Die Diakonie erfüllt seit mehr als 175 Jahren den Auftrag der gelebten Nächstenliebe in der evangelischen Kirche. Doch in wirtschaftlich und politisch angespannten Zeiten wird die Arbeit schwieriger. Ein Interview mit dem Diakoniepfarrer und Geschäftsführer der Diakonie Saar, Matthias Ewelt, und Abteilungsleiterin Silke Schaum.
Herr Ewelt, Frau Schaum, was unterscheidet die Arbeit der Diakonie aus Ihrer Sicht von den anderen Wohlfahrtsverbänden?
Ewelt: Ich sage immer, dass wir uns im Grunde von unserer Herkunft und Haltung her unterscheiden. Wir beziehen uns auf Gott, der uns unsere Würde als Mensch gegeben hat – unabhängig davon, ob Politiker und Parteien das, was an Menschenrechten und sozialem Zusammenhalt geschaffen wurde, mittragen oder – wie gerade weltweit zu erleben – aushöhlen. Dass spiegelt sich auch in unserer Orientierung wider. Wir leben Nächstenliebe und wir verstehen uns als helfender Arm der Kirche. So wollen wir das auch heute leben, auch und gerade im Umgang miteinander und mit anderen.
Wo ist der kirchlich-diakonische Auftrag heute besonders gefordert – und wo besonders wirksam?
Ewelt: Tatsächlich ist es im Moment ein politischer Auftrag, denn unsere biblische Herkunft orientiert sich an Schwachen, Armen und Hilfsbedürftigen. Wir müssen gerade in diesen Zeiten extremem Reichtum, Egoismus und persönlicher Bereicherung sehr kritisch gegenüberstehen. Besonders wirksam wird das in Angeboten, die wir aus Spenden und Kirchensteuern bezahlen, weil es keine gesellschaftliche Mehrheit gibt. Zum Beispiel für Aufgaben der Sozial-, Schuldner- oder Migrationsberatung, eine Stelle für Haftalternativen für junge Menschen und andere Angebote mehr. Wir äußern uns aber auch politisch öffentlich gegen Hass, Hetze und Verunglimpfung der Schwachen.
Schaum: Wir sind besonders gefordert in der Armutsbekämpfung und unterstützen Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen. Wir sind Sprachrohr für die Schwächsten in unserer Gesellschaft und haben besonders vulnerable Zielgruppen im Blick. Wir fragen nicht nach Herkunft oder Gründen der Lebensumstände. Zudem versuchen wir, aufzuklären, zu sensibilisieren und bestimmte Vorurteile aufzubrechen. Das spiegelt sich in den unterschiedlichsten Fachgebieten der Diakonie wider. Unser Auftrag wird unmittelbar in der Nähe der Menschen wirksam.
Wie würden Sie den Status quo der Sozialen Arbeit beschreiben?
Ewelt: Wir sind unter Druck und auch die Menschen, um die es geht. Diejenigen, die am Rand der Gesellschaft stehen, werden beschämt, verdächtigt, kontrolliert. Zugleich wachsen bei uns Superreichtum und die Einflussnahme auf die Politik. Auf der anderen Seite werden die sozialen Netzwerke, die es braucht, unter das Diktat der Bezahlbarkeit gestellt. Steuerflucht und Steuervermeidung werden dagegen als Kavaliersdelikt missverstanden. Dabei sprechen die Dimensionen der Geldbeträge, um die es geht, eine eindeutige Sprache. Das ist eine Entwicklung, die wir entschieden verurteilen, weil menschliches Miteinander hauptsächlich geprägt ist durch soziales Miteinander und dieses ist immer durch spürbare Gerechtigkeit zu flankieren. Auch unzureichende Finanzierungsmodelle setzen uns unter Druck. Gute Projekte werden gestartet, mitunter enden sie aber nach kurzer Zeit wieder. Unsere Mitarbeitenden wissen oft nicht, ob es weitergeht. Es fehlt bei manchen der Projekte die notwendige langfristige Perspektive, damit sie wirksam werden können. Es gibt Beispiele, in denen das besser gelingt, im Saarland zum Beispiel seit Jahrzehnten in der Gemeinwesenarbeit.
Welche Herausforderungen sind in den vergangenen Jahren besonders gewachsen?
Schaum: Wir haben immer mehr mit komplexeren Bedarfen der Klienten zu tun. Zugleich stehen wir vor der Herausforderung, auf Mittelkürzungen zu reagieren und nur auf befristete Mittel zurückgreifen zu können. Angesichts der aktuellen Notlagen müssen wir schauen, welche Angebote möglich sind, und die mit entsprechendem Fachpersonal besetzen. Auch im sozialen Bereich wachsen die Mitarbeitenden nicht auf Bäumen. Dabei ist es schon so, dass die Mitarbeitenden sehr flexibel sind.
Wo stoßen die rund 140 Einrichtungen der Diakonie Saar an strukturelle Grenzen?
Schaum: Der Bedarf lässt uns fragen, wie wir das Angebotsportfolio sinnvoll erweitern können. Die Faktoren Zeit, Refinanzierung und personelle Besetzung geben aber strukturelle Grenzen vor.
Ewelt: Oder die politische Entwicklung spielt hierbei eine Rolle. Wenn die Regierung wechselt, werden oft die Rahmenbedingungen entscheidend verändert. Es wäre meines Erachtens sinnvoller, Politik nach sozialwissenschaftlichen Standards und Erfolgen zu machen und weniger nach Couleur oder Richtung. Vor allem braucht es einen langen Atem, weil all die Dinge, die unsere Klienten mitbringen, uns einen langen Atem abverlangen.
Gibt es Bereiche, in denen die Nachfrage seitens der Klientinnen und Klienten besonders stark angestiegen ist?
Schaum: Übergreifend würde ich tatsächlich die Armutsbekämpfung nennen. In meiner Fachabteilung speziell stehen die Themen Wohnungsnot, Wohnraumverlust oder Obdachlosigkeit im Vordergrund. Die aktuelle Wohnungsknappheit steht schnellen Lösungen in diesem Bereich oftmals im Weg. Darüber hinaus ist es oft schwierig, Vermieter zu finden, an die wir Klienten vermitteln können. Die Zahl der Postmeldeadressen für wohnungslose Menschen ist allein bei der Diakonie in Saarbrücken in den letzten Jahren von 160 auf knapp 500 angewachsen.
Weiterhin bringen die Betroffenen noch viele andere Problemlagen mit, die auch bearbeitet und begleitet werden müssen. Zum Beispiel sind vor allem psychische Belastungen ein weiteres großes Thema in vielen Einrichtungen. Wir befürchten eine weitere Zunahme und dass mehr Menschen mit komplexen Problemlagen auf uns zukommen werden.
In welchen Problem- und Lebenslagen wenden sich Menschen heute vor allem an die Diakonie?
Ewelt: Wir erleben, dass die Integration von Migrantinnen und Migranten schwieriger wird. Diese Menschen dürfen zunächst nicht arbeiten, auch wenn sie wollen. Und dann sollen sie auf einmal Deutsch können und Arbeit suchen und sich integrieren. Aber oft ist es schwierig, einen Deutschkurs oder eine Qualifizierungsmaßnahme zu finden, die niederschwellig genug ist. In der Sozialberatung erleben wir auch ein sich weiter zuspitzendes Problem. Die Familien selbst stehen immer mehr unter Druck. Das bemerken wir in der Jugendhilfe, in der die Zahl der Inobhutnahmen aufgrund familiärer Schieflagen gestiegen ist. Allgemein könnte man sagen, dass die Lebensräume zunehmend durch Armut, Migration und fehlenden Zugang zu Arbeitsmarkt und Ausbildungsplatz in Gefahr sind. Natürlich ist auch die Pflege ein großer Teil unserer Aufgaben.
Haben sich die Bedürfnisse der Klientinnen und Klienten in den zurückliegenden Jahren verändert?
Ewelt: Früher ließ sich die Klientel auf eine bestimmte Gruppe eingrenzen, doch mittlerweile wird das Angebot von immer mehr Menschen in Anspruch genommen. Ein Beispiel sind die Tafeln. Es kommen immer mehr ältere Menschen, die früher nie dorthin gegangen wären.
Wie erleben Sie die Stimmung derzeit unter den mehr als 650 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den rund 200 ehrenamtlich Engagierten der Diakonie Saar?
Ewelt: Diesen Druck, immer mehr Menschen mit immer deutlicheren und vielfältigeren Problemen beraten zu müssen, spüren unsere Mitarbeitenden natürlich auch massiv, wobei ich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als sehr motiviert wahrnehme. Auch sie sehen, wie die Diakonie insgesamt, einen Sinn darin, Menschen Hilfe zukommen zu lassen und sie zu unterstützen. Als großer und stabiler Arbeitgeber geben wir natürlich auch Sicherheit. Wir bieten Möglichkeiten des Wechselns in unterschiedliche Fachbereiche und Angebote. Es gibt ganz viele bei uns, die im Lauf ihrer Berufsbiografie die Arbeit, aber selten den Arbeitgeber gewechselt haben. Das ist eine positive Entwicklung. Und offenbar genießt die Diakonie als Arbeitgeberin auch einen guten Ruf.
Schaum: In meiner Fachabteilung nehme ich die Mitarbeitenden motiviert, engagiert und solidarisch wahr. Sie brennen tatsächlich für ihre Arbeit. Deshalb beteiligen sich Mitarbeitende auch aktiv an der Weiterentwicklung unserer Angebote. Oftmals kommen sie von sich aus auf uns Führungskräfte zu und sagen, was ihnen auffällt. Zum Beispiel geht es darum, dass Menschen durchs Raster fallen, weil der Zugang zu hochschwellig ist. Ein anderes Beispiel für gelebte Partizipation ist unser Leitbildprozess, der bewusst offengehalten war und an dem sich eine große Zahl von Mitarbeitenden beteiligt hat.
Wie bewerten Sie die aktuelle Unterstützung vonseiten der Kommunen, von Land, Bund und EU für Soziale Arbeit?
Ewelt: Sie wird gewollt und gern gesehen, steht aber immer unter Finanzierungsvorbehalt. Das berichten alle diakonischen Träger im Saarland. Die Verhandlungen für Entgelte werden schwieriger und komplexer, weil die Kassen leer sind. Nicht selten fehlt der Blick auf die Wertschöpfung in der sozialen Arbeit. Und auch der Blick dafür, dass wir nur soziale Arbeit leisten können, die wirklich auskömmlich bezahlt wird. Wir schütten keine Gewinne aus, sondern das Geld bleibt in der Arbeit für Menschen. Daher müsste klar sein: Das Geld, das hier reinfließt, kommt den Bürgerinnen und Bürgern zugute.
Schaum: In der Industrie müssen Produkte in einer gewissen Zeitspanne fertiggestellt werden. Bei uns sieht das anders aus. Die Menschen sind verschieden, der eine braucht ein bisschen länger als der andere. Es braucht eine gewisse Anlaufzeit, bis sich positive Entwicklungen einstellen. Ein anderer Punkt ist die aus unserer Sicht zu starre Sozialgesetzgebung, die in Rechtskreise unterteilt ist. Wir als Wohlfahrtsverband vor Ort haben zwar Ideen, wie man bestimmte Dinge miteinander verschmelzen kann. Dennoch machen wir oft die Erfahrung, dass Rechtskreise und Kostenzugehörigkeiten kein „Dazwischen“ zulassen.
Können Sie ein Beispiel aus der Praxis geben?
Ewelt: Es geht hier um die aus unserer Sicht problematische Versäulung. Angenommen, ein über 70-jähriger Alkoholabhängiger ist gleichzeitig pflegebedürftig, hat psychische Probleme und ist auf Sozialleistungen angewiesen, lebt vielleicht auch noch auf der Straße. Die Übernahme der Kosten der Pflege, die psychische Betreuung sowie die Beratung für sein Alkoholproblem bewegen sich in mehreren Rechtskreisen, die von unterschiedlichen Ämtern betreut und finanziert werden müssen, die jeweils eigene Antrags- und Genehmigungswege haben, die sich nicht immer ergänzen.
Welche Veränderungen in der Sozialpolitik wären aus Ihrer Sicht dringend notwendig?
Ewelt: Kurz gesagt eine Vereinfachung, eine verlässliche und langfristige Finanzierung und eine stärkere Förderung von Präventionsangeboten. Damit zum Beispiel die Integration von Migranten gelingt, braucht es eine klare Linie auf allen Ebenen (EU, Bund, Land, Kommunen) und konzertierte Aktionen. Außerdem ist die Anerkennung dessen wichtig, was Migranten mitbringen. Wir würden gerne noch mehr weg vom
Flickenteppich oder sogar der Gießkanne von Sozialleistungen zu abgestimmten, integrierten und nachhaltig angelegten Hilfen kommen.
Die Diakonie Saar hat sich zusammen mit fünf anderen Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege in der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Saar zusammengeschlossen. Wie wichtig ist die Liga Saar, um auch auf sozialpolitische Veränderungen aufmerksam zu machen?
Ewelt: Die Liga positioniert sich politisch auf allen Ebenen. Einerseits, um deutlich zu machen, was freie Wohlfahrt ist und leistet. Und andererseits, um darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig unser Auftrag zur Stabilisierung der Demokratie ist. Eine Trägervielfalt muss dafür unterstützt, gefördert und ausreichend finanziert werden. Die Liga positioniert sich gegen Angriffe, die unsere Klientel als faul und selbst schuld brandmarkt. Das können wir flächendeckend eben gerade nicht sagen, im Gegenteil. Mit der passenden Unterstützung gelingen Lebenswege.
Wohin steuert die Soziale Arbeit in Zukunft?
Ewelt: Ich kann sowohl einen pessimistischen als auch einen optimistischen Ausblick in die Zukunft geben. Das gesellschaftliche Klima scheint derzeit in einfache Antworten und Angriffe gegen die Schwächsten zu driften. Kürzungen und Verleumdungen scheinen aufgrund der Finanzlage und politischen Entwicklung zuzunehmen. Es wird daher unser Einsatz gefragt sein. Optimistisch stimmt mich jedoch die Diskussion mit der demokratischen Mehrheit in unserer Gesellschaft. Für die guten Errungenschaften des Sozialstaats wird leidenschaftlich eingetreten. Nach wie vor werden konzertierte und nachhaltige soziale Investitionen getätigt. Das ist der richtige Weg!
Schaum: Es wird insgesamt herausfordernd werden, nicht nur für die Diakonie, sondern für die sozialen Träger der Freien Wohlfahrtspflege insgesamt. Ich bin einerseits optimistisch gestimmt, weil es immer noch genügend Stimmen gibt, die den Wert der sozialen Arbeit erkennen. Aber wir werden in Zukunft eine andere Zusammensetzung der sozialen Arbeit haben. Trotzdem werden wir in naher Zukunft auch weiterhin da sein und zeigen, wie der Sinn und Nutzen unserer Arbeit ist, für die Menschen, die uns anvertraut sind.