Die Färöer-Inseln sind wie eine andere Welt: schroffe Klippen, endlose Regenwolken und stille Dörfer, in denen Zeit und Natur die Regeln bestimmen. Auf einer der Inseln endet sogar das filmische Leben von James Bond.
Wie ein schmaler Schatten im Nordmeer taucht Kalsoy aus dem Nebel auf. Eine Insel wie ein Messerschnitt durch Wind und Wasser, lang gezogen, karg, unnachgiebig. Fünfzehn Kilometer nur, und doch wirkt sie endlos, eingezwängt zwischen Himmel und Abgrund. Spätestens seit 2021 ist dieser Ort tief im kollektiven Kinogedächtnis verankert. Hier fand James Bond sein filmisches Ende, hoch oben an den Klippen von Kallur. Das Filmteam wählte die abgelegene Insel für „Keine Zeit zu sterben“ aufgrund ihrer unwirklichen, zerklüfteten Landschaft mit steilen Felsen – die perfekte Kulisse für Bonds finalen Einsatz und den ersten Tod der Figur in der Filmreihe. Die letzten Minuten seines Lebens spielen sich hier ab, bevor ein Raketenangriff sein Schicksal besiegelt.
Entstanden sind die dramatischen Bilder, unterstützt von Drohnen, Hubschraubern und aufwendiger Nachbearbeitung. Daniel Craig selbst war nie vor Ort: Der Schauspieler und die Gebäude wurden mithilfe von CGI (Computer Generated Imagery) in die Landschaft eingefügt. Heute steht oben am Leuchtturm ein stilles, fast ironisches Denkmal – ein Grabstein, der an die Filmfigur erinnert. „In Memory of James Bond 1962–2021“, steht darauf. Darunter der Satz „Die eigentliche Funktion des Menschen ist es, zu leben. Nicht zu existieren.“
Eine Wanderung hinauf zum Grabstein ist an diesem Tag allerdings nicht möglich. Es regnet. Das Licht bricht nur kurz durch die Wolken, der Boden ist glitschig, der Fels nass, die Abhänge ungesichert. Kein Ort für Pathos – sondern für Respekt. Die Landschaft setzt ihre eigenen Regeln, und sie verzeiht keine Fehltritte. Ein einziger falscher Schritt, und die Tiefe hat das letzte Wort.
Häuser alle paar Kilometer
Auf den Färöer-Inseln regnet es an 300 Tagen im Jahr. Das Kamerateam verbrachte im September 2019 mehrere Tage auf den Inseln und wartete auf einen regenfreien Tag. Diese Zeit habe ich nicht. Es ist mein letzter Tag auf den Färöern, die mich vor wenigen Tagen mit einer Mischung aus Wildheit und Ruhe empfangen haben, die man so selten irgendwo findet. Ein Panorama, das sowohl einschüchternd als auch faszinierend ist. Steile Klippen stürzen ins Meer, Wasserfälle rauschen wie ungezähmte Bänder von den Felsen, und dazwischen liegen sanfte Hügel, übersät mit Schafen, die verstreut und manchmal in kleinen Gruppen weiden. Häuser, die alle paar Kilometer auftauchen, wirken wie spontane Erscheinungen aus dem Boden – solide, schlicht und in völliger Harmonie mit der Umgebung. Die Straßen winden sich durch die grüne Landschaft.
Manchmal sieht man die Sonne nur scheu durch dichte Wolken brechen, manchmal wirft der Regen eine graue, beinahe surreale Stimmung über die Szenerie. In diesen Momenten scheint die Welt der Färöer wie eine Parallelwelt: abgeschieden, zeitlos, fern von allem Lärm der modernen Zivilisation. Die Hauptstadt Tórshavn selbst wirkt auf den ersten Blick wie ein verschlafenes Dorf. Knapp 20.000 Menschen leben hier. Die bunten Holzhäuser schmiegen sich eng aneinander, die Fassaden leuchten in Rot, Gelb oder Blau, viele Dächer sind mit Gras bewachsen. Über allem kreisen Möwen, Fischerboote schaukeln sanft im Hafen, und in der Luft liegt der Geruch von Salz, Tang und frischem Regen. Mein Hotel liegt hoch über der Stadt, versteckt in einem grünen Hang. Vom Gründach bis zum umliegenden Hügel ist kaum ein Unterschied zu erkennen – man könnte meinen, das Hotel sei einfach aus der Landschaft gewachsen. Mein Zimmer gibt einen weiten Blick frei: Hafen, Stadt und das ferne Blau der Insel Nólsoy. Vor dem Fenster grasen Schafe. Die Gänge des Hotels winden sich den Hang entlang; läuft man einmal alles ab, kommt man auf 900 Meter – eine kleine Wanderung, ohne das Hotel jemals verlassen zu müssen. Eine Randnotiz der Hotelgeschichte ist die Clinton-Suite: 2007 übernachtete hier Bill Clinton – ein Hauch von Weltgeschichte in der abgeschiedenen Natur.
Festung schützte vor Piraten
Am nächsten Morgen hat der Regen nicht nachgelassen. Die geplante Radtour fällt aus, das Regencape wird zur zweiten Haut. Zwei Kilometer bis zum Hafen führen durch ein kleines Wäldchen, dessen Bäume unter der Last des Wassers fast zusammenbrechen. Jeder Schritt auf dem matschigen Boden gluckst, Pfützen spiegeln den grauen Himmel, und das Trommeln des Regens wird zum einzigen Rhythmus des Morgens. Als die Bäume sich lichten, öffnet sich eine stille, fast verlassene Szenerie: Straßen, kaum ein Mensch in Sicht, Gärten glänzen vom Regen, und der Wind flüstert durch die Gassen, als erzähle er Geschichten aus längst vergangenen Tagen. Am Hafen wirkt Tórshavn lebendig auf eine ruhige Art. Fischerboote schaukeln in den Wellen, und das Geräusch von Wellen, die gegen die Kaimauer schlagen, mischt sich mit dem Gekreisch der Möwen.
Tinganes, die Altstadt, liegt auf einer schmalen Landzunge. Kopfsteingepflasterte Gassen führen vorbei an grasbedeckten Holzhäusern, die mit Teer gegen die unbarmherzige Witterung geschützt sind. Hoch darüber thront die Festung Skansin aus dem 16. Jahrhundert, die einst die Inseln vor Piraten schützte. Vom Festungshügel aus kann man den Hafen, die Altstadt und das tiefe Blau des Meeres überblicken – ein Moment, in dem Geschichte und Gegenwart auf eine fast greifbare Weise verschmelzen. Der Wind nimmt zu, der Regen peitscht schräg ins Gesicht, und meine Hände fühlen sich taub an. Das Regencape wird vom Wind immer wieder hochgewirbelt, sodass jeder Schritt gegen die Elemente ein kleiner Kampf ist. Auf dem Rückweg zum Hotel fühle ich mich wie ein unwilliger Teilnehmer in einem Naturdrama, bei dem ich keinen Einfluss auf die Kulisse habe.
Mensch und Natur im Gleichgewicht
Am folgenden Tag bleibt das Wetter launisch. Statt Wanderungen steht ein Roadtrip auf dem Programm: Tunnel, Brücken, Inselwechsel – alles an einem Tag, um die Vielfalt der Landschaft zu erfassen. Erster Halt: der Eysturoyartunnilin, ein 11,2 Kilometer langer Unterwassertunnel, der Streymoy mit Eysturoy verbindet. Unter der Wasseroberfläche befindet sich ein einzigartiger Kreisverkehr, der von einer Lichtinstallation begleitet wird. Metallfiguren stehen Hand in Hand, und ein blaues LED-Band zieht sich wie eine Welle durch den Tunnel. Die Mischung aus Technik, Kunst und Natur erzeugt ein fast surrealistisches Erlebnis – 187 Meter unter dem Meeresspiegel. Draußen bricht die Sonne kurz durch die Wolken, und die Inselwelt wirkt wie frisch gewaschen, glänzend und intensiv in allen Farben. Auf Eysturoy erwartet mich die Skulptur „Tróndur í Gøtu“. Der Wikingerhäuptling lebte vor über tausend Jahren und wehrte sich gegen die Christianisierung der Inseln. Die Figur ist aus einem massiven Steinblock herausgearbeitet. Hans Pauli Olsen, der färöische Künstler, hat in dieser Arbeit Stärke, Widerstand und Auflehnung verewigt. Man kann fast spüren, wie Tróndur die raue Natur um sich herum absorbierte und daraus Kraft schöpfte.
Der Tag vergeht in einem ständigen Wechsel aus Sonne, Regen, Wind und Stille. Die Landschaft verändert sich ständig, Hügel leuchten grün, Wasserfälle glitzern wie flüssiges Silber, und kleine Straßen führen immer wieder zu unerwarteten Ausblicken. Die Färöer wirken wie ein Ort, der sowohl Wildnis als auch Zivilisation in sich trägt, eine Welt, in der Natur und Mensch in einem zarten Gleichgewicht existieren. Am Abend kehre ich ins Hotel zurück. Der Blick aus dem Fenster zeigt die Stadt in einem sanften Dämmerlicht, Schafe grasen weiter unbeeindruckt, und das Meer spiegelt das Grau des Himmels. Die Geräusche des Tages – Regen, Wind, Möwen, das Schaukeln der Boote – hallen noch nach. Es ist ein Moment der Ruhe nach einem Tag voller Bewegung, Begegnungen und Eindrücke. Hier oben auf dem Hang, zwischen Himmel und Meer, spürt man eine besondere Art von Freiheit, die nur solche abgelegenen Inseln vermitteln können: roh, intensiv, wunderschön. Trotz heftiger Regenfälle.