Eine Ausstellung in der Gemäldegalerie zeigt „Die Grabbereitung Christi“ von Vittore Carpaccio in seiner restaurierten Pracht. Zugleich eröffnet sie neue Einblicke in Entstehung, Wirkung und kunsthistorischen Kontext.
Wie eine still aufglühende Passion entfaltet sich Carpaccios „Grabbereitung Christi“: Im Zentrum liegt der Leib des Erlösers, aufgebahrt in einer erhabenen Ruhe, die zugleich tiefen Schmerz und feierliche Erwartung in sich trägt. Der Körper Christi, eben noch vom Kreuz auf dem fernen Hügel Golgatha herabgenommen, leuchtet in einer fast überirdischen Klarheit – einer Klarheit, die durch die jüngste Restaurierung in nie gekannter Brillanz wieder erfahrbar geworden ist.
Das großformatige Leinwandbild, das um 1505 entstand, ist in der aktuellen Ausstellung „Hommage an Vittore Carpaccio – Ein restauriertes Meisterwerk und die Malerei Venedigs um 1500“ in der Gemäldegalerie zu sehen. Sie stellt die „Grabbereitung“ in einen inhaltlichen und künstlerischen Kontext, der sich den Besucherinnen und Besuchern bei genauer Betrachtung eindrucksvoll erschließt. Im Mittelpunkt steht das Gemälde des berühmten Renaissance-Meisters, das nun wieder erstrahlt.
Die Restaurierung, die zwischen 2021 und 2024 stattgefunden hat, hat dem Gemälde eine neue Intensität verliehen: Die Farben scheinen aus der Tiefe zu atmen – das Violett der Schatten, das hellscheinende Weiß der Tücher, das Gold des Lichtes über Christus’ Körper. So gewinnt die Szene jene erhabene Würde, die Carpaccio beabsichtigte: ein Moment vollkommener Stille vor der kommenden Verheißung. 1905 gelangte das Meisterwerk in den Besitz der Berliner Museen. Im Laufe der Jahre hatten sich Retuschen und Firnis verfärbt, was die Restaurierung unter Leitung von Babette Hartwieg notwendig machte. Zusammen mit Neville Rowley bildet die inzwischen in den Ruhestand verabschiedete Chefrestauratorin das kuratorische Team der Ausstellung.
Das Gemälde erzählt auch vom leben
Aufgrund der Empfindlichkeit einzelner Farbpartien wurde der nachgedunkelte Firnis vorsichtig mit Mikrofasertüchern, die man zuvor mit Ethanol benetzt hatte, entfernt. Schwer lösliche Übermalungen mussten mechanisch unter dem Mikroskop mit dem Skalpell abgenommen werden – ein zeitaufwendiger, äußerst präziser Prozess. Den Abschluss bildete ein neu aufgespritzter Firnis, der sowohl schützt als auch die Farbtiefe zur Geltung bringt.
Im Besitz der Gemäldegalerie befindet sich auch die „Weihe des Hl. Stephanus“ (1511), die in der aktuellen Ausstellung ebenfalls gewürdigt wird. „Es ist ein Meisterwerk der Erzählkunst“, schwärmt Kurator Neville Rowley.
Wie ein theatralischer Augenblick, in Farbe gegossen, entfaltet sich die Darstellung des Hauptmotivs: Auf der breiten Marmortreppe erhebt sich der heilige Petrus, strahlend wie ein Wächter des Himmels, und legt Stephanus die Hände auf – jener Moment, in dem ein junger Glaubenszeuge zum Diakon geweiht wird. Die Szene vibriert in heiligem Licht, das über die Gewänder gleitet und seit der Restaurierung der frühen 1990er-Jahre mit seiner leuchtenden Tiefe in den Bann zieht.
Doch Carpaccio belässt es nicht bei der Sakralhandlung: Das Gemälde pulsiert vor erzählerischem Leben. Die Menschenmenge im Vordergrund ist ein Mosaik aus Kulturen und Zeiten – byzantinisch anmutende Gewänder, orientalisch wirkende Stoffe und Turbane. So entsteht ein Bild der Vielfalt, als hätte sich die ganze Welt versammelt, um dem Ereignis beizuwohnen.
Leicht zu übersehen, aber ebenso kostbar ist Carpaccios Zeichnung „Der Leichnam Christi“ (um 1510), eine Leihgabe des Kupferstichkabinetts. Sie gewährt einen seltenen Einblick in den schöpferischen Prozess des Künstlers. Als vorbereitende Studie ausgeführt zeugt sie von anatomischer Präzision, die durch das Arbeiten nach einem lebenden Modell erreicht wurde. „Es handelt sich um eine Studie über die Realität: ein Beweis dafür, dass Carpaccios Erfindung doch auf dem beruhte, was er gesehen hatte. Lange Zeit hieß es, die Venezianer würden nicht zeichnen, diese Studie beweist das Gegenteil“, erklärt Neville Rowley.
Von besonders eindringlichem Pathos ist Giovanni Bellinis „Der tote Christus, von zwei Engeln gestützt“ (um 1470/75), das Werk des ersten Lehrers Carpaccios. Der lebensgroße, nahsichtige Körper Christi füllt den Bildausschnitt fast vollständig und steigert so die andächtige Stimmung. Die Engel halten ein rosafarbenes Leichentuch – jenes Tuch, das den Leib Jesu im Grab umhüllte und später von Carpaccio in der „Grabbereitung“ erneut aufgegriffen wurde.
Die Geschichte hinterließ Spuren
Und noch mehr Bellini, unter anderem „Die Auferstehung Christi“ (1475/79), „ein unübertreffliches Beispiel für Transparenz und Poesie“, wie Neville Rowley betont. Für eine Kapelle der Kirche San Michele in Isola geschaffen –
auf einer kleinen, fast vollständig von einem Friedhof bedeckten Insel – entfaltet dieses Gemälde die triumphale Verheißung der Auferstehung. Der Kurator weist auf die Unterschiede zu Carpaccio hin: „Dessen Malerei ist matter, seine Landschaft weniger realistisch. Aber Carpaccio ist sich dessen bewusst und liefert uns eine Landschaft, die selbst eine Geschichte hat, während die von Bellini einfach ‚nur‘ schön war.“ In „Die Heilung des Anianus durch den heiligen Markus“ (1497/99) von Giovanni Battista Cima da Conegliano folgt der Künstler kompositorischen und erzählerischen Strategien Carpaccios. Wie in der „Weihe des heiligen Stephanus“ spielt die Handlung in einer reich ausgestatteten, imaginären Stadt. Figuren mit Turbanen, die Architektur und das geschäftige Treiben erinnern an orientalisch gefärbte Szenerien, wie sie Carpaccio in seinen großen Erzählzyklen entwickelte.
Nicht fehlen in der Ausstellung darf Andrea Mantegna – Freund, Schwager und zugleich Rivale Giovanni Bellinis. Beide Künstler inspirierten einander über Jahrzehnte; ihr Schaffen ist eng miteinander verwoben. Besonders anschaulich zeigt sich das in Mantegnas „Grablegung Christi“ (um 1470/75). Carpaccio dürfte diesen Kupferstich sehr genau gekannt haben, denn zentrale Elemente finden in seiner eigenen „Grabbereitung“ ein Echo.
Während Mantegna den Moment der Klage ins Zentrum rückt, wählt Carpaccio das seltenere Thema der eigentlichen Vorbereitung des Leichnams. So verbindet er Mantegnas dramatische Bildsprache mit einer stärker handlungsbezogenen Perspektive.
Der Rundgang führt schließlich zu Giovanni Bellinis „Doge Leonardo Loredan mit vier Begleitern“ (1507). Die repräsentative Holztafel, die in einigen Jahren wieder im Pergamonmuseum zu sehen sein wird, zeigt den venezianischen Staatschef, umgeben von vier männlichen Figuren, höchstwahrscheinlich seinen Söhnen. Die wechselvolle Geschichte des Gemäldes hinterließ deutliche Spuren: Übermalungen, Freilegungen und zurückhaltende Retuschen dokumentieren verschiedene Restaurierungsphasen und sich wandelnde Auffassungen vom angemessenen Eingriff in ein beschädigtes Werk. Der Zustand macht sichtbar, dass eine derart zerstörte Malschicht die ursprüngliche Qualität von Bellinis Malerei kaum mehr erkennen lässt – selbst modernste Techniken können diese nicht zurückgewinnen.
Für den Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg hatte die „Grabbereitung Christi“ einen so hohen Stellenwert, dass er sie 1929 im „Bilderatlas Mnemosyne“ neben Werken von Donatello und Raffael aufnahm. Für die Sonderpräsentation wurde die entsprechende Originaltafel des Atlas reproduziert. Die Schwarz-Weiß-Abbildungen verblassen neben den bunt-leuchtenden Gemälden der italienischen Meister – aber auch hier empfiehlt es sich, zu verweilen, die Zusammenhänge zu entdecken und die Faszination von Carpaccio zu erleben.