Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter – und fast immer eine sehr persönliche Geschichte. Wer betroffen ist, lebt oft am Rand der Gesellschaft – und doch mitten im Herzen der Stadt.
Menschen ohne Obdach sind sichtbar, aber nicht willkommen. Geduldet, aber selten gesehen. Genau hier setzt die Aufsuchende Soziale Arbeit an: dort, wo Menschen leben, ohne Zugang zu klassischen Hilfsangeboten zu haben. Streetworkerinnen und Streetworker begleiten sie Schritt für Schritt, versuchen, den Alltag zu stabilisieren und Perspektiven zu schaffen – oft unter schwierigen Bedingungen.
Ein gutes Netzwerk ist dabei unerlässlich. Zwar gibt es vielerorts engagierte Streetworker-Teams, doch unterm Strich sind es fast überall zu wenige. Die Zahl der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, steigt kontinuierlich. Schlecht bezahlte Jobs, ein wachsender Migrationsanteil, steigende Lebenshaltungskosten und explodierende Mieten sind nur einige Gründe, warum Menschen ihre Wohnung verlieren oder gar keinen festen Wohnraum finden.
Spricht man von Hilfesuchenden in der Aufsuchenden Sozialen Arbeit, so ist die Rede von Klienten. Von Fällen, die es zu bearbeiten gilt. In der Theorie klingt das sehr nüchtern. In der Praxis arbeiten Streetworker mit Menschen, deren Geschichten das Herz berühren. Es wird mit professioneller Distanz, aber der nötigen Portion Empathie und Zuwendung von Fall zu Fall geschaut, wie den Leuten geholfen werden kann. Die Arbeit wird von unterschiedlichen Trägern und Wohlfahrtsverbänden getragen: Diakonie, Caritas, Arbeiterwohlfahrt (Awo), der Paritätische, Deutsches Rotes Kreuz (DRK) oder Malteser Hilfsdienst. Sie alle verfolgen ein gemeinsames Ziel: Menschen in Not zu unterstützen. Gleichzeitig stehen sie vor der Herausforderung begrenzter finanzieller Mittel. Vieles funktioniert nur dank Spenden, freiwilligem Engagement und engen Kooperationen – etwa mit Tafeln oder Wohnungsbaugesellschaften.
Für dieses Titelthema haben wir exemplarisch die Arbeit der Diakonie in Völklingen näher betrachtet. Dort hat sich die Aufsuchende Soziale Arbeit in den vergangenen Jahren spürbar gewandelt. Inzwischen nutzen auch „normale“ Bürgerinnen und Bürger das Angebot – etwa, um Unterstützung bei Konflikten mit Vermietern zu erhalten. Umgekehrt wenden sich auch Vermieter an die Einrichtung, um kosten- und zeitintensive Zwangsräumungen zu vermeiden. Diese vermittelnde Arbeit ist häufig erfolgreich. Die Aufsuchende Soziale Arbeit versteht sich hier – wie auch andernorts – „als Knotenpunkt in einem Netz sozialer Hilfeangebote“, wie es im Jahresbericht 2024 treffend heißt.
Knotenpunkt im Netz sozialer Hilfsangebote
Bei vielen Hilfesuchenden steht zunächst das Wohnproblem im Vordergrund. Im Laufe der Gespräche zeigen sich jedoch meist weitere Baustellen: Schulden, gesundheitliche Einschränkungen, fehlende soziale Anbindung oder bürokratische Hürden. Auch hier unterstützen die Mitarbeitenden, klären, vermitteln und begleiten. Bei all der Mühe und den zahlreichen Herausforderungen ist es genau das, was motiviert: zu sehen, wie die Arbeit Früchte trägt und Menschen durch diese Hilfe ein selbstbestimmteres und stabileres Leben führen können.
Die Zahl wohnungsloser Menschen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Hilfsorganisationen machen regelmäßig auf diese Entwicklung aufmerksam, doch zusätzliche Gelder bleiben oft aus. Gerade in der kalten Jahreszeit, bei Schnee und Minusgraden, wächst zumindest kurzfristig die Spendenbereitschaft. An den grundlegenden Problemen des Alltags ändert das jedoch wenig. Lebensmittel, Energie, Wohnraum – alles wird teurer, für viele unbezahlbar.
Umso wertvoller sind Projekte, die über die klassische Hilfe hinausgehen. Bundesweite Aufmerksamkeit genießt seit einigen Jahren „Barber Angels
Brotherhood“: Ein Haarschnitt mag banal erscheinen – doch wer kaum Geld hat, verzichtet zuerst auf alles, was nicht lebensnotwendig ist. Gepflegt auszusehen, wieder Würde und Selbstwert zu spüren, ist für viele dennoch von großer Bedeutung. „Dieses ehrenamtliche Engagement zaubert vielen ein großes Lächeln ins Gesicht“, heißt es im Jahresbericht. Die Bilder solcher Aktionen sprechen für sich.
Trotz aller Herausforderungen, die Jahr für Jahr auf allen Ebenen wachsen, gibt es Anlass zur Hoffnung. Vieles wird getan für Menschen, die in prekären Verhältnissen leben – auch in dem Bewusstsein, dass es immer mehr Menschen werden. In Völklingen freuen sich die Klienten besonders auf den Frühling: nicht nur, weil alle, die es raus zieht, dann wieder freier sein können. Auch, weil dann die Fußballgruppe und das Gartenprojekt in der direkten Nachbarschaft wieder weitergehen. Wie gesagt – Sozialarbeit, die Früchte trägt…