Die amerikanische Schauspielerin Gillian Anderson spricht mit uns über ihre Rolle in dem Fantasy-Film „Tron: Ares“, über Zukunftsängste und Muttersorgen und darüber, wann sie sich nach einem anderen Job umsehen müsste.
Mrs. Anderson, im Film „Tron: Ares“ spielen Sie Elisabeth Dillinger, die Mutter von Julian Dillinger, einem größenwahnsinnigen Computer-Freak, der die Weltherrschaft an sich reißen will. Das ist eine eher kleine Rolle. Was hat Sie gereizt, sie zu spielen?
Ich fühlte mich sehr geehrt, dass man mich für dieses außerordentlich innovative Franchise überhaupt angefragt hat. Mich hat vor allem interessiert, wie sich Elisabeth in den „Tron“-Zyklus einfügen wird und wie die Geschichte weitergeht. Elisabeth spielt in diesem Film eine wichtige Rolle. Schließlich hat sie die Firma Encom mit aufgebaut, die diese fantastischen virtuellen Realitäten herstellen kann. Doch sie macht sich große Sorgen um die Zukunft des Unternehmens, das sie ja an ihren Sohn überschrieben hat. Und mit der Zeit muss sie zu ihrem großen Schrecken feststellen, wie unverantwortlich, wie skrupellos, ja kriminell ihr Sohn die Firma leitet.
Stimmt es, dass die Macher von „Tron: Ares“ die Rolle für Sie umgeschrieben haben?
Ja, ursprünglich war für diese Rolle der Großvater von Julian vorgesehen. Man sagte mir, dass sie in dieser Rolle jemanden brauchten, der den nötigen Ernst und viel Power mitbringt. Und dass sie dabei an mich dachten. Ich habe meine Rolle dann an verschiedene mächtige Frauen in Führungspositionen angelehnt – und das hat, glaube ich, ganz gut funktioniert.
Im Film gibt es sehr viele computeranimierte Spezialeffekte. „Tron: Ares“ wirkt oft wie eine Blaupause für eine von der Künstlichen Intelligenz erschaffene Welt. Wie stehen Sie denn zur KI im richtigen Leben?
Ich finde es gut, was die Künstliche Intelligenz in der Wissenschaft leistet, vor allem im medizinischen Bereich. Ich glaube auch, dass sie vielen hilfsbedürftigen Menschen das Leben erleichtern kann. Ich wünsche mir aber, dass die Verantwortlichen sich jetzt endlich dazu durchringen, ernsthafte Gespräche zu führen und Entscheidungen zu treffen, die die KI dort regulieren, wo es dringend nötig ist. Damit das Ganze nicht aus dem Ruder läuft. Mir geht es da um den Schutz von uns allen.
Und was halten Sie von der KI-generierten Schauspielerin Tilly Norwood? Sie sieht verblüffend echt aus. Ist das nicht der Anfang vom Ende für lebendige Schauspieler?
Wie sich das weiterentwickeln wird, darüber habe ich ja keine Kontrolle. Ich hoffe aber inständig, dass es bei den Leuten auch weiterhin ein großes Verlangen danach gibt, echte Menschen als Schauspieler zu sehen (lacht). Ansonsten müsste ich mich bald nach einem anderen Job umsehen.
Elisabeth Dillinger macht sich sehr viele Sorgen um die Zukunft. Sie hat große Angst, dass es in einer Katastrophe enden wird. Wie gehen Sie – als Mutter von zwei Jungs im Teenager-Alter – denn mit den Kriegen, dem Terror, dem täglichen Wahnsinn um? Wie groß ist Ihre eigene Weltangst?
Elisabeth hat vor allem große Angst davor, dass ihr Sohn seine Macht missbraucht und dadurch die Welt ins Unglück stürzt. Zum Glück beschäftigen sich meine Söhne (Felix, 16, und Oscar, 18, Anm. d. Red.) nicht mit militärischer Kriegsführung. Aber als Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter (Piper, 31, Anm. d. Red.) mache ich mir auch große Sorgen um ihre Zukunft. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und manchmal fällt es mir sehr schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn natürlich will ich, dass sich meine Kinder entfalten, ihre Träume ausleben und ihre ganz eigene Welt entdecken können. Und natürlich macht mir das auch Angst. Manchmal fällt es mir sehr leicht, Mutter zu sein – und manchmal ist es das Schwerste überhaupt.
Der Film schlägt einen Bogen von den ersten beiden „Tron“-Filmen aus den Jahren 1982 und 2010 in die heutige Zeit …
… und das Faszinierende dabei ist, dass hier die Kenner und Fans der beiden Filme viele versteckte Referenzen und Details wiedererkennen werden, aber dass „Ton: Ares“ auch absolut für sich alleine stehen kann (lacht). Ich kenne mich mit Science-Fiction-Themen ja ein bisschen aus. Und kann nur sagen, dass alle, die diesen Film sehen, hellauf begeistert sein werden. Er ist ein Sprung in die Zukunft, die bald unsere Gegenwart sein wird.
Wovor hätten Sie denn mehr Angst: vor einem absolut tödlichen „Tron“-Krieger wie Ares oder den Milliardären mit ihren Hightech-Firmen?
Vor den Milliardären. Auf jeden Fall. Vor allem, wenn diese Technologien in den falschen Händen sind. Wir wollen doch alle keinen Dr. Frankenstein!
Sie spielen oft Frauen mit viel erotischem Appeal, die zudem auch noch Autorität und Macht haben …
… was natürlich sehr gut ist für mein Ego (lacht). Meinten Sie das? Mag sein, ich glaube allerdings nicht, dass ich damit etwas kompensiere. Ich habe auch schon viele andere Frauentypen dargestellt. Und ganz gewiss suche ich mir meine Rollen nicht danach aus, wie dominant oder mächtig diese Frauenfigur ist. Am liebsten habe ich es, wenn sich die neue Rolle von der vorherigen sehr unterscheidet. Natürlich muss sie auch interessant sein. Aber das ist ein weites Feld. Und um noch einmal auf Scully zurückzukommen: Als ich damals die ersten „Akte X“-Drehbücher gelesen habe, fühlte ich: Dana Scully ist eine Frau, die es so vorher noch nicht in einer TV-Serie gegeben hat. Und ich spürte auch, dass darin ein großes Potenzial steckte, um sie über Jahre weiterzuentwickeln. Das war es, was mich vor allem an dieser Rolle gereizt hat.
Sie würden eine Menge Dinge in Ihrem Leben anders machen, wenn Sie noch mal die Chance dazu hätten, sagten Sie in einem Interview. Können Sie bitte ein Beispiel dafür geben?
Mehr als nur eins. Aber das ist mir zu privat. Ganz ehrlich gesagt, bereue ich auch nicht wirklich viel in meinem Leben. Ich hatte dann doch überwiegend Glück. Sogar meine Fehlentscheidungen, die ich in einem Stadium der Ignoranz oder aus Unwissenheit heraus getroffen habe, waren letztlich sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung. Das Leben kann man eben nicht proben, sondern immer nur improvisieren. Und im wirklichen Leben bin ich gerne spontan und reagiere oft impulsiv. Wenn ich da auch manchmal die Konsequenzen nicht bis zum Ende durchgedacht habe – was soll’s?! Das ist nun mal mein Temperament. Hauptsache, ich lerne meine Lektion. Und darin bin ich inzwischen ganz gut.
Sie haben sich lange Zeit einer Psychoanalyse unterzogen. Warum eigentlich? Ist Schauspielerei nicht auch Therapie?
Ich habe tatsächlich schon ziemlich früh, mit 14, mit einer Psychoanalyse angefangen. Die Gründe dafür will ich jetzt allerdings nicht in aller Öffentlichkeit erläutern. Nur so viel: Als junges Mädchen fühlte ich mich oft sehr einsam und ausgestoßen. Das hatte auch damit zu tun, dass ich mit meinen Eltern oft umgezogen bin. Von Amerika, wo ich geboren wurde, nach England und dann wieder zurück in die USA. Ich fühlte mich meistens als Fremde, die vom eigenen Umfeld entweder so gut wie nicht wahrgenommen oder misstrauisch taxiert wurde. Es gab Tage, ja Wochen, da habe ich mich am liebsten im Haus verkrochen und wollte niemanden sehen. Mein Selbstwertgefühl war oft am Boden. Das führte dann zu Depression und Suchtproblemen. Aber das alles liegt längst hinter mir. Heute geht es mir gut.
Was hat Ihnen denn bei Ihrer Selbstfindung noch geholfen?
Äußere Umstände, andere Menschen, und dann natürlich ich selbst. Ich habe vieles ausprobiert, das meiste davon hat mir nicht viel gebracht. Bis ich dann Meditation und Yoga entdeckt habe. Das hält mich ziemlich gut in der Balance.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten?
Ich würde gerne sagen, dass ich viel lese, was aber leider nicht der Fall ist. Bei mir stapeln sich die ungelesenen Bücher schon auf dem Fußboden. Aber ich gehe sehr gerne ins Kino und ins Theater. Zum Glück lebe ich in London, wo es ganz hervorragende Theater gibt. Das Niveau ist wirklich außerordentlich hoch. Außerdem verbringe ich immer noch sehr viel Zeit mit meinen Kindern.