Die Tafeln in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen, sind aber kaum noch wegzudenken aus der Versorgungskette. Ein Besuch bei der Ausgabestelle in Völklingen.
Dieser Dienstagmorgen in Völklingen ist kalt. Frischer Schnee legt sich wie Schaum auf die Straßen, Bürgersteige und vor die Garagen. Doch die Ehrenamtler in der Gatterstraße 13 lassen sich davon nicht abschrecken. Die Wagen fahren vor, halten an der Einfahrt. Türen gehen auf, Körbe werden gereicht und in den Innenbereich gebracht. Die freiwilligen Helfer der Tafel bereiten schon mal alles vor für die Ausgabe, zu der am Nachmittag wieder zahlreiche Kundinnen und Kunden aus Völklingen und Umgebung erwartet werden.
Mehr als 30 Jahre ist es her, dass die Tafel-Bewegung in Deutschland ins Leben gerufen wurde – bereits ins 20. Jahr geht nun die Völklinger Tafel, wie Koordinator Reiner Daschmann erzählt. Er selbst ist seit 15 Jahren dabei, von Anfang an in verantwortlicher Position. Wie die meisten anderen Tafeln bundesweit verzeichnet auch Völklingen in all diesen Jahren einen teils deutlichen Zuwachs an Kundinnen und Kunden. Die Situation hat sich also nicht verbessert. „Wir sind schon fast ein Versorger“, gibt er zu bedenken. Die gestiegenen Kosten seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine belasten Menschen mit wenig Geld besonders stark. Es sind meist Menschen, die vorher gerade so über die Runden gekommen sind und sich nun die hohen Preise für Lebensmittel, Sprit und Energie nicht mehr leisten können. „Das Geld reicht kaum für eine ausgewogene Ernährung oder soziale Teilhabe“, schreibt die Tafel Deutschland auf ihrer Webseite. Dementsprechend zählen zu den Kundinnen und Kunden nicht nur Erwerbslose, Erwerbstätige mit geringem Einkommen sowie Rentner, sondern seit rund vier Jahren eben auch Geflüchtete aus der Ukraine.
Bei der Ausgabe heißt es Schlange stehen
Zwischen Temperaturen am Gefrierpunkt und sozialer Kälte lassen sich die Ehrenamtler den Spaß an der Sache trotzdem nicht vermiesen. Im Aufenthaltsraum trifft man sich, tauscht sich aus, lacht und trinkt wärmenden Kaffee oder Tee zusammen. Rund 30 Helferinnen und Helfer hat die Völklinger Tafel, Marina Bastian ist eine von ihnen. Sie ist seit dem ersten Corona-Lockdown hier engagiert, wie sie erzählt. Sie gehört zu den Fahrer-Teams, die dienstags und freitags zwei Touren jeweils in Zweier-Trupps fahren. „Die kleine Tour hat 35 Kilometer, die große bis zu 80 Kilometer“, sagt sie.
Sie sammeln Nahrungsmittel bei Handelshäusern, Supermärkten und Bäckereien ein, um sie an bedürftige Menschen zu verteilen. Viele Tafeln haben in den zurückliegenden Jahren immer weniger Lebensmittelspenden zur Verteilung erhalten. Mehr als ein Drittel der Tafeln musste bereits einen Aufnahmestopp einführen, da die Lebensmittel nicht mehr reichen, um die Nachfrage zu erfüllen. „Es könnte natürlich immer mehr sein“, sagt Reiner Daschmann über die Spendenbereitschaft. In Völklingen gebe es rund 350 Bedarfsgemeinschaften mit rund 900 armen und bedürftigen Menschen, wie Daschmann hinzufügt.
Einige Tafeln verteilen zudem meist kleinere Mengen an jeden Haushalt oder bleiben länger geöffnet, um so viele Menschen wie möglich zu unterstützen, schreibt die Tafel Deutschland. Viele Ehrenamtler würden psychisch und physisch an ihrer Belastungsgrenze oder bereits darüber hinaus arbeiten. In Kürze gesagt: Durch mehr Kundinnen und Kunden, weniger Spenden und höhere Kosten seien Tafeln extrem gefordert. Trotz der erschwerten Bedingungen engagieren sich die 60.000 Tafel-Aktiven weiterhin unermüdlich und mit aller Kraft gegen Verschwendung und Armut.
Eine weitere Helferin ist Roswitha Schuh. Die 78-Jährige habe sich „gut gehalten“, wie jemand ebenso lachend wie charmant in die Runde ruft. Schuh wohnt in Völklingen und engagiert sich hier von Anfang an. Sie war aus dem Beruf ausgeschieden, las einen Aufruf der Tafel in einer saarländischen Tageszeitung und dachte sich: „Zu Hause dem Staub nachlaufen ist ja auch nix“, wie sie mit einem Schmunzeln erzählt. An jenem Dienstag des FORUM-Besuchs hilft sie beim Sortieren. Obst, Gemüse und „alles, was verderblich ist“, werde vorsortiert, damit die Kundinnen und Kunden schneller bedient werden könnten.
Arbeit mit Engagement und Respekt
Die Völklinger Tafel nahm ihre Arbeit 2006 zunächst als Dependance der Saarbrücker Tafel auf, wie Reiner Daschmann erzählt. „Seit Oktober 2007 sind wir eine eigenständige Tafel unter Trägerschaft der Diakonie“, fügt er hinzu. Die Akzeptanz im Raum Völklingen sei immer noch groß, sodass auch verschiedene Einrichtungen und Privatpersonen sowie die meisten Geschäfte immer wieder Geld- und Sachspenden beisteuern würden. Der Tafel-Gedanke befasse sich auch mit Nachhaltigkeit, denn einerseits gebe es einwandfreie Nahrungsmittel, die nicht mehr benötigt und ansonsten vernichtet würden. Andererseits seien da eben viele Familien und alleinstehende Menschen, die sich in existenzieller Notlage befinden.
„Manchmal denkt man, es reißt nicht ab“, so Koordinator Daschmann über die immer weiter wachsende Warteliste. Der 72-Jährige ist der einzige Angestellte bei der Tafel, da er in einem Arbeitsverhältnis mit der Diakonie Saar steht. Die Einrichtung befindet sich direkt neben dem Haus der Diakonie mit vielfältigen Angeboten für Menschen in sozialen oder persönlichen Schwierigkeiten. Vor dem Engagement der Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler hat er nur Respekt. „Das sind ja auch die Hauptpersonen.“