Sie sind die Begründer eines Streaming-Phänomens: die „Stranger-Things“-Schöpfer Matt und Ross Duffer. Doch wer sind die Zwillinge aus Durham, die eine der größten Serien der Neuzeit schufen?
Alles beginnt mit zwei Jungs aus North Carolina, die sich schon früh in Filme verlieben und irgendwann feststellen, dass Geschichtenerzählen genau ihr Lebensraum ist. Matt und Ross Duffer sind Zwillinge. In der dritten Klasse bekamen sie eine Hi-8-Kamera, drehten eigene Filme, experimentierten mit Genre und Ideen. Damals konnte in Durham, wo die beiden Brüder aufwuchsen, wohl keiner wissen, dass diese beiden Jahre später für ein echtes Serien-Phänomen verantwortlich sein würden, das Millionen von Menschen weltweit in seinen Bann ziehen soll: „Stranger Things“.
„Fühlten uns nicht wie richtige Erwachsene“
„Ein großer Teil der Serie ist eine Liebeserklärung an unsere eigene Kindheit“, erzählt Matt. „Für mich geht es im Kern um die Magie der Kindheit“, bestätigt Ross. „Dieses Gefühl wollten wir einfangen.“ Sie wollten eine Atmosphäre erzeugen, in der Freundschaft, Angst, Aufbruch und Unschuld nebeneinander existieren – und Kino, popkulturelle Einflüsse, Achtzigerjahre-Spirit und eigene Erinnerungen miteinander verschmelzen. Sie selbst beschreiben es als „eine Mischung aus echten Erlebnissen und dem, was wir auf der Leinwand erlebt haben“. Viel Inspiration stammt aus Klassikern von Stephen King, Steven Spielberg und John Carpenter.
Von Anfang an war „Stranger Things“ ein Herzensprojekt – und gleichzeitig ein großes Risiko. Viele Sender lehnten die Serie ab, weil die Hauptfiguren Kinder sind, sie aber nicht für Kinder gedacht war. Das Zentrieren auf eine erwachsene Figur wie Sheriff Hopper lehnten die Duffers ab. Sie wussten genau, dass der Reiz darin lag, den Blick der Kids ernst zu nehmen und Kindheit nicht zu verniedlichen. Dass Streaming-Gigant Netflix schließlich „Ja“ sagte, wirkte wie ein Befreiungsschlag. Besonders wichtig ist den beiden bis heute, dass die Serie zutiefst persönlich ist und bleibt. „Als wir die ersten Szenen schrieben, waren wir 30, also erwachsen, ja, aber wir fühlten uns noch nicht wie richtige Erwachsene“, erzählt Matt Duffer. „Wir hatten vorher viele Drehbücher mit erwachsenen Figuren geschrieben, aber das fühlte sich nie echt an.“
Ebenfalls echt ist die fast schon familiäre Bindung zum Cast, besonders dem Hauptcast, der zu Serienbeginn noch in den Kinderschuhen steckte. „Es war surreal, diesen Kindern beim Erwachsenwerden zuzusehen“, sagt Ross Duffer. „Sie waren noch so jung, als die Serie herauskam. Für sie war das Ganze ein riesiger Teil ihres Lebens. Sie sind quasi mit dieser Serie aufgewachsen. Zu beobachten, wie sie zu diesen großartigen jungen Erwachsenen geworden sind, war ein einmaliges Erlebnis, für das wir unendlich dankbar sind.“
Dass diese Zeit nun zu Ende geht, lässt nicht nur die Duffers mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. „Es ist schwer, das in Worte zu fassen“, so Matt Duffer. „Wir waren uns alle einig, dass jetzt der richtige Moment gekommen ist, die Serie zu beenden. Aber in dem Augenblick, in dem man wirklich Abschied nehmen muss – von den Figuren und den Darstellern in diesen letzten gemeinsamen Szenen –, war das einfach unglaublich schwer. Für uns alle.“ Der Drehplan wurde so gestaltet, dass der letzte Drehtag auch wirklich die letzte Szene abhandelte. „Das hat die Stimmung intensiviert“, sagt Ross. Für die beiden sei es besonders wichtig gewesen, dass die Darsteller, die über die vergangenen fast zehn Jahre in ihre Rollen gewachsen sind, zufrieden mit ihrem Finale sind: „Das Drehbuch das erste Mal gemeinsam mit den Schauspielern zu lesen, hat mich nervöser gemacht als die Silvester-Premiere des Finales“, erzählt Matt.
Verantwortung gegenüber der Story
Doch zur großen „Stranger Things“-Familie gehören für die Serienväter natürlich auch die Fans. „Ohne die Fans gäbe es diese Serie gar nicht“, betont Matt. Ihre Unterstützung habe es überhaupt erst möglich gemacht, die Geschichte so groß zu erzählen, wie die Duffers sie sich erträumt hätten. Besonders faszinierend finden sie dabei, dass die Serie ursprünglich eher für Leute „wie sie“ gedacht war – Filmnerds in ihren Dreißigern – und dann plötzlich eine junge Generation im Sturm eroberte. „Es bedeutet uns und auch der Besetzung, die jedes Jahr so viel Herzblut in die Serie hat einfließen lassen, sehr viel, dass die Serie so viele Menschen berührt“, sagt Matt.
Herzblut, das auch in der finalen fünften Staffel steckt. Die Erwartungen an das neun Folgen umfassende Finale waren riesig – nicht zuletzt aufgrund der Wartezeit von rund drei Jahren. Wichtig sei ihnen ein würdevolles und besonderes Ende. „Die Staffel ist insofern besonders“, sagt Ross, „als dass sie direkt im Chaos beginnt.“ Verschnaufpausen? Fehlanzeige! Wichtig sei ihnen dabei aber auch gewesen, ihre persönliche Handschrift nicht zu verlieren. Die Geschichte und ihre Figuren sollten nach wie vor über den Schockmomenten stehen. Was das heißen soll, lässt sich gut an Jim Hopper erklären: „Es gab eine Version, in der er tatsächlich gestorben wäre“, erzählt Matt Duffer. Doch sie entschieden sich anders –
nicht aus Angst vor Fanreaktionen, sondern aus Verantwortungsgefühl gegenüber ihrer eigenen Story. „Wir hatten seine Geschichte noch nicht beendet“, erklärt Ross. Der kreative Prozess war für die Duffers nie ein starrer Plan, sondern ein offener Prozess. So sollte die Serie ursprünglich nur eine Staffel mit den Kindern und dann einen großen Zeitsprung haben. Später war der Plan, die Serie bereits nach Staffel vier enden zu lassen, und erst im Schreibprozess entdeckten sie das Potenzial – und die Notwendigkeit der fünften Staffel.
Und jetzt, nach fünf Staffeln und fast zehn Jahren, soll mit diesem riesigen Projekt und all der Liebe zum Detail, die darin eingeflossen ist, einfach Schluss sein? Auf keinen Fall! Die Planungen zu einem Spin-off – „Stranger Things: Tales from ’85“ – laufen auf Hochtouren. Dieses soll sich allerdings nur das „Bindegewebe“ mit der Originalserie teilen, wie Ross Duffer sagt. Die Figuren und die Handlung sollen eine andere sein, das Universum bleibe aber bestehen. „Es geht eher darum, mit neuen Charakteren neu anzufangen“, erklärt Matt. Das schließe aber Cameo-Auftritte der Original-Helden nicht aus. Wenn auch „kreativ stark involviert“, wie es heißt, werden die Duffers hierbei aber nicht als Showrunner fungieren. Auch im Print-Format geht die Geschichte weiter, zum Beispiel mit einem Nancy-Wheeler-Roman-Spin-off „One Way or Another“, geschrieben von Catilin Schnederhahn.
Auch außerhalb der Stranger-Things-Blase bleiben die Träume der Duffers ambitioniert: Einmal einen echten Kinofilm produzieren, würde ihnen vorschweben. Allerdings nicht um jeden Preis: „Wir möchten nicht wie ein schlechter Roboter arbeiten“, sagen beide entschieden. Viele Autoren in der Branche arbeiten an mehreren Werken zeitgleich, das sei für die beiden keine Option. Reizvoll sei es für das Duo, das einen Vertrag mit Paramount geschlossen hat, auch, sich eines der bestehenden Projekte anzunehmen, wie „Star Trek“, „Transformers“ oder dem neu erworbenen „Call of Duty“-Franchise.
Konkrete Pläne gebe es aber noch nicht. „Wir waren bisher komplett auf ‚Stranger Things‘ fokussiert“, sagt Matt. „Die Arbeit daran macht uns auch wahnsinnig Spaß.“ Ein Spaß, den wohl nur die Magie der eigenen Kindheit hervorbringen kann – wenn aus den weltbekannten Showrunnern plötzlich wieder zwei Jungs aus der dritten Klasse werden, mit der ersten eigenen Kamera in der Hand und einer Vielzahl von Geschichten im Kopf.