Das erste NBA-Spiel auf deutschem Boden hinterlässt großen Eindruck – auch dank der Rückkehr der Wagner-Brüder. Die Chancen von Alba Berlin auf einen Start in der NBA Europe dürften dadurch gestiegen sein.
Wer beim Anwurf des ersten NBA-Spiels auf deutschem Boden in der Berliner Uber Arena saß, durfte sich als Glückspilz fühlen. Knapp eine halbe Million Fans hatten sich für die Ticketvergabe für die zwei NBA-Pflichtspiele Mitte Januar in der deutschen Hauptstadt und in Englands Metropole London registriert. Nur 13.738 Zuschauer konnten aber in der Arena am Ostbahnhof eingelassen werden, entsprechend groß war der Frust bei dem größten Teil der Fans. Und auch bei denjenigen, die eine oder mehrere Eintrittskarten für das begehrte Match zwischen den Orlando Magic mit den heimgekehrten Berlin-Brüdern Franz und Moritz Wagner gegen die Memphis Grizzlies ergattern konnten, dürfte das Vergnügen nicht ganz ungetrübt gewesen sein. Denn die stolzen Preise sorgten für reichlich Ärger, vor allem die Resttickets wurden fast unerschwinglich teuer. So kostete ein einfacher Platz im Oberrang 400 Euro – für das Geld hätte man zwei Saison-Dauerkarten für Bundesligist Alba Berlin erwerben können. Das rief sogar die Politik auf den Plan. „Schlichtweg unerschwinglich“ seien die Karten für die meisten Fans, kritisierte Kristian Ronneburg. Der sportpolitische Sprecher der Linken stellte fest: „Nicht nur die begrenzten Plätze, sondern auch die Preise trüben die Lust vieler Fans an diesen Mega-Events.“
Ärger über hohe Ticketpreise
Doch als dann das mit Spannung erwartete Spiel begann, war der Ärger über die Ticketpreise kein Thema mehr. Und kaum ein Zuschauer dürfte sein Kommen bereut haben: Nach einer phänomenalen Aufholjagd siegten die Magic mit den drei deutschen Nationalspielern Franz und Moritz Wagner sowie Tristan da Silva mit 118:111 (58:67), und das Team wurde gefeiert wie daheim in Orlando. „Berlin, ihr habt komplett abgerissen. Das hat mir sehr viel bedeutet hier“, zeigte sich da Silva von der Atmosphäre schwer begeistert. „Ich kann es immer noch nicht glauben, ihr seid die Besten. Nicht nur aus Berlin, sondern aus ganz Deutschland sind Fans hier angereist. Das hier heute zu sehen, wir sind unglaublich dankbar“, sagte Moritz Wagner nach der Partie emotional angefasst. Für seinen jüngeren Bruder Franz, um dessen Start in der Hauptstadt tagelang gezittert wurde, fühlte es sich „wie ein echtes Heimspiel“ an. Die triumphale und heftig umjubelte Rückkehr in die Geburtsstadt sei aber für den Kopf auch sehr anstrengend gewesen, gab der Small Forward zu. „Ich denke, es war eher mental, diese Woche war sehr anstrengend“, sagte Franz Wagner, der zuletzt mit einer Knöchelstauchung zu kämpfen hatte: „Ich denke, ich brauche ein paar Wochen, um zu reflektieren.“
Franz Wagner führte sein Team nach einem auch für ihn persönlich holprigen Start am Ende mit wichtigen Punkten doch noch zum Sieg. Sehr zur Freude der großen deutschen Prominenz, die sich das Spiel nicht entgehen lassen wollte. Neben Basketball-Ikonen wie Dirk Nowitzki und Detlef Schrempf ließen sich auch die Fußballstars Jürgen Klopp, Thomas Müller und Mats Hummels von der packenden Stimmung anstecken. „Also Basketball an sich ist schon cool, Basketball in Deutschland seit ein paar Jahren ist auch extrem cool“, sagte Klopp. Der sensationelle WM-Titel 2023 und der Triumph bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr haben ohne Zweifel einen Basketball-Boom in Deutschland ausgelöst. Das erste NBA-Spiel auf deutschem Boden dürfte diesen noch mal zusätzlich angeheizt haben.
NBA-Boss Adam Silver war jedenfalls hellauf begeistert. Die Atmosphäre, Organisation und auch das Interesse in Berlin seien „überwältigend“ gewesen, schwärmte er: „Deutschland erlebt gerade ein goldenes Zeitalter im Basketball.“ All das dürfte zusätzliche Werbung für eine Aufnahme in die NBA Europe sein, die schon im Oktober 2027 an den Start gehen soll – und zwar dem Vernehmen nach mit Alba Berlin. „Wir haben diese Spiele hier und in London genutzt, um die Gespräche fortzusetzen“, sagte Silver, darauf angesprochen: „Ich hatte sehr gute Gespräche mit Alba Berlin während meines Aufenthalts in der Stadt, und wir sehen hier eine echte Chance.“ Für den deutschen Bundesligisten wäre die Aufnahme in den elitären Zirkel wieder ein Riesensprung auf dem internationalen Parkett, nachdem der elfmalige Meister sich zu dieser Saison aus Kostengründen aus der Euro League zurückgezogen hat und stattdessen in der zweitklassigen Champions League startet.
Medien von der Euphorie gepackt
Die NBA Europe wäre das Prestige-projekt schlechthin – das bewies das Duell von Orlando gegen Memphis. Das Hochglanzprodukt NBA strahlte auch auf Berlin ab. Das erste NBA-Pflichtspiel auf deutschem Boden – dazu noch mit den in Berlin geborenen und aufgewachsenen Wagner-Brüdern – elektrisierte die Basketballfans. Und nicht nur die: Auch die Medien schienen von der Euphorie gepackt. Tagelang füllten Artikel um die Bedeutung des Spiels und Berichte über den Gesundheitszustand von Franz Wagner die Zeitungen. Es wurden Service-Stücke wie „Das müssen Fans vor dem NBA-Spektakel in Berlin wissen“ und Interviews mit Ex-Stars veröffentlicht, manche Boulevardblätter berichteten gar wie in einem Live-Ticker. Alles interessierte. Auch der Trainings-Zoff bei den Grizzlies von Ja Morant mit Teamkollege Vince Williams Jr. Hiesige Medien spekulierten, dass Morant mit diesem Verhalten seinen Weggang von der Franchise in Memphis bis zum Ende der Wechselfrist am 5. Februar erzwingen wollte. Die „Bild“-Zeitung verschriftlichte gar den Dialog der beiden Streithähne. Doch noch mehr im Fokus standen die Wagner-Brüder.
„Die Aufmerksamkeit, die wir jetzt bekommen, ich weiß gar nicht, ob die gesund ist“, sagte Moritz Wagner: „Ich freue mich dann auch, wenn das jetzt ein bisschen wieder runtergeht.“ Er habe eine „riesige emotionale Überforderung“ gespürt, denn: „Ich bin ja selber ein deutscher Fan. Da kriege ich Gänsehaut, wenn ich das sehe. Und danach kommt der Gedanke, dass ich Teil dessen bin.“ Alle wollten etwas von den Wagner-Brüdern: die Fans, die Macher, die Medien – und auch die Promis. Von Red Bulls Fußballchef Klopp gab es für die beiden ein RB-Trikot und viele herzliche Worte. Er habe ihnen gesagt, dass ihre Doku „The Wagner Brothers“ die „beste war, die ich je gesehen habe“, sagte der frühere Meistertrainer des FC Liverpool: „Danach wollten wir die Jungs adoptieren und mit den Eltern befreundet sein.“ Auch dank der beiden scheint es, „als wäre Deutschland bereit für viel großen Basketball“.
Mark Tatum, der stellvertretende NBA-Commissioner, kann sich gut vorstellen, dass in Berlin irgendwann sogar regelmäßig Punktspiele der besten Basketballliga der Welt stattfinden. Es könnte vielleicht ein Szenario geben, „in dem die Qualität des Basketballs weiter steigt“, sagte Tatum, „wo Reisen in Überschallgeschwindigkeit Realität sind, und dann kann ich mir vorstellen, dass es auch eine Europa-Division in der NBA gibt“.
Noch sind NBA-Clubs aus Europa natürlich reine Zukunftsmusik. Für Dirk Nowitzki sind aber allein schon reguläre Saisonspiele zwischen zwei amerikanischen Franchises der „Wahnsinn“, wie er sagte: „Da ist die Liga schon weit gekommen, dass wir die Zeit haben und den Spielplan so schieben können, damit wir auch mit dem Jetlag alles anpassen können.“