenden Muskelabbau, der Sarkopenie, vor. Man kann es nicht oft genug betonen. Kräftige Muskeln, auch wenn sie für viele primär ein ästhetisches Ziel sind, können wie eine Gesundheitsversicherung wirken.
Ganz anders unser Herz. Auch dieser Muskel reagiert auf Belastung. Aber wenn seine Wände dicker werden, ist das meist kein gutes Zeichen. Oft ist dauerhafter Druck im Spiel, im wahrsten Sinne des Wortes erhöhter Blutdruck. In Deutschland hat jeder dritte Erwachsene einen Bluthochdruck. Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter stark zu. Das Herz versucht, sich anzupassen, arbeitet härter, baut Muskelmasse auf. Klingt sportlich, bedeutet aber das Gegenteil. Denn die dickeren Wände machen das Herz steifer, die Füllung schwieriger, die Pumpleistung verschlechtert sich. Langfristig droht Schwäche statt Stärke. Was bleibt, ist ein überfordertes Kraftpaket.
Das echte Sportherz ist vergrößert, aber nicht dick. Die Kammern dehnen sich und erweitern die Herzhöhlen. Jedoch überschreiten die Herzwanddicken in der Regel nicht den oberen Normbereich. Das typische Sportherz ist ein besonders leistungsfähiger und effizient arbeitender Muskel. Regelmäßiges Ausdauertraining kann, muss aber nicht zur Entwicklung eines Sportherzens führen. Das Herz arbeitet dennoch ökonomisch, die Effekte sind gesundheitlich wertvoll. Hingegen führt Krafttraining zu keinen dimensionalen Veränderungen des Herzens, denn der primäre Ansatzpunkt ist die Skelettmuskulatur, deren Dickenzunahme sehr markant sein kann. So erklären sich auch die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, ausdauerorientiertes Training mit Krafttraining zu kombinieren, weil sowohl Motor als auch Karosserie gestärkt werden.
Um das Thema Herz und Sport ranken sich zahlreiche Missverständnisse. Dick soll es nicht sein. Das haben wir eben gelesen. Ein trainiertes Herz ist auch kein Automatismus für ein ganzes Leben. Nur weil man früher schnell und viel gelaufen ist, heißt das nicht, das Herz würde ewig mitlaufen. Alle sportbedingten Anpassungen haben ihr Verfallsdatum, wenn nicht dauerhaft die entsprechenden Trainingsreize gesetzt werden. Auch Olympiasieger und Weltmeister profitieren nicht von ihrer sportlichen Vergangenheit, wenn sie im späteren Leben sportlich inaktiv geworden sind.
Vergessen wir nicht die dunkle Seite des Muskelwachstums. Betroffen ist nicht nur der Leistungssport, sondern auch der Breiten- und Freizeitsport. Wer künstlich mit verbotenen Substanzen wie Anabolika nachhilft, lässt nicht nur den Bizeps wachsen, sondern riskiert auch ein krankhaft verdicktes Herz. Rhythmusstörungen, Durchblutungsstörungen, Herzmuskelschäden und im schlimmsten Fall der plötzliche Herztod drohen. Die Muskeln glänzen, das Herz stöhnt. Es ist ein Wettlauf gegen die eigene Biologie.
Die Moral von der Geschichte: Muskeln sollen wachsen, aber an der richtigen Stelle. Ein dicker Bizeps beeindruckt, ein dickes Herz beunruhigt.