Sie begleiten Menschen ohne Wohnung, feste Struktur und oft ohne Perspektive. Die Aufsuchende Soziale Arbeit greift dort, wo klassische Hilfesysteme an ihre Grenzen stoßen. Ein Tag mit einer Mitarbeiterin der Diakonie in Völklingen zeigt, was nötig ist, um Menschen vom Rand der Gesellschaft zurück ins Leben zu holen.
Es ist Winter. Die Sonne ist schon aufgegangen, aber der Himmel ist bedeckt und sorgt dafür, dass es draußen noch recht düster ist. Andreas Meier bekommt einen Anruf seiner Kollegin Sabrina Sofka-Hell. Die Kollegin ist schon im Büro, Meier noch unterwegs: „Schau mal, ob du Thorsten findest. Er hat sich mit Nadine gezofft und ist wortlos abgehauen. Heute um zehn ist sein Termin auf dem Bürgeramt.“ Meier dreht eine Extrarunde. Die Streetworker kennen die Plätze, an denen sich ihre Klienten in der Regel aufhalten, wie ihre Westentasche.
Und auch heute findet Andreas Thorsten (Name von der Redaktion geändert) auf Anhieb. Es geht ihm gut, er hat seinen Termin auf dem Schirm, verspricht, noch vorher bei Sabrina Sofka-Hell vorbeizuschauen. Thorsten soll heute seinen vorläufigen Personalausweis beantragen. Dafür bekommt er das nötige Geld für Passfotos und das Dokument sowie weitere genaue Anweisungen.
Thorsten ist 39, aktuell wohnungslos und auch in allen weiteren Belangen etwas „lost“, wie man heutzutage sagt. „Er ist einer von vielen meiner 86er. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich habe einen Haufen junger Männer aus diesem Jahrgang, die Schwierigkeiten mit ihrem Leben haben.“
Thorsten ist zumindest heute auf einem guten Weg. Er ist nicht nur, wie vereinbart, aufgetaucht und zum Bürgeramt gegangen, um erfolgreich den vorläufigen und auch schon den richtigen Ausweis zu beantragen, er führt auch telefonisch noch im Beisein seiner Streetworkerin ein unangenehmes Gespräch mit seinem ehemaligen Vermieter. „Ich habe oft einen Drang, draußen zu sein, muss meine Runden drehen“, erklärt der 39-Jährige. Derzeit wohnt er bei einer Bekannten, aber auf lange Sicht wollen die Mitarbeiter des Hauses der Diakonie in Völklingen für ihn eine neue Bleibe suchen.
„Streetworker gab es hier damals nicht“
„Die Leute von der Straße zu holen und sie auf Spur zu kriegen, ist unser Ziel. Klappt nicht immer, aber oft“, erklärt Sofka-Hell. Sie ist Diplom-Sozialarbeiterin, ihr Kollege Andreas Meier Sozialarbeiter und Sozialpädagoge. Ich begleite sie einen Tag lang und kann schon nach einer Stunde abschätzen – ein Arbeitstag vergeht wie im Flug. Es gibt wahnsinnig viel zu tun.
Von neun bis elf Uhr ist an diesem Dienstag Sprechstunde. Alle Klienten können an diesem Tag oder am Donnerstag zur gleichen Zeit bei ihr oder ihrem Kollegen Andreas Meier vorbeikommen, über alles Erdenkliche reden. Aber auch Anträge jeglicher Art werden gemeinsam ausgefüllt. Vom Antrag auf Kindergeld, auf Grundsicherung oder Betreuung – heute ist alles dabei. Hinzu kommen fast zehn Anträge auf eine Postadresse. Eine solche beantragen muss, wer keinen festen Wohnsitz hat, aber eine Anschrift für Bezüge von Sozialleistungen vom Staat benötigt. 65 sind es allein in Völklingen, die hier im Haus der Diakonie ihre Postadresse haben. Im Raum Saarbrücken sind es mit 459 noch deutlich mehr.
Angefangen hat hier in Völklingen alles in den 1980er-Jahren mit einem klassischen Arbeitslosentreff. Dann kam Sozialberatung dazu, Anfang der 90er Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, irgendwann dann Migrationsarbeit wegen der steigenden Zahlen von Migranten. Sofka-Hell kam 2011 mit der Aufsuchenden Sozialen Arbeit dazu. „Streetworker gab es hier damals nicht. Verschiedene Träger konnten sich damals bewerben. Die Diakonie hatte damals in der Landeshauptstadt Saarbrücken schon einen Standort und hat dann den Zuschlag bekommen. So begann meine Arbeit hier. Aufsuchend bedeutet tatsächlich, dass wir schauen, wo sich Menschen draußen aufhalten und Hilfe benötigen. Wir haben alles schrittweise aufgebaut. Damals haben sich viele Klienten am Marktplatz und in öffentlichen Toiletten getummelt. Das Projekt hat sich rumgesprochen, und mit der Schließung vieler öffentlicher Zufluchtsorte wurden wir sozusagen beliebter. Wir bieten zweimal die Woche eine Sprechstunde an. Ganz ohne Termine. Da kann jeder vorbeikommen, der ein Thema mit Wohnen hat. Wir vergeben hier auch die Postadressen. Das ist miteinander verankert.“ An Sprechstundentagen erfolgt auch die Postausgabe, die der Briefträger sammelt und hier bündelweise abgibt. Wer eine Postadresse hat, ist allerdings auch verpflichtet, sich zweimal die Woche – an den besagten Tagen – zu melden. Einmal muss persönlich vorbeigeschaut werden, an dem anderen Termin reicht ein Anruf. Die Behörden wollen so sichergehen, dass sich die Personen, die Leistungen beziehen, sei es Bürgergeld oder Rente oder sonstiges, noch an diesem Ort befinden. Das ist gesetzlich geregelt.
„Auch Berufstätige sind betroffen“
Menschen, die hierher kommen, sind – anders als viele vermuten – nicht ausnahmslos Menschen, die von der Gesellschaft verstoßen wurden oder durch eigenes Verschulden in eine missliche Lage geraten sind. Unter den Postadressenbeziehern sind auch viele Berufstätige. „Wieso hat jemand mit Arbeit keine Wohnung?“, will ich wissen. „Es gibt nicht wenige, die nach Trennungen Unterhalt zahlen müssen und das Geld einfach nicht reicht, um eine eigene Wohnung zu mieten. Da wird dann beispielsweise im Auto geschlafen, bei Bekannten, auf der Arbeit, im Sozialraum, in Zelten oder Wohnwagen“, klärt mich die Streetworkerin auf.
Bei den Berufstätigen wird die Ausgabe der Postadressen dann an die Arbeitszeiten angepasst. „Genau so haben wir das auch mit Gymnasiasten beziehungsweise Oberstufenschülern gemacht. Darum kümmert sich allerdings mittlerweile der Jugenddienst vom SOS-Kinderdorf, um alle bis 25.“
Der Anteil männlicher Klienten liegt bei 60 Prozent, der Rest sind Frauen. „Männer sind nun mal die, die nach einer Trennung oder Scheidung in der Regel die häusliche Wohnung verlassen. Nach Unterhalt an Ehefrauen und Kinder und mit einer Beschäftigung im Niedriglohnsektor ist kein Geld mehr für die Miete da. Diese Verhältnisse dauern oft auch sehr lange an. Im Schnitt haben die Männer 18 bis 20 Wochen eine Postadresse bei uns, Frauen sogar 24 Wochen. Denn Frauen mit Kindern müssen oft länger suchen, bis sie einen Vermieter finden, der Interesse daran hat, ihnen eine Wohnung zu überlassen. Für viele bedeuten alleinstehende Frauen mit vielen Kindern Stress und Lärm, Kinderwagen, die im Flur stehen und andere Bewohner stören könnten – so erklärt sich das.“
Wohnprojekte und WGs werden angenommen
Ein weiteres Thema für die Klienten und ihre Sozialarbeiter sind Banken. Diese haben eine Selbstverpflichtung, ein Konto für alle Menschen anbieten zu müssen, egal ob Schufa-Einträge oder Schulden. Dieser Pflicht kommen viele Geldinstitute aber nicht nach. „Wenn wir die Zeit haben, begleiten wir Klienten zu Bankterminen und pochen auf dieses Recht und die Selbstverpflichtung. Aber die Zeit haben wir oft nicht. Wir haben in der Regel 300 Klienten, die wir begleiten. Neben diesen bürokratischen Hürden, die wir begleiten, gehen wir auch gemeinsam auf Wohnungssuche, klappern Vermieter ab, gehen mit zu Wohnungsbesichtigungen. Wir schauen nach Schlafplätzen und sehen, wie es den Leuten geht. Unten im Sozialcafé bekommt jeder, der Hunger hat, ein kostenloses Frühstück und Mittagessen. Unsere Devise lautet: Wir gucken nicht beim Hungern zu. Das wird dann aus Spenden bezahlt. Von diesen Geldern zahlen wir auch andere Dinge. Neulich habe ich für 150 Euro Unterwäsche gekauft und verteilt. Wir nehmen aber auch Hausrat, Schlafsäcke, Kleidung. Wer online spenden möchte, sollte im Verwendungszweck das Projekt ‚Aufsuchende Soziale Arbeit Völklingen‘ eintragen – so ist sichergestellt, dass es direkt bei uns landet und wir unsere Klienten versorgen können“, erläutert Sofka-Hell.
Der Arbeitsalltag geht aber weit über Papierkram und behördliche Angelegenheiten hinaus. Es gibt nämlich auch eine sehr aktive Freizeitgruppe. Da werden Ausflüge unternommen, Kulturangebote wahrgenommen, gemeinsame Frühstücke veranstaltet: „Wir fahren dann mit allen, die Lust haben, in ein Museum, in den Wildpark, besuchen Konzerte und, und, und. Jetzt, im Januar, wird geplant, welche Aktionen wir einmal im Monat das Jahr über angehen, und sammeln dann Gelder. Viele Unternehmen kooperieren mit uns und erlassen dann den Eintritt zu verschiedenen Veranstaltungen.“ So viel zu den Aufgabenbereichen der Aufsuchenden Sozialen Arbeit. Zurück in den heutigen Arbeitstag. Punkt neun Uhr klingelt das Telefon von Sabrina Sofka-Hell. Die erste Klientin steht auf der Matte. Jetzt beginnt der praktische Teil des Tages mit der offenen Sprechstunde. Die erste heute ist Maria (Name von der Redaktion geändert). Sie ist 69, trägt eine fluffige Wollmütze, ihr weißes Haar blitzt darunter hervor. Sie ist ein wandelndes Lexikon. Nach der Begrüßung unterrichtet sie uns über die genauen Lebensdaten von Elisabeth von Österreich und spannt den Bogen zu Romy Schneider, referiert über die familiären Verhältnisse. Bei den Frauenfrühstücken hat Maria, während die anderen gegessen haben, immer alle mit ihrem Wissen und den damit verbundenen Geschichten unterhalten. Nun sitzt sie heute hier, weil sie eine neue Bleibe sucht. In der Dachkammer, in der sie zurzeit lebt, kann sie nicht auf Dauer bleiben, das Ganze ist sehr provisorisch. Bei der winterlichen Witterung besser als nichts, aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Ein anderes Wohnangebot hat sie vergangene Woche in Eigeninitiative gefunden und auch schon alles in die Wege geleitet. Nach reiflicher Überlegung ist sie aber zu dem Schluss gekommen, dass das Katzenhaus in einem anderen Ort vielleicht doch nicht das Richtige für sie sei. Sie ist hier in der Sprechstunde, um die Dame anzurufen und abzusagen. Ein eigenes Handy hat sie nicht. Vom Büro aus kann sie nun den Anruf tätigen. Außerdem können Klienten unten im Café telefonieren, am Computer arbeiten und Unterlagen ausdrucken.
Zurück zu Marias Wohnsituation. Sofka-Hell hat eine zweite Option für sie. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft bietet der Diakonie Wohnungen an, die für mehr als eine Person geeignet sind. Mit Wohngemeinschaften hat das Haus der Diakonie bisher recht gute Erfahrungen gemacht. Maria könnte eine WG mit einem Herrn von 74 Jahren aus dem Klientenkreis gründen. Ob das passt, wird im Laufe einer Woche erprobt. Das Kennenlernen ist bereits geplant, eine Besichtigung der Räume auch. Maria kommt morgen wieder, mit Termin außerhalb der Sprechstunde, um ihren Antrag auf aufstockende Leistungen zu stellen, da sie nur eine minimale Rente bekommt. Beim Rausgehen fragt Maria nach einer Dose Ravioli. Dafür gibt es einen Schrank mit Konserven und Hygieneartikeln, erklärt Sofka-Hell. Mal ist der Schrank prall gefüllt, mal herrscht Ebbe. Heute ist nichts da, aber die Diplom-Sozialarbeiterin fragt bei der Tafel nach, die unten im Haus angeschlossen ist, ob sie ihr noch eine Kleinigkeit mitgeben könnten. Oder einen Gutschein fürs Mittagessen im Wintercafé gegenüber. Maria ist eine intelligente Frau, die sogar studiert hat, wortgewandt und belesen ist. Aber das Leben meinte es nicht gut mit ihr. Massive Gewalterfahrungen in der Kindheit führten später zu Problemen. Sie hat Schwierigkeiten, Ordnung zu halten. Das aber auch nur bedingt. Im Zusammenleben mit Männern war sie durchaus in der Lage, den Haushalt zu schmeißen. Verlorene Seelen wie sie gibt es viele. Und darum ist es so wichtig, diese Menschen vom Rand der Gesellschaft wegzuholen und ins Leben zu integrieren.
Auch dabei bei Schlüsselübergaben
Nachdem sich Maria zufrieden verabschiedet hat, geht es Schlag auf Schlag. Ein Klient folgt auf den nächsten. Alle bringen sie ihre Unterlagen mit, Mahnschreiben, finanzielle Forderungen, und alle haben sie ihr Päckchen zu tragen. Probleme mit den Teenagerkindern, mit Drogen oder Alkohol, Depressionen oder Stress mit dem Expartner oder der Ehefrau. All das kommt hinzu. Sabrina Sofka-Hell und Andreas Meier sind auch ein bisschen wie Mutter und Vater ihrer Klienten – wenn sie an Termine erinnern, darum bitten, aufzukreuzen und auch im übertragenen Sinn Tritte in den Hintern verteilen. Denn alles können sie nicht lösen. Schon gar nicht ohne die Mithilfe der Klienten. Viele Anträge ziehen sich durch den bürokratischen Aufwand und trotz genauer Sachkenntnis der beiden Experten über Monate hin. „Da pochen wir natürlich darauf, dass die Leute bei ihren Terminen im Jobcenter oder auf dem Bürgeramt aufkreuzen, um weitere Verzögerungen zu vermeiden. Meistens klappt das“, sagt Sofka-Hell.
Bis zur Mittagspause kommen noch fünf weitere Klienten. Mit Anträgen, persönlichem Stress, Unterlagen, die sie einreichen, dem Antrag auf eine Postadresse oder sonstigen Belangen. Die zweistündige Sprechstunde vergeht wie im Flug. „Genug Zeit bleibt mir eigentlich nie. Ich komme selten hinterher. Aber es wäre auch nicht anders, würde ich länger arbeiten“, sagt Sofka-Hell. Den anderen Teil ihrer Vollzeitstelle widmet sie dem Ambulanten Wohnen und allem, was sonst noch dazugehört, außer dem Aufsuchen der Leute, die sie betreut.
Nach der Mittagspause geht es zu einer Schlüsselübergabe mit einem Klienten, der eine neue Wohnung bekommen hat. Wir steigen zu dritt ins Auto. Norbert (Name von der Redaktion geändert) ist Anfang 60 und muss wegen Ungezieferbefalls aus seiner derzeitigen Wohnung. Mit der neuen Wohnung ist er sehr zufrieden. Wir schauen sie gemeinsam noch einmal an, der Vermieter kommt ebenfalls dazu. Die Wohnung ist mit drei Zimmern sehr geräumig und in einem guten Zustand. „Die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel ist gut. Ich komme mit dem Bus überall hin“, freut sich Norbert. Wir fahren mit den Schlüsseln in der Hosentasche und einem guten Gefühl zurück. Ich verabschiede mich und bin geschafft. Ein Tag voller Eindrücke und bewegender Geschichten von Menschen, die ich nie zuvor gesehen habe und deren Schicksal mich trotzdem betroffen macht. Für Sabrina Sofka-Hell geht es jetzt wieder an den Schreibtisch. Den Tag dokumentieren und abarbeiten, was liegen geblieben ist. Andreas Meier hingegen steigt jetzt in das Dienstfahrzeug und erledigt noch Fahrten mit oder für Klienten.
An dieser Stelle soll es nicht zu politisch werden. Fakt ist aber, dass der Bedarf der Menschen in Not wächst, die Arbeit mit 39 Wochenstunden ist kaum zu stemmen. Seit 14 Jahren hat sich an der Personallage nichts geändert. Dennoch meistern Meier und Sofka-Hell ihren Job mit voller Hingabe – wohl wissend, dass mit mehr Mitteln noch viel mehr möglich wäre.