Beim Erfolgsteam Red Bull Racing ist vor dem Start der neuen Formel-1-Saison nichts mehr wie 2025. Der Bullen-Rennstall wurde ausgemistet, um sich neu aufzustellen. Konzernchef Oliver Mintzlaff will einen radikalen Neustart mit neuer Führungsstruktur.
Das Formel-1-Team Red Bull Racing mit seinem Schwesterteam Racing Bulls (früher Toro Rosso) ist ein britisch-österreichischer Rennstall. Nach der Übernahme des Jaguar-Teams 2005 durch Energydrink-Konzerngründer Dietrich Mateschitz entbrannten nach dessen Tod im Jahr 2022 Machtkämpfe um das Imperium. Die Briten und insbesondere Bullen-Teamchef Christian Horner wollten die Macht über das gesamte Erfolgsteam übernehmen. Doch diesen Plan verhinderte ein Deutscher namens Oliver Mintzlaff. Der 50-Jährige aus Königswinter bei Bonn leitet heute die globale Marke Red Bull. Der Ex-Chef des Fußball-Bundesligisten RB Leipzig stieg als Quereinsteiger zusätzlich zum Geschäftsführer Sport auf und wurde zum neuen starken Mann über die beiden Formel-1-Teams. Und Mintzlaff greift durch. So hat die österreichische Konzernmutter laut dem Portal Motorsport-Total.com bereits begonnen, mehr Kontrolle über die Formel-1-Aktivitäten zu übernehmen. Dieser Prozess setzte während der internen Machtkämpfe rund um den skandalumwitterten Teamchef Christian Horner ein. Ziel ist es, beide „Red-Bull-Teams“ organisatorisch zu stabilisieren und Strukturen zu vereinheitlichen. Dieser Kurs zeigte sich bereits bei Personalentscheidungen. So wurde ein neuer Leiter der Presseabteilung aus der Österreich-Zentrale installiert. Künftig werde es weitere personelle Änderungen und Besetzungen geben, heißt es „von oben“ in einer Mitteilung. Der WM-Rennstall hatte in jüngster Zeit einiges zu „verdauen“. Der mehr oder weniger freiwillige Abgang von Motorsportchef und Strategieberater Dr. Helmut Marko schlug Wellen und warf Fragen auf. Zu anhaltenden Gerüchten um den Rücktritt des 82-jährigen Österreichers klärte Ober-Bulle Mintzlaff nun öffentlich auf.Bis zum Tod von Dietrich Mateschitz war dessen Landsmann Helmut Marko Freund, Vertrauter und Statthalter. Aufgrund der veränderten Machtverhältnisse witterte Teamchef Christian Horner seine Chance, mehr Macht und Einfluss zu gewinnen – nicht nur im Formel-1-Team, sondern im gesamten Konzern. Zu seinem Vorhaben gehörte auch, Motorsportchef Helmut Marko abzuservieren. Doch dieser Plan ging nicht auf. Mintzlaff zog die Reißleine. Horner war trotz seines Vertrags bis Ende 2030 entmachtet und musste mitten in der Saison Knall auf Fall das Team verlassen.
Markos Abgang wirft Fragen auf
Helmut Marko erhielt in dieser Phase eine deutliche Rückendeckung: Max Verstappen stellte sich öffentlich hinter seinen langjährigen Förderer und machte klar, dass sein Verbleib im Team unmittelbar mit Markos Zukunft verbunden sei. Doch diese endet schneller, als Verstappen lieb ist. Im letzten Sky-Interview fragte Reporter Peter Hardenacke den Red-Bull-Chefberater: „Sehen wir uns im nächsten Jahr wieder?“ Marko entgegnete nur knapp: „Vielleicht.“ Zuvor hatte er bereits angedeutet, dass ein Wiedersehen im Fahrerlager 2026 nicht gesetzt sei, und betonte mehrfach, dass er die Entscheidung selbst treffe.
Der promovierte Jurist ahnte, dass „irgendetwas“ in der Luft lag. Marko witterte, dass Mintzlaff, mittlerweile der mächtigste Mann im Bullen-Stall, mit einem Neustart seines Teams in die neue Saison gehen wollte. Dem Österreicher war klar: Hätte er seinen Posten nicht freiwillig geräumt – der zudem nicht nachbesetzt wird –, hätte Mintzlaff ihn weiter entmachtet oder entlassen.
Obwohl Marko noch einen Beratervertrag bis Ende 2026 besaß, zahlt ihm Red Bull trotz seines freiwilligen Abgangs das volle Jahresgehalt für 2026. Laut „Bild“ sind das zehn Millionen Euro. Gerüchte, Marko sei gegangen worden, weist der Doktor klar zurück. „Ich weiß nicht, wo das herkommt. Ich habe vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi gesagt: Wenn Max nicht gewinnt, höre ich auf. Zwei Punkte für seinen fünften Titel haben gefehlt – das habe ich persönlich genommen.“
Mintzlaffs warme Worte
Helmut Marko war das Gesicht von Red Bull in der Formel 1. Zwar war er kein Teamchef, doch als Motorsportberater nahm er eine Schlüsselrolle ein, wurde zu einem der wichtigsten Ansprechpartner und prägte den Kurs des Rennstalls maßgeblich. Ein Affront in den Augen der Konzernspitze waren Markos Alleingänge. Jahrelang verantwortete der Sportchef die Fahrerbesetzungen in alleiniger Hoheit und ohne Absprache mit der Führungsetage. Verpflichtungen für die Nachwuchsakademie wie zuletzt der Ire Alex Dunne, dessen Vertrag wieder aufgelöst wurde, kosteten Red Bull 600.000 Euro. Nach mehreren teuren Missverständnissen wurde Marko untersagt, eigenmächtig zu handeln. Der Grazer sah seine Position zusehends geschwächt und kam zu der Erkenntnis, die neue Formel-1-Saison nach 21 Jahren vor dem Fernseher zu verfolgen.
Laut offizieller Red-Bull-Pressemitteilung erfolgte die Trennung auf Markos Wunsch. Der 82-Jährige schrieb dazu: „Dass wir die Weltmeisterschaft 2025 nur knapp verpasst haben, hat mich tief berührt und mir verdeutlicht, dass nun der richtige Moment für mich gekommen ist, dieses sehr lange, intensive und erfolgreiche Kapitel persönlich zu beenden.“ Und weiter: „Wir gingen, anders als zum Teil berichtet, sehr freundschaftlich auseinander.“
Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff verabschiedete Marko mit warmen Worten: „Helmut kam mit dem Wunsch auf mich zu, seine Rolle als Motorsportberater zum Jahresende zu beenden. Nach einem langen und intensiven Gespräch wusste ich, dass ich seinen Wunsch respektieren musste und sein Abschied eine Lücke hinterlässt, da ich den Eindruck gewann, dass die Zeit für ihn reif war, diesen Schritt zu gehen.“ Er nannte Markos Abschied „das Ende einer außergewöhnlichen Ära“. „Seine Leidenschaft, sein Mut, klare Entscheidungen zu treffen, und seine Fähigkeit, Potenziale zu erkennen, werden unvergessliche Verdienste bleiben“, fügte Mintzlaff hinzu.
Verstappen bleibt die Nummer eins
Markos Abschied markiert tatsächlich das Ende einer Ära. In dieser Zeit war der „Doktor“, wie Marko genannt wurde, einer der wichtigsten Architekten des späteren WM-Teams. Zudem verantwortete er das Junior-Programm, aus dem die vierfachen Champions Sebastian Vettel und Max Verstappen hervorgingen. Zu Markos überragender Bilanz zählen sechs Konstrukteurs-Weltmeisterschaften. Nach 417 Rennen mit 130 Siegen, 233 Podestplätzen, 111 Polepositions und 102 schnellsten Runden war das Kapitel als Motorsportchef im Bullen-Stall für ihn beendet. Für Ex-Bullen-Pilot Sergio Pérez kam das Ende nach vier Jahren. Von 2021 bis 2024 war der Mexikaner bei 90 Grands Prix (fünf Siege) Stallgefährte von Max Verstappen. Trotz eines Vertrages für 2025 wurde er wegen mangelnder Leistung entlassen. Erst vor wenigen Tagen rechnete der 35-Jährige in Interviews und Podcasts
schonungslos mit den Strukturen seines Ex-Teams ab.
„Bei Red Bull war immer alles ein Problem: Wenn ich schneller war als Max, war es ein Problem, weil es ein angespanntes Umfeld schuf. Und wenn ich langsamer war, war es auch ein Problem“, erklärte Pérez. Dass sich bei Red Bull nahezu alles um Verstappen drehe, sei ihm bereits in den ersten Gesprächen klargemacht worden. „Hör zu, wir fahren mit zwei Autos, weil wir mit zwei Autos fahren müssen – aber dieses Projekt wurde für Max geschaffen“, habe ihm Teamchef Christian Horner gesagt. Als er keine Ergebnisse in den ersten Rennen geliefert habe, „haben sie zu mir gesagt: Du musst einen Psychologen aufsuchen. Um mit dem großen Druck fertig zu werden, habe ich das auch getan“, erzählte „Checo“. Die Ergebnisse seien daraufhin gekommen. „Für die einmalige telefonische Sitzung verlangte der Therapeut 6.000 Pfund (rund 7.000 Euro).“ Die Rechnung schickte er an Helmut Marko. „Und Helmut kam für das Honorar des Psychologen auf“, berichtete Pérez. Rückblickend fällt sein Urteil hart aus: „Ich saß zwar im besten Auto, aber in einem extrem komplizierten Team. Max’ Teamkollege zu sein, ist der undankbarste Job in der ganzen Formel 1.“
Konzernchef Mintzlaff zeigt sich kompromisslos, wenn er sagt: „Verstappen soll das Gesicht von Red Bull bleiben.“ Mit der neuen Saison erlebt die Formel 1 die größte Regelrevolution der jüngeren Geschichte. Die Autos werden kürzer und schmaler und von neuen Motoren angetrieben. Red Bull entwickelt den Antrieb gemeinsam mit Ford – ein Novum und ein riskanter Weg, den die Bullen einschlagen. Max Verstappen erhält mit Isack Hadjar (21) aus der Red-Bull-Kaderschmiede einen neuen Teamgefährten. Der Franzose ersetzt im „ausgemisteten“ Bullen-Stall den Japaner Yuki Tsunoda.