Kaum jemand versteht die Deutschen besser als der gebürtige Russe Wladimir Kaminer. Er kam 1990 nach Berlin und bringt vieles von dem, was er erlebt, seitdem mit viel Humor zu Papier – etwa in seinem aktuellen Buch: „Das geheime Leben der Deutschen“.
Wladimir Kaminer kämpft mit einem Katzenklo. Nein, der Anruf komme dennoch nicht ungelegen. Es sei nur so: Die Katze „hat da jetzt 20-mal reingekackt“. Dieses Katzenklo sei sehr modern, „chinesisches Hightech“. Aber wann muss man dieses Katzenklo reinigen? Und vor allem: wie? Die App, die das Katzenklo mit dem Handy verbindet, zeigt jedenfalls „Standby“ an. „In Bereitschaft“, was heißt das bei einem Katzenklo?
Aber die Beantwortung dieser Frage muss warten. Wir wollen über „Das geheime Leben der Deutschen“ sprechen – Wladimir Kaminers aktuelles Buch. Der gebürtige Russe beobachtet diese Deutschen schon ziemlich lange. Er ist 1990 – kurz vor der Wiedervereinigung – in die DDR eingereist. Dort habe er „humanitäres Asyl“ bekommen und die Staatsbürgerschaft der DDR, behauptet das Online-Lexikon Wikipedia. Eine kuriose Geschichte, die zu dem kuriosen Mann zu passen scheint. Sie stimmt aber nicht, sagt Wladimir Kaminer.
Geboren in einem Schwimmbad
Die Frage nach der Funktionsweise eines hochmodernen Katzenklos weicht einer anderen: Wie können die so was schreiben? Ein Ausländer, der die DDR-Staatsbürgerschaft bekommen hat – das sei „eine absurde Geschichte“. „Alien-Pass“ habe man das Ausweisdokument damals genannt. Deutscher Staatsbürger wurde er viele Jahre nach der Wiedervereinigung.
Er sieht sich „natürlich als Teil des Ganzen“, aber irgendwie auch als Badegast, der das alles beobachtet. Badegast? Das hat mit seinem Leben zu tun – und wie das angefangen hat, erzählt Wladimir Kaminer so: „Ich bin in einem Schwimmbad auf die Welt gekommen. Meine Mutter studierte Festigkeitslehre am Moskauer Institut für Maschinenbau, in ihrer Freizeit ging sie gerne schwimmen, in die offene Schwimmanstalt ,Moskau‘. Plötzlich kam ich. Meine Mutter legte mich in ein Aquarium und trug es nach Hause. Unterwegs schwamm ich im Aquarium hin und her.“ Und als wenn das noch nicht surreal genug wäre, fügt Kaminer hinzu: „Irgendein stark behaarter Fisch mit großem Schnurrbart kam mir entgegen, ich erschrak und weinte bitter. Der Fisch weinte ebenfalls. Dann lachten wir. Unsere Tränen lösten sich im Wasser des Aquariums auf, es wurde unerträglich salzig. Seitdem habe ich einen Salzzwang.“ „Diese Geschichte ereignete sich im vorigen Jahrtausend, die offene Schwimmanstalt ,Moskau‘ wurde inzwischen in die ,Kirche für Jesus den Retter am Kropotkin Boulevard‘ umgewandelt, stark behaarte Schnurrbartfische sind aus der Sowjetunion nach Kanada ausgewandert, und niemand mehr weiß, was Festigkeitslehre ist, außer meiner Mutter natürlich, doch sie will es nicht erzählen“, erklärt der Mann, der sich mit seinem Erzählband „Russendisko“ vor gut einem Vierteljahrhundert in die obere Liga der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren geschrieben hat.
Aber noch mal kurz zurück in die DDR: Das sei eine „besondere Zeit“ gewesen, erinnert sich Wladimir Kaminer, der heute in Berlin und Brandenburg lebt – wenn er nicht gerade auf einer seiner vielen Reisen ist. „Die DDR gab es nur noch formal. Für Berlin war das die beste Zeit: Ein Staat hat sich zurückgenommen, der neue war noch nicht richtig da.“ „Jede Menge kreative Energie“ habe es damals in der Stadt gegeben. „Berlin war wie ein großes Theater – ich war aber nur ein Statist in dem Ganzen“, sagt er.
Wladimir Kaminer kam vom Theater in Moskau, war Tontechniker und hat Dramaturgie studiert. Da er es schon immer spannend fand, „auch die Realität zu betrachten“, habe er in Deutschland „eine optimale Ausgangsposition zum Schreiben“ gehabt – oder wie er es formuliert: „Ich bin gerne Gast – hauptberuflich Badegast“. Und noch etwas erleichtere es ihm, über Deutschland und die Deutschen zu schreiben: „Ich bin ein großer Fan von Deutschland.“ Und zwar einer, der mit den Menschen redet, bevor er über sie schreibt.
Als er zum Beispiel seine Brandenburger Nachbarn gefragt hat, wo sie gerne Urlaub machen, habe er zur Antwort bekommen: Tropical Island. Das ist jenes künstliche Badeparadies mit Palmen und allem, was man sonst noch in den Tropen vermutet, unter einer Kuppel zwischen Berlin und Cottbus – also in Brandenburg. Die Erkenntnis: „Deutschland hat alles!“
Eine „große Erkenntnis“ sei auch gewesen, „wie gut Deutsche feiern können – besser als die Brasilianer oder die Leute in der Karibik“, sagt Kaminer. Er rede da nicht vom Oktoberfest oder dem Karneval. Nein, es sei erstaunlich, „was hier alles passiert – und kein Mensch weiß es“. Da gibt es in Hergisdorf im östlichen Harzvorland zum Beispiel das Dreckschweinfest. Wladimir Kaminer kommt gar nicht mehr aus dem Schwärmen raus. „Die haben sogar eine eigene Homepage und machen das seit 1.000 Jahren – natürlich noch nicht so lange mit Internet“, erklärt er.
Bundeskanzler wie Buchhalter
Er mag Deutschland auch, weil „die Menschen hier viel bewusster leben“: „Die laufen den Politikern nicht so hinterher und haben Vorbehalte gegen charismatische Persönlichkeiten mit großer Klappe. Deshalb sehen aber auch alle deutschen Bundeskanzler aus wie Buchhalter.“ Es sei ja auch „eine absurde Einstellung“, die Lösung aller Probleme von einer einzelnen Person zu erwarten. Da seien die Deutschen besonnener, während es „in Russland und in den USA immer ungemütlicher wird“.
Aber man dürfe sich da natürlich auch nicht täuschen: „Wir stehen auch als Deutsche am Beginn einer langen Geschichte. Und niemand weiß, wie sie ausgeht. Ein Happy End hat uns niemand versprochen – das ist ja auch keine Netflix-Serie.“ Aber der Humor könne „in solchen dramatischen Situationen“ durchaus helfen. „Man muss den Mut haben, sich lustig zu machen.“
Diesen Mut hat Wladimir Kaminer schon lange. Es ist erstaunlich, welch’ geheime Welt ans Licht kommt, wenn man sich den Deutschen mit so liebevoller Geduld und freundlicher Neugier nähert, wie Wladimir Kaminer es tut. Und weil er dazu noch einen besonderen Sinn für Humor hat, beobachtet er ebenso viel Erheiterndes wie Erstaunliches. „Seine Geschichten über das geheime Leben der Deutschen öffnen die Augen für gänzlich unbekannte Seiten von Land und Leuten“, schreibt sein Verlag über ihn. Wladimir Kaminer selbst sagt: „Viele Menschen geben eine Menge Geld für Fernreisen aus, sie wollen Exotisches erleben, dabei verpassen sie das wahre Abenteuer vor der eigenen Haustür. Um die Welt zu verstehen, musst du nicht ihr Ende suchen, sondern die Stelle, wo sie anfängt.“
Ja, es gäbe noch viel zu sagen über diese Deutschen, aber jetzt muss sich Wladimir Kaminer erst mal wieder dem Katzenklo-Problem widmen. Er will ja auch keinen Ärger mit der Katze. Und klar, sagt er, „ich schreibe auch noch etwas über dieses Katzenklo“.