Ausgerechnet im Olympia-Winter schwächeln die früheren Siegspringer Andreas Wellinger und Karl Geiger. Bei der Skiflug-WM in Oberstdorf sind zwei andere die Hoffnungsträger.
Eigentlich könnte Sven Hannawald auf gewisse Weise froh sein über die Flaute im deutschen Skispringen. Dass seine Nachfolger auch im 24. Anlauf seit seinem phänomenalen Triumph 2002 die Chance vertan haben, den Gesamtsieg bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee zu holen, sorgt immerhin dafür, dass sein Name weiterhin höchst prominent in den Annalen der Skisprunggeschichte vertreten bleibt und immer wieder genannt wird. Doch Egoismen dieser Art sind dem Schwarzwälder fremd. Gern hätte er, der als ARD-Experte die Wettkämpfe in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Bischofshofen und Innsbruck live vor Ort mitverfolgte und kommentierte, mit einem deutschen Sieger gefeiert und diesem die große Bühne bereitwillig überlassen. „Dieses Gefühl weitergeben zu dürfen, hätte ich mir gewünscht“, sagte der frühere Skisprungstar und schob fast schon resignierend hinterher: „Vielleicht klappt es nächstes Jahr.“
In diesem Olympia-Winter waren die deutschen Springer bei der Tournee sogar meilenweit von einem Triumph entfernt. Das bereitet nicht nur Hannawald, sondern auch den Verantwortlichen des Deutschen Ski-Verbands (DSV) hinsichtlich der zwei anstehenden Saisonhöhepunkte reichlich Kopfzerbrechen. Bei der Skiflug-Weltmeisterschaft auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze in Oberstdorf (22. bis 25. Januar) und vor allem zwei Wochen später bei den Olympischen Winterspielen in Italien wollen die deutschen Skiadler wieder Medaillen sammeln – aber wie? Und vor allem: durch wen?
Nach den jüngsten Ergebnissen kommen dafür, wenn überhaupt, nur Felix Hoffmann und Philipp Raimund infrage. Die beiden Zimmerkollegen, die vor der Saison kaum jemand als potenzielle Podestspringer auf der Rechnung hatte, überzeugten bei der Vierschanzentournee auf den Plätzen sechs und acht des Gesamtklassements. Doch beide hatten zuletzt mit Rückschlägen zu kämpfen: Hoffmann plagte sich schon während der Tournee mit einer Knie-Reizung, Raimund war von einer Erkrankung geschwächt.
Den Weltcup im polnischen Skisprung-Mekka Zakopane ließen die beiden Athleten deswegen aus. In Abwesenheit der derzeit besten DSV-Springer konnten die zuletzt abgehängten Pius Paschke, Andreas Wellinger und Karl Geiger nicht in die Bresche springen. Die Podestplätze holten erneut die internationalen Konkurrenten um den slowenischen Ausnahmespringer Domen Prevc. „Es ist im Moment ein Kampfspringen“, sagte Paschke zähneknirschend.
„Das tut mir wirklich in der Seele weh“
Vor allem die Leistungen der einstigen Weltklassespringer Wellinger und Geiger erscheinen angesichts ihrer früheren Erfolge eklatant. Beide konnten sich bei der Tournee nicht ein einziges Mal für den zweiten Durchgang der besten 30 Springer qualifizieren – eine Demütigung. Pikanterweise treffen die Auswirkungen des Anzugskandals rund um die norwegische Mannschaft in der Vorsaison erneut die deutschen Springer hart. Denn der Weltverband FIS hat als Konsequenz daraus die Regeln für die Skisprunganzüge drastisch verschärft, unter anderem gibt es nun strengere Vorgaben bezüglich Material, Passform und Luftdurchlässigkeit. „Das tut mir wirklich in der Seele weh, weil sie so ein bisschen die Leidtragenden sind“, meinte Hannawald. Mit der Umstellung auf eine geringere Fläche bei den Anzügen hätten vor allem Geiger und Wellinger „mit die meisten Probleme“, glaubt Hannawald.
Der Sprungablauf ist für jeden Athleten ein individuelles und vor allem höchst sensibles Gebilde aus verschiedenen Parametern; jede noch so kleine Änderung kann dabei große Auswirkungen haben. Bei den früheren Olympiamedaillen-Gewinnern Wellinger und Geiger ist dies nun der Fall. „Diesen Sprung, den sie sich eigentlich über die Jahre durch die Fläche antrainiert haben, der funktioniert nicht mehr“, analysierte Hannawald. Sein Rat: Beide müssten „wieder mehr die Fläche der Skier nutzen. Das ist das, wo jetzt alle schleunigst hinmüssen“.
Besonders ausgeprägt ist die Krise bei Geiger, der auch in Zakopane an der Olympianorm klar scheiterte. „Ich bin einfach nur sauer und frustriert“, sagte der Olympia-Zweite von 2022 in Peking. „Irgendwie muss ich das abhaken und mich beruhigen.“ Doch wie soll es bei dem Bayer weitergehen? Auch Hannawald weiß keinen wirklichen Rat. „Karl Geiger dreht sich ein bisschen im Kreis“, sagte der 51-Jährige. „Mal geht es einen Schritt voran, dann aber auch gleich wieder einen zurück.“
Etwas positiver sieht er die Chancen auf eine Rückkehr in die erweiterte Weltspitze bei Wellinger, „weil der das Fliegen etwas besser auf dem Schirm hat“. Das könnte ihm bei der Skiflug-WM in Oberstdorf helfen. Seine Bestweite von 245 Metern kann sich sehen lassen, zudem liebt der zweimalige Olympiasieger den Nervenkitzel bei der spektakulären Flugshow. „Das Fliegen ist eine Faszination des Menschen schon seit Anbeginn der Zeit“, sagte er.
Außenseiter müssen es richten
Das Problem ist nur: Aktuell kommt der 30-Jährige kaum ins Fliegen, seine Sprünge sind oft schon kurz nach dem Absprung am Schanzentisch vorbei. „Es ist oft nur noch ein Kampf, wenn ich rausspringe und dann in der Luft merke, es geht gar nichts. Es ist mühsam“, sagte Wellinger. Wahlweise fallen bei ihm auch die Wörter „frustrierend“ und „bitter“.
Aufgeben werde er aber nicht: „Wir arbeiten hart. Ich muss eine Lösung finden. Es sind hin und wieder ein paar Sprünge dabei im Training, die in die richtige Richtung gehen.“
Ähnlich klingt Geiger, wenn er über eine mögliche Trendwende noch in dieser Olympiasaison spricht: „Ich muss mich jetzt beruhigen, das Ding abhaken.“ Durchhalteparolen, in die auch Experte Hannawald einstimmt – notgedrungen. „Von unserer Seite können wir nur die Daumen drücken“, sagte er mit Blick auf die deutschen Chancen bei der WM und bei Olympia. „Ich habe die Hoffnung, dass sie es schaffen.“
Realistisch betrachtet müssen aber wohl Hoffmann und Raimund diesmal die Kohlen aus dem Feuer holen. Der 25-jährige Raimund gab zuletzt Entwarnung: Ihm gehe es gesundheitlich wieder deutlich besser. „Ich bin wieder unter den Lebenden“, scherzte der Oberstdorfer, der bei der Heim-WM besonders motiviert sein dürfte. Doch wie viel Kraft hat die Erkrankung gekostet? Das ist die spannende Frage, die auch Bundestrainer Stefan Horngacher noch nicht so recht beantworten konnte.
Der Österreicher berichtete aber anschaulich, dass Raimund extrem gelitten und dennoch die Vierschanzentournee beendet hatte: „In der Halle lag er noch auf dem Mattenwagen, war fast am Kollabieren. Er wollte unbedingt springen und hat es ganz gut gemacht.“
Raimund hatte schon im Vorjahr auf sich aufmerksam gemacht und sogar einen Weltcup-Sieg verbucht. Bei Zimmerkollege Hoffmann hatte sich der Durchbruch weniger angedeutet, auch wenn Ex-Weltmeister Martin Schmitt den 28-Jährigen schon länger auf dem Zettel hatte. „Er hat das Potenzial, ein Springen zu gewinnen“, sagte Schmitt. Doch das deutete sich erst spät in der Karriere des Bundespolizisten an; er selbst hatte deswegen zwischenzeitlich auch mit dem Ende der sportlichen Laufbahn geliebäugelt. Diese Gedanken sind aber erst einmal beiseitegeschoben.
Hoffmann will nach überstandenen Knieproblemen nicht nur bei der WM und bei Olympia angreifen, sondern auch über diesen Winter hinaus.
Verbal wird er sich aber weiter zurückhalten. Hoffmann ist kein Lautsprecher, sondern eher einer, der „nicht viel redet und, wenn, dann muss man ihn vorher schon etwas gefragt haben“, erklärte Teamkollege Geiger den zurückhaltenden Charakter von Hoffmann.
Einen echten Star mit Ausnahmetalent und Charisma gibt es im deutschen Skispringen weit und breit nicht. Und dabei dürfte es auch noch ein paar Jahre bleiben. Aus der zweiten Reihe gibt es kaum Druck auf die Arrivierten; selbst Wellinger und Geiger sind deswegen im Kader noch unumstritten. Dass Raimund mit 25 Jahren und Hoffmann mit 28 Jahren auch nicht mehr die Jüngsten sind, ist ein weiteres Alarmzeichen.
Der Blick auf das Nachbarland Österreich, wo fast jährlich junge Talente in die erweiterte Weltspitze vorstoßen, macht ein wenig neidisch. „Das beschäftigt uns enorm, auch mich in meiner Funktion. Das kann uns nicht zufriedenstellen“, sagte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel über das offenkundige Nachwuchsproblem. Der Verband habe diesbezüglich bereits Veränderungen eingeleitet, die aber Zeit benötigten.