Viele Träger und viele Ehrenamtler kümmern sich um die Belange von Menschen, die durch verschiedene Situationen in Not geraten sind. Einige leben seit Jahrzehnten auf der Straße – wie Claude.
Natürlich sei es scheiße, in einer bitterkalten Nacht auf der Straße zu schlafen, beantwortet Claude die entsprechende Frage des FORUM-Journalisten. Doch der bald 75 Jahre alt werdende Herr mit den längeren weißen Haaren ist bereits seit 40 Jahren wohnungslos und hat vermutlich bereits derbere Winter erlebt. Die offene Sprechstunde im gut geheizten Büro im zweiten Stock im Haus der Diakonie Völklingen bietet da eine willkommene Abwechslung für sein Anliegen: „Meine Bankkarte wurde eingezogen.“
Für Bürger mit Wohnsitz wäre dies wohl eine banale Angelegenheit. Doch Obdachlosigkeit und Bürokratie vertragen sich nicht. Vor allem, wenn dabei der Postweg eine Rolle spielt. So wandte sich Claude an die Aufsuchende Soziale Arbeit im Haus der Diakonie in der Gatterstraße 13. Dort gibt es seit 2020 das Angebot, sich eine Postadresse anlegen zu lassen, wohin dann beispielsweise Behörden ihre Briefe schicken können. Dieses Angebot steht allen Menschen offen, die ohne festen Wohnsitz sind und ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Völklingen begründen, wie Sozialarbeiterin Sabrina Sofka-Hell erklärt. „Das bietet in Völklingen nur die Diakonie an.“
Claude hat es sich in Großrosseln gemütlich gemacht – so gut es halt geht ohne Obdach. „In Großrosseln war ich der erste Landstreicher, der Geld abgehoben hat“, sagt er, und es klingt ein wenig Stolz mit. Doch eingezogen wurde seine Karte in Baumholder. Claude kommt rum. Er erzählt, dass er nach der Sprechstunde noch nach Merzig fährt. „Ich bin Bettler von Beruf“, sagt er. Und in der Kreisstadt könne er mehr Geld verdienen als in Völklingen. Ein Teil davon wird bereits für die Bahnfahrt draufgehen. Laut bahn.de kostet ein Einzelticket 9,90 Euro. Eine Tageskarte für eine Person ist für 11,60 Euro zu haben – aber nur in der App nutzbar. Claude hat kein Mobiltelefon.
Claude hat eine andere Geschichte. Im hessischen Bad Wildungen kam er zur Welt, arbeitete einst als Koch. Später trat er vor den Altar. „Ich musste heiraten mit Rückenwind“, erklärt er. Sprich: Seine Partnerin war schwanger, und die Eltern bestanden auf die Hochzeit. „Ich war ein braver Sohn damals“, sagt er über seine Entscheidung, die Ehe tatsächlich einzugehen. Doch es gab früh erste Risse: „Für meine Familie war meine Frau nicht gut genug.“ Zwei Jahre nach der Hochzeit dann der Schreck: „Ich kam heim und mein Köfferchen stand vor der Tür.“
Claude kam zeitweise in einer Kirche unter
Seine Frau hatte außerdem das Konto geplündert und hatte auch schnell einen Neuen. Er verschweigt nicht, dass es seinerzeit auch zu Gewaltvorfällen gegen die beiden gekommen sei. Mit der Familie kam er jedenfalls nicht mehr zusammen, auch heute herrscht Funkstille. „Ich hatte nichts mehr.“ Zwischenzeitlich wanderte er 20 Jahre durch Frankreich, lange Zeit mit einem Hund an seiner Seite. Jetzt habe er aber keinen vierbeinigen Gefährten mehr. Seine Mutter habe ihm einst gesagt, er solle hingehen, wo der Pfeffer wächst. Claude war noch nie auf den Mund gefallen und habe geantwortet: „Bis nach Madagaskar kann ich nicht.“
Nun scheint er im Saarland angekommen zu sein. „Ich bleib jetzt hier“, sagt er dementsprechend. Hier kommt er gut zurecht, auch weil er das Team der Diakonie schätzt. Mehrfach lobt er während des FORUM-Gesprächs Sabrina Sofka-Hell und Andreas Meier. „Mit Claude kann man lange reden“, sagt Sofka-Hell. Und auch, wenn 40 Jahre auf der Straße deutliche Spuren an Claudes Körper hinterlassen haben: Ausdruck und Kleidung sind top. Redegewandtheit gehört zu seinem Talent, und einen Mantel sowie weitere Stücke bekomme er von Zeit zu Zeit geschenkt.
Sabrina Sofka-Hell erläutert in Claudes kurzen Redepausen, wie das mit Verwaltungen so ist: „Ämter sind noch immer nicht verknüpft.“ Daher komme es vor, dass die Diakonie-Mitarbeiter alle nötigen Papiere und Unterlagen mühsam zusammentragen und an die jeweils zuständige Stelle weiterleiten – und es dennoch keine Bewegung gibt, weil die Bearbeitungszeit zu lange dauere. „Im dümmsten Fall muss alles von vorne beantragt werden“, sagt sie. Wie im Fall von Claude eben seine Bankkarte. Obdachlose haben in Deutschland grundsätzlich Anspruch auf Bürgergeld, wenn sie sich, wie in seinem Fall, in Deutschland aufhalten oder erreichbar sind.
Daher bieten viele Beratungsstellen, wie hier die Diakonie Völklingen, eine Postadresse an, damit der Leistungsbezug möglich wird. Weitere Leistungen des Sozialstaats für Obdachlose beinhalten gegebenenfalls die Übernahme von Kosten für Notunterkünfte –
sie erhalten nicht automatisch eine Wohnung – oder eine Krankenversicherung über das Bürgergeld sowie Leistungen für Kleidung und Hygiene. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakonie sammeln Hygieneartikel und Kleidung und leiten diese an die Bedürftigen weiter.
Eine Zeit lang hat Claude noch in der Kirche unweit des Hauses der Diakonie übernachtet. Dort habe ihm der damalige Pastor Zugang zu Duschkabine und Bett gewährt. Das Gespräch neigt sich dem Ende zu, und Claude macht noch einen Abstecher ins Café Valz im Erdgeschoss, einem weiteren Angebot der Diakonie. Arbeitslose und ihre Familien, für die der Besuch eines Cafés oder einer Gaststätte kaum erschwinglich ist, können das Café aufgrund seiner sozialen Preise aufsuchen. Dann verabschiedet sich Claude, da bald der Zug nach Merzig fährt. „Vielleicht übernachte ich dort heute auch“, sagt er und greift in die Schale mit den restlichen Weihnachtssüßigkeiten. „Ess ich nachher, wenn ich im Schlafsack liege“, sagt er.